Rezension zu »Der Gefangene des Himmels« von Carlos Ruiz Zafón

Der Gefangene des Himmels

von


Belletristik · Fischer · · Gebunden · 416 S. · ISBN 9783100954022
Sprache: de · Herkunft: es

Der Graf von Montjuic

Rezension vom 10.11.2012 · 13 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Internet, Ebooks und Online-Handel haben keine Schuld daran, dass sich für die in der Fensterauslage präsentierten Bücher niemand interessiert. In der Weihnachtszeit des Jahres 1957 gibt es ja noch nicht einmal Computer. Dennoch läuft das Geschäft der Buchhandlung Sempere & Söhne in Barcelona nicht gut. Da erscheint es Daniel (Sempere junior) fast wie ein Wunder, als ein alter Mann den Laden betritt. Seine Ausstrahlung ist unheimlich, wenn nicht beängstigend - weniger wegen des faltigen Gesichts als wegen seines kriegsverletzten Beins, der Handprothese aus Porzellan und der krächzenden Stimme. Er weiß offenbar genau, was er sucht, und nimmt mit seinem Adlerblick die alte schwarze Vitrine aus Urgroßvaters Zeiten ins Visier. Ausgerechnet das wertvollste Buch darin, ein Sammlerstück, hat es ihm angetan. Ohne mit der Wimper zu zucken legt er einen Hundert-Peseten-Schein auf die Theke, lässt nicht nur das Wechselgeld von 65 Peseten zurück, sondern auch das Buch: "Der Graf von Monte Christo" von Alexandre Dumas. Mit einer Widmung versehen soll Daniel es weiterreichen: "Für Fermín Romero de Torres, der von den Toten auferstanden ist und den Schlüssel zur Zukunft hat".

Auf die geheimnisvolle Zueignung kann Daniel sich keinen Reim machen. Er kennt Fermín seit Jahren; sie sind beste Freunde, und Fermín hilft in der väterlichen Buchhandlung mit. In letzter Zeit ist Fermín allerdings niedergedrückt, bis auf die Knochen abgemagert - und das, obwohl er bald heiraten wird. Als Daniel ihm am Nachmittag das Buch samt Inschrift überreicht, zieht es Fermín das letzte bisschen Farbe aus dem Gesicht.

Jetzt ist für Fermín die Zeit gekommen, Daniel endlich etwas aus seiner düsteren Vergangenheit zu erzählen, und damit beginnt der parallele Handlungsfaden aus der Zeit um 1939 in Carlos Ruiz Zafóns neuem Roman "Der Gefangene des Himmels". Damals saß Fermín im Gefängnis des Kastells Montjuic ein. Im Jargon der Wachen war er der "Mieter" der Zelle Nr. 13. Grauenerregend ist das Kerkerdasein in der Zeit nach dem spanischen Bürgerkrieg unter der Herrschaft des Diktators General Francisco Franco. Wer nicht an der Folter verreckt, verendet an Hunger oder Krankheit oder im Dreck. Aber Fermín wird entkommen.

Das verdankt er dem Schriftsteller David Martín, mit dem er die Gefangenschaft teilt. Fermín kennt und schätzt die literarische Schöpfungskraft des Mannes, hat sein bekanntes Werk "Die Stadt der Verdammten" gelesen und ist immer ein stiller Bewunderer gewesen. Obwohl er nun einen geistig verwirrten Eindruck macht, heckt er mit Fermín einen Plan aus, der auf Dumas' Abenteuerroman um den Grafen von Monte Christo beruht. Ehe Fermín flieht, verspricht er Martín, sich um Isabella, eine schöne junge Dame, und ihren Sohn zu kümmern. Doch als Fermín in Freiheit ist und Isabellas Spuren folgen will, muss er erfahren, dass sie tot ist ...

Alles dreht sich um den "Friedhof der vergessenen Bücher". Bevor wir den eigentlichen Roman beginnen, lesen wir eine kurze Einführung des Autors zum Gesamtkonzept seines vierteiligen Zyklus über das literarische Universum. Nach La sombra del viento (2001, deutsch: Der Schatten des Windes, 2003) und El juego del ángel (2008, deutsch: Das Spiel des Engels, 2008) erschien 2011 der von vielen begeisterten Lesern heißersehnte dritte Teil El Prisionero del Cielo; soeben (Ende Oktober 2012) hat der S. Fischer Verlag die deutsche Version "Der Gefangene des Himmels" herausgebracht. Wie schon die beiden ersten Teile der Tetralogie hat auch diesen Peter Schwaar ins Deutsche übersetzt.

Tatsächlich kann man jeden Teil unabhängig von den anderen lesen, wie es der Autor verspricht. Ich habe die Bände 1 und 2 nicht gelesen, kannte also die handelnden Figuren noch nicht (zum Beispiel David Martín, den Protagonisten aus "Das Spiel des Engels") - dennoch war der Plot völlig transparent. Und sofort fühlte ich mich geborgen in einer wundervollen, warmen Stimmung.

Daniel Sempere, Fermíns aufmerksamem Zuhörer, bleibt dagegen vorerst noch vieles verborgen. Isabella ist seine Mutter. Was hatte sie mit dem Inhaftierten zu schaffen? Warum musste sie sterben? Sie war doch immer kerngesund, bis sie plötzlich und unerwartet erkrankte. Im Jahr 1960 steht Daniel an ihrem Grab. Er weiß, "dass die Geschichte, seine Geschichte, noch nicht zu Ende ist. Sie hat eben erst angefangen."

Fortsetzung folgt ...

Als begeisterte Leserin fasziniert mich das Konzept des spanischen Autors Carlos Ruiz Zafón, einen Zyklus literarischer Werke der Literatur zu widmen und als spannenden, geheimnisvollen, atmosphärisch dichten Schmöker-Mehrteiler zu realisieren. Mehr denn je droht das Erzählen zum massenhaften Konsum- und Wegwerfprodukt zu verkommen, auf Moden und Zielgruppen zugeschnitten, auf Gewinnoptimierung angelegt, kurzlebig und anspruchslos unterhaltsam.

Zafón hält mit eindrucksvollem Sprachstil und langem Atem dagegen, und wer diese Tür erst einmal öffnet, kann sich kaum mehr entziehen.

"Marina", Carlos Ruiz Zafóns Roman von 1999, der erst 2011 ins Deutsche übersetzt wurde, gehört zu meinen Lieblingsbüchern des letzten Jahres. Der Erzählgestus ist genauso märchenhaft geprägt, aber es beeindruckt und betört zugleich mit breiter angelegten literarischen Stil- und Handlungselementen. Dominieren in "Der Gefangene des Himmels" Angstgefühle und Rachegedanken, so wirken die doch geradezu flach, wenn man den wahren Horror in "Marina" zu spüren bekommen hat. Durch Phantasie und Magie gebundener Grusel erzeugt einen ganz besonderen Zauber, der sich am Ende auflöst wie eine Sternschnuppe am Firmament.


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