Rezension zu »Ein wildes Herz« von Robert Goolrick

Ein wildes Herz

von


Belletristik · btb · · Gebunden · 352 S. · ISBN 9783442753741
Sprache: de · Herkunft: us

Licht und Schatten

Rezension vom 19.03.2013 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Wollen Sie wissen, was ein richtiger "Beebo" ist, warum in einem Tal bis in alle Ewigkeit ein "wildes Herz" schlagen wird und warum das beschauliche Leben in einem ländlichen 600-Seelen-Kaff plötzlich einen Riss erhält und ein böses Verbrechen alles zunichte macht? Dann lauschen Sie dem sech­zig­jäh­ri­gen Ich-Erzähler aus Robert Goolricks Roman "Ein wildes Herz".

Wohlbehütet lebt der fünfjährige Sam im Sommer 1948 mit seinen Eltern Will (Metzger) und Alma (Lehrerin) in Brownsburg, Virginia. Die liebenswerte, warmherzige Alma, von Will hochgeschätzt, steht ihm mit Rat und Tat zur Seite und hat den Haushalt im Griff. Ein frischer Duft von Bleiche durchzieht ihr vik­to­ri­ani­sches Häuschen.

In dieses Nest der Geborgenheit bringt Will eines Tages einen Fremden mit. Charlie Beale ist 39 und erst vor wenigen Tagen mit seinem alten ramponierten Pick-up aus dem Nirgendwo aufgetaucht. Nachts schläft er auf der Ladefläche seines Wagens, den er für einen Dollar direkt am Fluss abstellen darf. Tagsüber fährt er über Land oder läuft durch den kleinen Ort und sammelt Eindrücke. Hier passt jeder auf seinen Nach­barn auf, niemandem entgeht etwas. Geschützt hinter Gardinen, beobachtet man den attraktiven, gut gebauten Mann, registriert seine zwei Koffer und brennt vor Neugierde, was er darin wohl mit sich führt und über­haupt hier suchen mag.

Dass der eine Koffer jede Menge Messer, der andere jede Menge Geld enthält, macht den Mann zwar verdächtig, doch begegnet man ihm nicht mit Feindschaft, sondern eher mit abwartender Distanz. Auch Metzgermeister Will zögert, als Charlie seinen Laden betritt und ihn nach Arbeit fragt. Er habe das Hand­werk gelernt, es gebe nichts, was er nicht weiß, und er würde einen Monat umsonst arbeiten. Will weiß, wer die nötige Men­schen­kennt­nis besitzt und die richtige Entscheidung treffen wird. Deswegen lädt er den Bewerber zu sich nach Hause ein.

Charlie erlebt un­vor­ein­ge­nom­me­ne Gast­freund­schaft und wird Teil der Familie. Hinter der Theke des Metzgerladens überzeugt er mit seinem Sachverstand und seiner Freundlichkeit nicht nur Will, sondern auch die Kundschaft. Bald hat er die Herzen der Einwohner Brownsburgs erobert.

Charlie wurde in Ohio geboren. Als er aus dem Krieg dorthin zurückkehrte, war nichts mehr so, wie er es verlassen hatte. Seiner Wurzeln beraubt, musste er weg, machte sich auf die Suche nach einer neuen Heimat. In Brownsburg hat er sie jetzt gefunden. Er hat Arbeit, kauft ein Farmhaus - und gewinnt einen Freund, der ihm nicht mehr von der Seite weicht: den kleinen Sam. Als Charlie Beale sich vorstellte, war der kleine Mann gleich begeistert und machte aus seinem Namen ein jauchzendes "Beebo, Beebo!", in dem schon ein Unterton der Bewunderung mitschwang. Für Sam wird Charlie ein zweiter Vater - ein jugendlicher Kamerad, Vertrauter und Beschützer, mit dem er auf Abenteuer geht, durch Feld und Flur tollt, den Mond beobachtet, von dem er auf jede Frage eine Antwort erhält.

Charlies Glück scheint vollkommen, als eines Morgens die junge Sylvan die Metzgerei betritt. Charlie spürt gleich, dass sie die Frau ist, die er immer gesucht hat. Doch Sylvan ist verheiratet. Dass diese verbotene Liebe einen tragischen Verlauf nehmen muss, ist uns sofort klar, und auch der Ich-Erzähler lässt daran von Anfang an keinen Zweifel. Dennoch wird die Geschichte so geschickt aufgebaut und erzählt, dass man sie mit höchster Aufmerksamkeit und nicht nachlassendem Interesse gespannt verfolgt.

Robert Goolrick ist ein episch breiter Erzähler, der einen aus­schmü­cken­den Sprachstil pflegt. Zunächst nimmt er sich Zeit, um den Handlungsort vorzustellen. In Brownsburg ist alles hübsch und sauber, die Häuser mit ihren schmucken Vorgärten sind akkurat zur Hauptstraße hin ausgerichtet. Keiner verschließt die Türen, denn Verbrechen kennt man hier nicht. Auch Scheidungen sind nicht üblich, denn hier gilt Gottes Wort. Solange keiner die Regeln bricht, ist die Welt in Ordnung und Brownsburg ein glücklicher Ort. Selbst mit den siebzig schwarzen Bürgern der Stadt lebt man in trauter Eintracht, wenn auch streng separiert, wie es die Gesetze vorsehen. Die Schwarzen kommen morgens aus ihrem Viertel mit eigener Kirche als erste in Wills Metzgerei, und erst wenn sie gegangen sind, die Luft "rein" ist, gehen die Weißen ihren Einkäufen nach. Kurzum: Brownsburg ist ein Hort beklemmender Schein­hei­lig­keit.

Sylvan stammt nicht von dort. Sie wuchs in einem von den Er­run­gen­schaf­ten der Welt abgeschotteten Tal auf, wo die Familien autark sind und alles Fremde ungeprüft ablehnen. Ohne Schulbildung und Ahnung vom Leben in der Welt war sie ein einfaches, naives Ding. Ein bisschen Radiohören war ihr einziges Fensterchen nach draußen - und entflammte ihre Begeisterung für Hollywood und seine Stars. Wie die wollte sie sein, und ihr Liebhaber sollte ein Typ wie Humphrey Bogart sein.

So fand sie Brownsburgs reichster Mann, als er auf Einkaufstour nach einer Frau zum Vorzeigen unterwegs war. Wie er Autos, Ländereien und Vieh aufzukaufen pflegte, brachte er jetzt die anmutige sieb­zehn­jäh­ri­ge Sylvan mit. Der Vertrag, den ihre Eltern unterschrieben, knebelt Sylvan zeitlebens an diesen Mann.

Sylvan lebt sich rasch ein in ihre neuen Verhältnisse mit affektierter Sprache und edlen Kleidern, die die schwarze Schneiderin Mrs. Wiley für sie anfertigt. Die beiden verbindet ihr Außenseitertum und bald eine innige Freundschaft und Loyalität - aus der allerdings verheerende Folgen erwachsen.

Einen ähnlichen Verlauf nimmt die Beziehung zwischen Sam und Charlie. Ein gemeinsames Geheimnis, ein kindliches Versprechen, eine Falschaussage unterminieren die anfangs unbeschwerte Vertrautheit.

Robert Goolricks Plot nimmt uns von Anbeginn an gefangen, und seine geschickte Dramaturgie lässt uns keine Sicherheit. Die sonnige Atmosphäre der adretten Südstaaten-Kleinstadt wird verdüstert durch alltägliche Rassentrennung und fanatische Religiosität, so wie das Cover-Foto grelles Licht und dunkle Schatten kontrastiert. Wenn der Fremde mit seinen Messern auftaucht, sind wir ebenso skeptisch wie die kleingeistigen, bigotten Bürger des Ortes und befürchten das Schlimmste. Was täuscht der vor? Mit dem kleinen Sam lassen wir uns auf ihn ein, wünschen ihm schließlich, wenn wir mehr über ihn erfahren haben, dass er sein Glück finden möge, ohne Sylvan zu gefährden. Dann stürzen wir durch einen Strudel geheimer Treffen, echter Gefühle, falscher Machenschaften in eine grausame Katastrophe, aus der uns am Ende unerwartet versöhnliche Botschaften erlösen ...

Judith Schwaab hat "Heading out to wonderful" Robert Goolrick: 'Heading out to wonderful' bei Amazon ins Deutsche übersetzt.


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