Rezension zu »Der ungeladene Gast« von Sadie Jones

Der ungeladene Gast

von


Belletristik · DVA · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783421045553
Sprache: de · Herkunft: gb

Treibjagd im Salon

Rezension vom 08.02.2013 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Auf ihrem Landsitz Sterne, erbaut 1760, organisiert die wohlgebettete Hausherrin Charlotte Swift eine festliche Abendveranstaltung mit Dinner. Anlass ist der 20. Geburtstag von Töchterchen Emerald. Neben deren Freunden aus Kindheitstagen ist insbesondere der reiche Fabrikbesitzer John Buchanan geladen - und als potenzieller Schwiegersohn ins Auge gefasst.

Doch alles kommt anders als geplant. Das hatten bereits die düsteren Vorzeichen ahnen lassen: Sterne steckt in finanziellen Schwierigkeiten; der Hausherr ist unterwegs, um die dreuende Zwangsversteigerung abzuwenden; dazu passend bahnt stürmisches Regenwetter die aufkommende Katastrophe an.

Und dann geschieht auch noch ein Unfall. Weil auf einer Nebenstrecke eine Weiche falsch gestellt war, entgleist ein Zug; es gibt Tote und Verletzte. Die Great Central Railway-Eisenbahngesellschaft kann die gesund gebliebenen Passagiere nicht weiterbefördern und muss für Notquartiere sorgen. Da bietet sich in der Einöde im Nordwesten Englands nur Sterne an. So stranden fast zwei Dutzend Angehörige der sozialen Unterschicht im glanzvoll aufbereiteten Herrenhaus.

Lady Charlotte weiß, was sie von diesen jämmerlichen, abgerissenen Gestalten zu erwarten hat: Wahrscheinlich werden sie alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Mit solchen Existenzen will sie nichts, aber auch gar nichts zu schaffen haben. Da ist es ratsam, sie prophylaktisch alle im Frühstückszimmer einzusperren. Erst nach Stunden des Ausharrens wird auf Bitten der Erschöpften Tee für alle gereicht. Nein, Charlotte Swift ist kein Musterbeispiel einer Gutsherrin, die sich aufopferungsvoll der charity widmet, sondern das glatte Gegenteil: arrogant, selbstsüchtig und voller Standesdünkel (dessen finanzielle und soziale Grundlage sich allerdings längst in Luft aufgelöst hat).

Nachdem die meisten Geburtstagsgäste längst eingetroffen und die Passagiere der 3. Klasse einquartiert sind, trudelt etwas verzögert ein Nachzügler der unglückseligen Reisegruppe ein. Vor allem Clovis, Charlottes Sohn, beeindruckt er sogleich durch seine noble Kleidung (fesche rote Seidenweste!), gepflegte Attitüden und einnehmende Schmeicheleien. Während man das elende Gesindel seinem Schicksal überlässt, wird ein Fremdling dieser Couleur selbstverständlich zum Festmahl gebeten. Da das Anwesen noch nicht elektrifiziert ist, tafelt die honorige Gesellschaft in passender Abendrobe bei Kerzenschein - und das unsägliche Spiel, das der "ungeladene Gast" aufdringlich einbringt, nimmt seinen Lauf ...

Die Protagonistin Charlotte und ihren Gegenspieler, den "ungeladenen Gast", verbindet etwas Geheimnisvolles, Animalisches, das während des perfiden "Gesellschaftsspiels" auch die anderen Gäste überkommt. Im Verlauf einer "Treibjagd" verfolgen die feinen Abendgäste als "Hunde" ihr Opfer, das "Reh"; je mehr peinliche Wahrheiten die menschlichen Mitspieler dabei ans Licht befördern, desto ungehemmter bricht ihre eigene Trieb- und Instinktnatur den Firniss guter Sitten auf.

Als positive Gegenfigur entpuppt sich Charlottes drittes Kind: die 13-jährige Smudge. In der Familie vernachlässigt, in Mutters Kabinett nicht gern gesehen, ist sie sich selber überlassen und lebt ihre Freiheiten unbedrängt von Etikette und Klischee aus. Sie wandelt im Schlafanzug, zeichnet mit Kohlestiften die Umrisse von Tieren an ihre Zimmerwand und schafft es, während der abendlichen Zeremonie klammheimlich ihr Pony über die Treppen ins Obergeschoss zu bugsieren. Smudge hat ein empfindliches Gespür für Vibrationen und ein gutes Ohr für die zwischenmenschlichen Töne in den Räumlichkeiten, in denen die Reisenden aus der Holzklasse mittlerweile nach Nahrung suchen. Sie kann zwar nicht wirklich verstehen, was geschieht, aber immerhin befremden sie das Hundebellen und das Geschrei der jagenden Gäste im Salon ebenso wie die rätselhaften Abgesänge der Verzweifelten unter dem Dach, das nur für Auserkorene gastfreundlich ist.

Sadie Jones' neuester Roman "Der ungeladene Gast" ist einerseits ein sozialkritischer Gesellschaftsroman, eine Sittenposse, die sich - anders als die (anspruchsvollere, seriösere) Fernsehserie Downton Abbey - auf amüsante Weise über die "bessere" Gesellschaft vom Lande hermacht. Einst wohlhabend, aber unter dem Fehlen eines Adelsprädikates leidend, sind den Gutsbesitzern inzwischen auch Geld und Ansehen abhanden gekommen, so dass der mühsam aufrecht erhaltene äußere Glanz blamable Brüche erleidet. (Diesen Ansatz soll wohl auch die dem Roman vorangestellte Doppelzeile aus Lord Byrons zeitkritischem, satirischem Erzählgedicht "Don Juan" stützen: "Und Mylords Tafel ist so wohlbestellt, um selbst am Styx die Geister zu versuchen.".)

Andererseits greift die Autorin Motive der gothic novel auf, der britischen Schauerromane des 19. Jahrhunderts. Nach allerlei geisterhaften Erscheinungen und Heimsuchungen der Hausherrin sind mit dem anbrechenden Morgen - Sonnenaufgang! - die unerwünschten Wesen wieder verschwunden, und mit ihnen auch der "ungeladene Gast". Schließlich erlauben unerwartete Wendungen sogar ein harmonisches, restauratives happy ending ...

Zwischen diesen beiden Schienen bleibt der Roman leider etwas unentschieden: Er ist nicht so richtig ironisch, aber auch nicht so richtig ernst zu nehmen; zwar erhebt er einen gewissen Anspruch, bietet aber unterm Strich doch einfach nur leichte, amüsante Lektüre - was beileibe nicht das Schlechteste ist!

"The uninvited guests" Sadie Jones: 'The uninvited guests' bei Amazon wurde von Brigitte Walitzek ins Deutsche übersetzt.


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