Rezension zu »Schilf im Wind | Canne al vento« von Grazia Deledda

Schilf im Wind | Canne al vento

von


Belletristik · Manesse · · 362 S. · ISBN 9783717518143
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Sardinien

»Die Deledda hat alles von uns Sarden begriffen«

Rezension vom 03.01.2013 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was Mintonia, die Protagonistin aus Salvatore Niffois großartigem Roman »Die barfüßige Witwe«, von ihrem Mentor Tziu Imbece hört, wird 1926 auch das Stock­holmer Komitee gewusst haben, das der Autorin Grazia Deledda (1871-1936) den Nobel­preis für Literatur zusprach, »für ihre von Idealismus getragenen Werke, die mit Anschaulichkeit und Klar­heit das Leben auf ihrer heimatlichen Insel schildern und allgemein menschliche Probleme mit Tiefe und Wärme behandeln.«

Ihr bedeutendstes Werk ist »Canne al vento« Grazia Deledda: »Canne al vento« bei Amazon von 1913, seit genau einhundert Jahren immer wieder von diversen Verlagen aufgelegt und in viele Sprachen übersetzt.

Im Kern geht es darin um den Niedergang einer einst angesehenen, wohlhabenden, nun verarmten Familie in einer entlegenen Gegend im kargen Inland des nördlichen Sardiniens. Wir erleben den ereignisarmen, tristen Alltag im bescheidenen, eingeengten Leben dreier Schwestern, ihrer Dienstboten und Mitbewohner im Dorf. Ihrer aller Leben wird definiert durch die materielle Reduktion auf das wenige, über das sie ver­fügen können, durch die sie allumfassende Natur, durch die Sitten, Konventionen, Ehrbegriffe, die ihr Wesen durchtränkt haben und denen niemand entrinnen kann, selbst wenn er sich räumlich entfernte – aufs Festland, auf Wanderschaft, auf Büßerfahrt.

Neben den drei Schwestern Ruth, Noemi und Esther Pintor ist ihr Knecht Efix der zentrale Charakter. Die Romanhandlung wird ausgelöst durch die Ankunft des jungen Don Giacinto, Sohn der vierten Schwester Lia, die als junge Frau aufs Festland geflohen war. Auf ihm ruhen nun Hoffnungen, den verfallenen Guts­hof wieder zu Leben und Erfolg aufblühen zu lassen; außerdem ruhen auf ihm die Augen der hübschen Grixenda und anderer Damen; und auch Vetter Don Predu beobachtet ihn, allerdings kritisch, denn er hat seine eigenen Pläne hinsichtlich der Kusinen und ihrem Anwesen.

Bald kehrt Ernüchterung ein. Enttäuschungen, Fremdheit und schicksalhafte Ereignisse aus der Ver­gan­gen­heit vereiteln eine glückliche Wendung des Schicksals.

Die Erzählung bietet keine Sensationen in der Handlung; sie fließt ruhig dahin, eine elegisch-melancho­lische Stimmung erzeugend, wie man sie noch heute in vielen Gegenden dieser seit Jahrtausenden unver­ändert scheinenden Insel erleben kann.

Sardinien ersteht vor unseren Augen und mit allen Sinnen – der Duft der Gärten und Felder, die gewunde­nen Wege, die sanften Hügel, die brütende Hitze der endlosen Weite, die frische Kühle an einem plät­schernden Bach, die üppige Vegetation, dazwischen die ärmlichen Behausungen, die eins mit der Natur sind und Tier und Mensch kaum Schutz gewähren. In der archaischen, von Zauberwesen beseelten Land­schaft bleibt der Mensch immer nur Gast, muss sich einfügen.

Die Widrigkeiten des Lebens nehmen die Bewohner geduldig und ergeben hin, aber ihre Religiosität, ihre alten Traditionen, Sitten und Gebräuche (etwa das Dorffest, das in der Handlung eine zentrale Rolle spielt), dazu unumstößliche Begriffe von Tugend, Ehre, Hoffnung, Pflicht und Verantwortung, Schuld und Sühne, Bändigung der Leidenschaften verleihen ihnen die Stärke, Stand zu halten, so wie es der Titel in seinem eindringlichen Bild widerspiegelt.


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