Rezension zu »Der Cop« von Ryan David Jahn

Der Cop

von


Thriller · Heyne · · Gebunden · 336 S. · ISBN 9783453267770
Sprache: de · Herkunft: us

Die Spur des Blutes

Rezension vom 12.11.2012 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Für den Schutz der Familie und überhaupt für Recht und Ordnung sorgt man am besten selber. Dieses uramerikanische Prinzip, gestützt durch den gesetzlich garantierten freien Zugang zu Waffen und das Selbstverständnis, sie im Falle eines Falles auch benutzen zu dürfen, steckt hinter dem Plot des neuesten Krimis "Der Cop" von Autor Ryan David Jahn.

In Bulls Mouth, einem texanischen Kaff, langweilt sich Ian Hunt in der polizeilichen Notrufleitstelle zu Tode. Er legt Patiencen, trinkt seine Sixpacks und wartet auf Ablösung. Da geht dasTelefon, und sofort erkennt er das Stimmchen wieder, obwohl er es seit sieben Jahren nicht mehr vernommen hat: "Bitte helfen Sie mir! ... Ich bin's, Maggie. Daddy."

Erst kürzlich hat er das Kapitel seiner Exfrau Debbie zuliebe endgültig abgeschlossen. Sie haben Maggie für tot erklären lassen und am leeren Grab gestanden, als sie in absentia beerdigt wurde. Das Mädchen war, als es sieben Jahre alt war, des Nachts aus seinem Bettchen entführt und nie gefunden worden. Danach hielt Debbie die Ehe mit Ian nicht mehr aus und trennte sich von ihm. Ian wurde lethargisch, blieb allein und behielt einzig die Hoffnung, eines Tages doch noch das Verbrechen an seiner Tochter aufgeklärt zu wissen; dann erst wäre seinem unnützen Lebensdasein eine Berechtigung verschafft.

Dass seine kleine Maggie über Jahre im Keller des seltsamen älteren Ehepaares Beatrice und Henry Dean in unmittelbarer Nachbarschaft gefangen gehalten wurde und Ian dem alten Dean obendrein regelmäßig über den Weg lief, scheint unfasslich. Doch die Realität bestätigt allzu oft genau diesen makabren Sachverhalt bei derlei Verbrechen.

Die Ermittlungen beginnen an der Telefonzelle, wo Fingerabdrücke genommen werden; dann folgen Verhöre in den umliegenden Geschäften. Doch alles verläuft ergebnislos. Maggie hatte offenkundig fliehen können, Henry Dean folgte ihr, verfrachtete sie im letzten Moment in seinen Pick-up und steuerte während seiner hektischen Heimfahrt in einen Maschendrahtzaun.

Durch dieses Loch eröffnete sich für die Dackel des Nachbarn ein Weg in die Freiheit, und weg waren sie, auf und davon. Zehn Dollar Fangprämie sind für jedes Tier ausgesetzt. Officer Diego Pena nimmt die Aufgabe ernst und gerne das Geld. Fast hat er sie alle beisammen, da sieht er einen der Dackel im Waldboden buddeln. Ans Licht kommt ein Massengrab, die Überreste von drei weiblichen Kinderleichen, einschließlich Kleidung und Spielzeug.

Henry Dean hat damit gerechnet, dass er bald entdeckt würde, und sich mit Waffen eingedeckt. Als die Polizei ihre Routinebefragung beim Besitzer des Grundstücks beginnt und an seiner Haustür klopft, eröffnet der sofort das Feuer. Schwer verletzt liegt der Chief am Boden, sein Gesicht ist bis zur Unkenntlichkeit weggeschossen, sein Kollege stirbt noch am Ort. Ian, der im Polizeiwagen sitzenbleiben sollte, springt heraus und geht in Deckung, doch Dean jagt ihm seinen Köter Bullshot auf den Pelz und zielt gut. Schwer verletzt wacht Ian im Krankenhaus wieder auf. Sein Plan steht fest - und niemand soll überleben, wenn er denn dadurch seine Chance wahrt, Maggie zu retten.

Mit diesem tödlichen Vorsatz und kernigen Waffen bestückt, begibt sich Ian Hunt auf die Verfolgungsjagd nach Henry samt Frau Beatrice mit ihrer Geisel Maggie. Von Texas geht die Fahrt durch die Wüste New Mexicos und weiter durch Arizona bis zu einer Geisterstadt im Süden Kaliforniens, einem Nest, in dem keine Ratte mehr lebt, wohl aber Henrys Bruder Ron. Hier, am Ende der klassischen road-movie-Strecke durch den Südosten der USA, legt der Autor einen filmreifen showdown hin.

In seiner Verzweiflung und blinden Entschlossenheit ist Ian Hunt zu allem bereit, um seine Tochter Maggie aus Henrys Klauen zu befreien. Um erst einmal zu erfahren, wohin die Deans getürmt sind, foltert er den Bruder mit dem festen Vorsatz, ihn zu töten, egal ob er plaudert oder nicht. Damit stehen Ian und sein Kontrahent Dean auf derselben Stufe der Unmenschlichkeit. Hinter dem Entführer liegt eine 1500 Meilen lange Spur des Blutes, denn er hat jeden Zeugen getötet, selbst Menschen, die ihm Gastfreundschaft erwiesen haben. Und nicht anders als Ian würde er alles tun, damit seine geliebte Beatrice eine Familie hat. Vor vielen Jahren hatte sie ihren Säugling Sarah beim Baden allein gelassen; bei ihrer Rückkehr war das Kind tot. Als Beatrice daraufhin in tiefe Depressionen verfiel, hat Dean das Äußerste unternommen, um ihr Glück wiederherzustellen: Er hat Babys und Kleinkinder entführt. Maggie wird er nicht hergeben, und auch Ian wird er töten.

Gut gefallen hat mir die literarische Umsetzung dieses gnadenlosen, äußerst rasanten Thrillers ohne Emotionen. In wechselnden Perspektiven spielen die Protagonisten die auf sie zurollenden Situationen durch, um ihre Vorgehensweise zu planen. Doch was dann tatsächlich eintritt, ignoriert ihre Zielvorgaben, der gesamte Ablauf verändert sich, sie verlieren die Kontrolle, derer sie sich sicher fühlten, und die rohe Gewalt eskaliert. Indem uns der Autor auch ihre Beweggründe, ihre psychologischen Motive offenlegt, sollen wir wohl Verständnis für ihr Verhalten in der Ausnahmelage aufbringen. Geschickt gemacht, denn die menschlichen Abgründe machen uns dadurch nur noch mehr schaudern.

Maggie - Sarah, wie die Deans sie nennen - wird in völliger Isolation gehalten und ist dort ihrer eigenen Angst ausgesetzt. Erst als sie ihren imaginären Gesprächspartner Borden, einen Jungen in Jeans und Chucks mit Pferdekopf, besiegt hat, schafft sie es, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mutig zu wehren. Ihr aussichtsloses Gefangenendasein, ein bedrückendes Martyrium, ist passagenweise in die Erzählung der Haupthandlung eingeflochten.

Ryan David Jahn, 1979 geboren, ist ein überzeugender Könner in seinem Genre. Für seinen Debütroman "Ein Akt der Gewalt" erhielt er den Debut Dagger Award (Lesen Sie hier meine Rezension zu Ryan David Jahn: 'Ein Akt der Gewalt' auf Bücher Rezensionen). Sein drittes Buch "Der Cop" (im Original The Dispatcher) wurde jetzt von Ulrich Thiele ins Deutsche übersetzt.


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