Rezension zu »Außer sich« von Rosamund Lupton

Außer sich

von


Thriller · Hoffmann und Campe · · Gebunden · 429 S. · ISBN 9783455403558
Sprache: de · Herkunft: gb

Im Schwebezustand zwischen Leben und Tod

Rezension vom 05.01.2013 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Nur drei Menschen wurden bei der Brand­katas­tro­phe in der Grundschule eines privaten Trägers verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Mutter Grace, 39, liegt in der neuro­logi­schen Abteilung. Sie ist bis jetzt nicht mehr zu Bewusstsein gekommen. Ange­schlos­sen an einen Gerätepark wird sie künstlich am Leben erhalten. Ihre Tochter Jennifer, 17, wird in einer Spezial­ab­tei­lung für schwerste Ver­bren­nun­gen behandelt. Sie wird nur überleben können, wenn sich bald ein Spenderherz findet. Die 17-jährige Schul­assis­ten­tin Rowena hat Ver­let­zun­gen mittel­schwe­ren Grades davon­ge­tra­gen.

Während die Ärzte und Pfleger um das Leben von Grace und Jennifer kämpfen und Vater Mike zwischen den Kran­ken­betten hin und her pendelt, dem familiären Desaster aber machtlos zuschauen muss, stellt Mikes Schwester Sarah ihre Er­mitt­lun­gen zur Brand­ur­sache an.

Mit einem lite­rari­schen Kniff lässt die Autorin Rosamund Lupton in ihrem Roman "Afterwards" Rosamund Lupton: 'Afterwards' bei Amazon, den Barbara Christ übersetzt hat, ihre Pro­ta­gonis­ten Grace und Jennifer trotz ihrer schweren Handicaps weiterhin am Handl­ungs­ge­sche­hen teilnehmen. Einer Seelen­wan­de­rung gleich verlassen sie ihre Körper, um als eine Art Geister, die hören und sprechen können, die in der Realität agierenden Personen zu umschwänzeln. Ein bisschen hapert es allerdings bei der kon­sequen­ten Kon­zi­pie­rung der schwebenden Wesen. Zwar sind sie überall zugegen, aber dennoch ver­schlie­ßen sich ihnen Türen und hindern sie Wände. Sie können ihre Liebenden umarmen, aber darüber hinaus nicht ins Hand­lungs­ge­sche­hen eingreifen.

"Außer sich" ein Thriller? Wer das Buch mit dieser auf dem Cover sugge­rier­ten Er­war­tungs­hal­tung aufschlägt, wird enttäuscht. Da gibt es weder knisternde Szenen, in denen dem Leser der Atem stockt vor Angst um das Wohlergehen einer Figur, noch action­reiche Verfolgungen; da treibt kein Psychopath sein Unwesen, und auch die Ermittler sind durchweg "normal": Sie verhören Beteiligte, Betroffene und Verdächtige und untermauern ihre Er­kennt­nisse und Schluss­fol­ge­run­gen ganz rational, wie es sich gehört, z.B. mit DNA-Analysen. Die über­natür­liche bzw. aus der psychischen Extrem­situa­tion erwachsende Fähigkeit (Einen Er­klärungs­ver­such dafür erhalten wir nicht.) an sich kreiert ja noch keinen Nervenkitzel.

Interessant finde ich die vari­ieren­den Tempi im Hand­lungs­ver­lauf. Auf der einen Seite erlebt Mike, wie schnell sein gesamtes Fami­lien­leben den Bach hinunter rauscht, ohne dass er dem das Geringste ent­gegen­set­zen könnte; ihm bleibt nur zu warten, auf ein Wunder zu hoffen. Die Aufklärung der Hinter­gründe zu dem Brand­anschlag geht zügig und erfolgreich in knapp vier Tagen voran. In dieser Zeit erlebt Grace das, was vielen im Leben fehlt. Sie kann sich besinnen, sie kann auf ihre Familie blicken, und sie erkennt erst jetzt in der Außenansicht, was ihr über die Jahre nicht gelungen ist: Ist sie eine gute Mutter, eine gute Ehefrau gewesen? Warum hat ihre Tochter Jennifer sich nie ver­trauens­voll öffnen können? Wie steht sie zu Mike, ihrem rational natur­wis­sen­schaft­lich denkenden Mann, der mehr für die BBC unterwegs war, als sich um seine Familie zu kümmern? Und welch falsches Bild hatte sie von ihrer Schwägerin Sarah, einer Per­fek­tionis­tin in ihrem Beruf!

Was kann Grace nur tun? Da wird ihr sensibler kleiner Junge, der achtjährige Adam, als Täter geoutet. Er wurde gesehen, habe das Inferno beim Spielen mit Streich­höl­zern verursacht. Jetzt ist er trauma­tisiert, spricht kein Wort mehr, bräuchte seine Mutter mehr denn je. Aber sie kann ihn nicht mehr gegen die Unbilden des Lebens verteidigen. Wie soll er ohne sie groß werden?

Als am Ende der Täter dingfest gemacht ist, findet Grace ihre Ruhe. Sie weiß in Mike einen für­sorg­li­chen Vater, in Sarah eine zu­ver­lässi­ge Schwägerin, in ihrer Mum eine liebevolle Großmutter für ihre Kinder. Nun kann sie loslassen, in ihren Körper zurückfinden. Sie wird in neuer Bestimmung weiterleben. Ein Schluss, der ziemlich knapp an der Grenze zum Kitsch entlangschrammt ...

Rosamund Luptons Roman "Außer sich" ist unterhaltsam, dialogreich, leicht und flüssig zu lesen. Aber das Ergebnis ist mir insgesamt zu schlicht schwarz-weiß gemalt. Ein paar harmlose Bösewichter, wie sie das Leben nun mal bereitstellt, finden sich auf der einen Seite und werden nach­ein­ander auch als Täter ins Visier genommen. Auf der anderen Seite steht die ganz normale, gut­bür­ger­liche Familie: Vater, Mutter, eine intel­ligen­te Tochter, ein smarter Sohn. Wirkliche Probleme haben diese englische Bilderbuch-Familie bisher nicht belastet. Erst der Brand zerstört die heile Gegenwart des kleinen Mikrokosmos und gefährdet seine Zukunft. Zwei geliebte Familien­mit­glieder werden vielleicht bald aus ihrer Lebensmitte gerissen. Welche Emotionen, welche exis­ten­ziel­len Abstürze das für die Lebenden bedeuten kann, wird nicht the­ma­ti­siert - und glück­licher­weise auch nicht die Problematik um Koma-Patienten, Organ­trans­plan­ta­tio­nen u.ä. Derlei hätte denn doch mehr Tiefgang und Komplexität erfordert.


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