Rezension zu »Im Tal des Vajont« von Mauro Corona

Im Tal des Vajont

von


Belletristik · Graf · · Gebunden · 288 S. · ISBN 9783862200245
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Venetien

Kopf und Hände des Schicksals

Rezension vom 13.11.2012 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Vajont (oder Vaiònt) ist ein Sturzbach, der in den friaulischen Dolomiten entspringt, durch ein enges, tiefes Tal rauscht und nach nur zehn Kilometern und ca. 400 Höhenmetern in den Piave mündet. Berühmt ist er, weil 1963 ein Bergrutsch seinen Stausee bei Longarone überschwappen ließ - eine Katastrophe, die 2000 Todesopfer forderte. In dieser wilden Bergregion, etwa 100 km nördlich von Venedig, trägt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu, was Mauro Corona - der selbst hier aufgewachsen ist - erzählt. Genauer gesagt: Er veröffentlicht lediglich die Lebensgeschichte eines Vorfahren, die dieser 1920 mit eigener Hand in ein schwarzes Heft eintrug; dieses wurde kürzlich wiedergefunden und dem Autor zugetragen (so die Rahmenhandlung).

Severino Corona, genannt Zino, der Ich-Erzähler und Schreiber, wird 1879 geboren. Als er 15 ist, spaltet einer aus der Gegend seinem Vater den Kopf. Die Mutter stirbt an gebrochenem Herzen. Eine jenseits- und alkoholsüchtige Tante nimmt sich Zinos und seines kleinen Bruders Bastianin, geboren 1887, an. Für den Mord geht einer für zwanzig Jahre ins Gefängnis, obwohl er unschuldig ist; der wahre Täter gesteht erst auf seinem Totenbett.

Als Zino 17 ist, nimmt sich die doppelt so alte Nachbarstochter Maddalena Mora seiner an. Ohne Umschweife lehrt ihn die rabiate Dorfhure ihr Repertoire, bis sie vier Jahre später nach einer missglückten Stricknadel-Abtreibung die Sentenz "Wer tötet, muss sich selber töten." auf einen Milchbottich schreibt und sich erhängt. Der Spruch wird Zinos Bestimmung.

Raggio ("der Strahl"), Zinos bester Freund, heiratet ein breithüftiges, geheimnnisvoll schweigsames Mädchen aus San Martino. Doch schon während der Feier auf dem Dorfplatz wirft sie Zino deutliche Blicke zu. Später stellt "sie" - deren Name nie ausgesprochen wird - ihm nach, lockt, reizt, provoziert ihn. Lange hält er stand, weist sie barsch zurück, wohl wissend, dass er, gäbe er nach, das Leben dreier Menschen zerstören würde. Doch dann wird er schwach.

Schon aus dieser Zusammenfassung des ersten Handlungsdrittels erkennen wir, wie die raue, mitleidlose Bergwelt die Menschen über Generationen gefordert, geprägt und verformt hat. Für zarte Gefühle ist im Tal des Vajont kein Raum. Unberechenbar schlägt das Schicksal zu, bei den Guten wie den Schlechten. Fatale Fehler und unkontrollierte Leidenschaften fordern ihren Preis. Wenn der Überlebenskampf so hart und hoffnungslos ist, suchen die Menschen nach Gründen und Trost im Irrationalen. Gottesfurcht wird begleitet von Aberglauben. Die Natur selbst ist dämonisch genug; in unergründlichen Höhlen und Dolinen werden etwas absonderliche Menschen zu Hexen.

Die beiden Ehebrecher können ihrer heimlichen Vergnügungen nicht froh werden. Zino belastet täglich sein Gewissen, wenn er mit Raggio in ihrer gemeinsam betriebenen Käserei arbeitet. "Sie" verachtet den braven und ahnungslosen Mann, der ihr keine Kinder schenken kann. Mordgedanken kommen auf, die Befreiung versprechen, und ergreifen Besitz von "ihr". Zino lehnt solche Pläne ab, woraufhin "sie" ihn ebenso demütigt wie Raggio. Als der Druck unerträglich wird, lässt Zino sich auf einen Ausweg ein, der Raggios Leben verschont: Er vergiftet seinen Freund mit Tollkirschen.

Raggio verliert den Verstand. Einerseits fühlt und gebärdet er sich als König und schnitzt anmutige Madonnen, andererseits wird er von Visionen heimgesucht - Blutschnee, Blutregen, Blutmilch - und schwingt immer gefährlicher seinen Stock. Mit dem werde er Zino eines Tages töten, droht er mit wachsender Entschlossenheit.

Auch "sie" verfällt dem Wahnsinn. Wie Lady Macbeth hält sie dem Druck nicht stand und endet nach einer grausigen Tat in der Irrenanstalt.

Gerechtigkeit wird augenfällig durch Rache geschaffen, und Rache ist ein dominierendes, vielfach variiertes Motiv dieses Romans. "Wer tötet, muss sich selber töten." - Die vier Mörder der verhassten alten Hexe Melissa sterben einer nach dem anderen auf unnatürliche Weise. - Bastianin verübt gänzlich unerwartet einen Rachemord und geht bereitwillig ins Gefängnis, um dafür zu büßen.

Schon der Titel des Romans versinnbildlicht das Rachemotiv. Der Schatten von Zinos Stock hängt wie ein Damoklesschwert über Zino, egal wie weit er sich entfernen mag. Spannung entsteht für den Leser aus der Frage, wie sich die Rache manifestieren wird.

Hoch oben im Gebirge kommt es zum entscheidenden Zweikampf. Raggio schäumt vor Wut, aber Zino richtet es ein, dass sein Verfolger mitsamt seinem Stock in eine Foiba, eine unermesslich tiefe Karsthöhle stürzt.

Doch der Fluch der bösen Taten verfolgt Zino weiter. Zwar findet er sogar noch einmal ein "Paradies", aber keinen Frieden mehr. Sein Schicksal ereilt ihn in einem wuchtigen Schluss wie in uralten Sagen und Balladen.

Ehe er seinem unerträglichen Leben ein Ende bereitet, schreibt Zino hastig auf, was ihm widerfahren ist - in das schwarze Heft, das nun Mauro Corona in Händen hält.

Das Konzept der Rahmenhandlung und der damit verbundene Wahrheits- und Authentizitätsanspruch erklärt, warum der Erzähltext stilistisch befremdlich ist. Corona gibt vor, er habe lediglich Absätze und Satzzeichen in den gänzlich unstrukturierten Fließtext eingefügt. Der schlichte Stil voller Redundanzen, die penetranten Vorausdeutungen auf unheilvolle Ereignisse ("bis es geschah", "bis sie auftauchte"), die assoziative Struktur (Der Ich-Erzähler macht mehrere Anläufe, sein Leben "von vorn" zu erzählen, und verheddert sich doch immer wieder.) sollen also auf Zinos Konto gehen, nicht auf Coronas. Die Einfachheit der Sprache lässt andererseits eine vertrauliche Gesprächssituation entstehen, als öffne sich Zino dem Leser persönlich, und in der Tat vertraut er uns ja seine intimsten Erfahrungen ebenso an wie seine Schwächen, seine Schande, seine Schuld.

Dass Corona ein großer Erzähler ist, erfahren wir in vielen bildkräftigen Szenen: Raggios Wahnsinn, das Geschenk eines riesigen Käselaibes für den Priester, der tödliche Wettlauf rund um das gewaltige Erdloch ...

Wer derlei Ausflüge in den brachialen Alltag vergangener Zeiten und abgeschiedener Regionen mit einer gehörigen Portion Mystik schätzt, der wird über die eigenwillige Sprachgestaltung gern hinwegsehen.

L'ombra del bastone wurde von Helmut Moysich ins Deutsche übersetzt.


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