Rezension zu »Kinder des Jacarandabaums« von Sahar Delíjaní

Kinder des Jacarandabaums

von


Belletristik · Droemer · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783426199732
Sprache: de · Herkunft: us

Eine iranische Familie

Rezension vom 20.02.2015 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wie oft hat sich dieses tragische Muster in der Menschheitsgeschichte schon wie­der­holt? Angeführt von idealistischen Revolutionären befreit sich ein Volk unter großen Opfern von einem Unterdrücker. Doch schon bald leidet es genauso wie vorher – weil die Idealisten beiseite geschoben wurden oder selbst ihre Ideale verrieten und zu Unterdrückern wurden ...

Die Iranische Revolution von 1979 war so eine Tragödie. Schah Reza Pahlavi stürzte trotz bzw. wegen sei­ner Reformpläne (»Weiße Revolution«) und seiner Polizeistaatmethoden, sein Erzfeind Ajatollah Cho­meini kehrte, von Millionen gefeiert, aus dem Pariser Exil zurück und errichtete binnen weniger Wochen einen »Gottesstaat« schiitischer Prägung unter seiner eigenen Führung. Seine geistlichen Rivalen, das Mi­litär und sämtliche anderen Schah-Kritiker, wie liberale und linke Gruppen, waren in kürzester Zeit ausge­schal­tet, alle Alternativen einer toleranteren Staatsform ausgeschlossen. (Die »Iranische« in »Islamische Re­vo­lu­tion« umzubenennen war einer von Chomeinis ersten offiziellen Akten gewesen.) Chomeinis »Got­tes­staat« entpuppte sich schnell als totalitäres Regime, dessen Schergen jegliche kritische Regung brutal aus­merz­ten. Die Männer und Frauen des Freiheitskampfes von einst erwartete, sofern sie sich nicht un­ter­war­fen, Verfolgung, jahrelange Inhaftierung, Folter und Tod.

Sahar Delíjaní ist ein wahres Kind jener Revolution: Sie wurde 1983 im Evin-Gefängnis (Teheran) gebo­ren, dem Foltergefängnis schlechthin, wo ihre Eltern, Aktivisten gegen das Ajatollah-System, inhaftiert wa­ren. Alles Leid, das ihrer Familie angetan wurde, verarbeitete die Autorin in ihrem Erstlingsroman »Children of the Jacaranda Tree« Sahar Delíjaní: »Children of the Jacaranda Tree« bei Amazon (übersetzt von Juliane Gräbener-Müller). Sie beschränkt sich dabei ganz auf die persönlich-menschliche Ebene; die politisch-historische Entwicklung deutet sie nur an.

Die Handlung beleuchtet vier Zeitphasen: 1983 (die Schreckensherrschaft der Mullahs hatte sich etabliert) – 1988 (siegerloses Ende des Iran-Irak-Krieges; das Regime suchte sich durch brutale »Säuberungen« zu stärken) – 2009 (Massendemonstrationen nach Wahlfälschungen) – 2010/2011 (Aufarbeitung der Famili­engeschichte). Wir begleiten die zahlreichen Mitglieder aus drei Generationen einer weit verzweigten (fik­ti­ven) Familie durch eine Vielzahl lose verbundener Szenen.

Symbolische Keimzelle der Familie ist der Jacarandabaum, der im Garten der Großmutter, Maman Zinat, Duft und Schatten spendet. Sie lebt mit ihrer Tochter Leila in dem Teheraner Haus »mit seinen alten Mau­ern und seiner niedrigen blauen Tür ... umgeben von Schatten und Geflüster. Sie waren die letzten Wäch­te­rin­nen der Vergangenheit«. Hier wird alles Wissen bewahrt, manches Geheimnis gehütet; hierher kehren die Jüngeren aus nah und fern immer wieder zurück.

Die Autorin erzählt Phasen aus den Lebensläufen von etwa sechs Frauen und ihren Kindern. Ihre Schick­sale ähneln einander, denn alle waren in antirevolutionäre Aktivitäten verwickelt. Azar zum Beispiel unter­richtete gleich nach der Revolution Dorfkinder »voller Leidenschaft für ein neues ... besseres, gerechteres Land«. Schon bald aber wusste sie, »dass irgendetwas schiefgegangen war. Die Männer mit den strengen Gesichtern, die ... beanspruchten, die Verkünder der rechtschaffenen Worte und heiligen Gesetze zu sein, ließen sie schaudern ... Ihre Worte waren Gesetz geworden, und alle anderen waren in den Untergrund ge­gangen.« Auch Azar und ihr Mann Ismael (Marxisten?) nehmen an geheimen Versammlungen teil, drucken Flugblätter, verbreiten versteckte Botschaften, brechen zu aller Schutz den Kontakt mit den Eltern ab – und werden doch verhaftet. Azar, hochschwanger, lebt im Evin-Gefängnis unter unmenschlichen Bedingungen. Ihren Zustand nutzt man bei den Verhören gnadenlos aus. »Namen, Daten, Orte« wollen ihre Folterer von ihr wissen, doch sie verrät niemanden, obwohl Wehen ihren Körper zerreißen.

Meysam ist einer der vielen mächtigen »Revolutionswächter«, die, überzeugt, das Richtige zu tun, auf­rech­ten Hauptes ihren Dienst im Gefängnis leisten. Azar weiß, dass diese stolzen Männer im Hochgefühl ihres Revolutionssieges sich schon bald im grausamen »Heiligen Krieg« gegen den Irak schlagen müssen. Mit dessen Ende (1988) kam für die Machthaber eine »ideale Zeit, um sämtliche Dissidenten zu beseitigen, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.«

Azar gebiert 1983 im Gefängnis eine Tochter, Neda, die etwas später, wie es üblich war, an Verwandte über­geben wird. Das Baby wohnt bei Großmutter Zinat und Tante Leila im Haus mit dem Jacarandabaum, bis seine Eltern ihre Haftstrafe verbüßt haben und entlassen werden. Solange Neda klein ist, schildert Azar ihr ihre Kinderstube im Gefängnis als eine Art lustiger Spielplatz, wo sich »nicht nur eine Mutter ... son­dern dreißig« mit dem Baby amüsiert hätten. Neda wächst mit dem wohligen Gefühl auf, ein »Glücks­kind« zu sein, obwohl der Alltag schwer ist: Essen nur auf Bezugsschein oder auf dem Schwarzmarkt, heulende Sirenen, Bomben auf Teheran.

Die Familien waren zum Schweigen verpflichtet, schwiegen aber auch freiwillig, um die Kinder zu scho­nen, vor allem nach den grausamen Massakern von 1988. Viele junge Menschen erfuhren daher nie, was mit ihren in den Gefängnissen gequälten oder hingerichteten Müttern und Vätern geschehen war. Dabei haben sie oft selbst erlebt – ohne zu begreifen –, wie die Schergen kamen, das Haus verwüsteten, die El­tern mit­nah­men. Mit dem Älterwerden wuchs der Druck, diesen Teil ihrer Familienidentität zu erfahren. »Ge­heim­nis­se stehlen einem nämlich die Kindheit.« Dies ist eine der zentralen Triebfedern im Handeln der Ro­man­fi­gu­ren aus der dritten Generation.

Auch Azar deckt nach und nach die andere Seite der Wahrheit auf: ihre Ängste vor den unberechenbaren, neidischen Zellengenossinnen, die »nachts, während Azar schlief, über den Kopf ihrer kleinen Neda tram­peln« könnten; ihre Albträume, sie könne ihr Neugeborenes am Ende verlieren; das erlebte Grauen von »Frauen, die den Verstand verloren hatten. Frauen, die nie mehr zurückgekommen waren«. Tagelang ver­sinkt Azar in innerer Dunkelheit, und Neda spürt, »dass die Zukunft schon vor langer Zeit Schaden ge­nom­men hatte. Ebenso wie die Kinder«.

Etliche der Frauen, die solche Schicksale erlitten hatten, verlassen das Land. Azar und Neda finden in Tu­rin eine neue Heimat; Firozeeh und Tochter Donya wandern in die USA aus; Simin und Forugh (die ihre Mutter erst als Fünfjährige kennenlernte) emigrieren nach Deutschland.

Eine zentrale Rolle spielt die Familie von Maryam, die mit ihrer Tochter Sheida nach Italien ausreist, aber nach vier Jahren zum Grab ihres Mannes Amir zurückkehrt. 45 Tage brutaler Folter hatten ihn nicht bre­chen können. Nach zwei Jahren Haft wurde er zum ersten Mal einem Prozess zugeführt. Binnen fünf Mi­nuten befand ein Mullah ihn für schuldig: »Gründung einer marxistischen Gruppe ... Planung des Umstur­zes der Islamischen Republik Iran, Atheismus«. Bis er Jahre später hingerichtet wird, hält ihn die Erinne­rung an das kleine Bündel, das er in seinen Schoss legen durfte, am Leben: »Hier ist dein Kind.« In aller Heim­lich­keit bastelt er für Sheida ein Armband aus Dattelkernen. Es soll ihr zeigen, dass ihr Vater einer war, »der das Leben nie aufgibt«.

Im Juni 2009 bricht die Stunde der »Kinder der Revolution« an. Die Wahlen (Amtsinhaber Ahmadined­schad erklärte sich zum Sieger) erweisen sich als manipuliert, es kommt zu Massendemonstrationen, gegen die das Regime scharf durchgreift. Auch Sara und Omid (ein Vierteljahrhundert zuvor hatten Revolutions­wäch­ter ihre Eltern nach einer Hausdurchsuchung einfach abgeführt) nehmen an Schweigemärschen teil: »Die ganze Welt sollte wissen, dass es uns gab ... dass unsere Generation erwachsen geworden war ... dass wir Entscheidungen treffen wollten und konnten.« Dank der modernen Kommunikationswege werden die Er­eig­nis­se weltweit verfolgt, auch von Sheida in Turin.

Was sie sieht, wühlt sie auf, lässt sie zweifeln an der Geschichte von Amirs Krebstod, die Maryam ihr jahr­zehn­te­lang aufgetischt hatte. Sie fliegt nach Teheran und zwingt ihre Mutter, ihr endlich die Wahrheit of­fen­zu­le­gen. Erst da gibt Maryam ihr das Armband aus Dattelkernen ...

Im Haus des Jacarandabaums, in Deutschland und Italien begegnen die Cousins einander und ihren Müt­tern. Was sie erfahren, sprechen, denken und tun (darunter auch viel Belangloses), ist der Inhalt vieler Seiten, aus denen sich schließlich ein Mosaik zusammenfügt. Doch es bleibt leider lückenhaft und unüber­sichtlich. Das Geschilderte bewegt zutiefst, doch die Literatur (und nur um deren Beurteilung geht es ja hier) enttäuscht etwas.

Am meisten fehlt angesichts des Themas und des Anliegens die historische Klarheit. Die Autorin konzen­triert sich auf die Berichte der menschenverachtenden Vorgehensweisen und ihrer traumatisierenden Nachwirkungen, spart aber die politischen Vorgänge und Hintergründe absichtlich aus. (Selbst diese Re­zen­sion er­klärt viel­leicht mehr dazu.) Dadurch bleibt merkwürdig verschwommen, wer die Verantwortlichen und was ihre Taten waren, aber ebenso, was die Op­po­si­tio­nel­len wollten: Deren ideologischer, politischer, religiöser, sozialer, beruflicher Hintergrund bleibt völlig im Dunklen. Was dachte und tat das Volk? Gab es keinerlei Veränderungen in den Regierun­gen zwischen 1979 und 2009? (Der Name Ahmadinedschad fällt nicht ...) Was wurde 2009 gefordert, wel­che Strategien wurden erörtert? Bei tiefstem Mitgefühl für alle Opfer von Gewaltherrschaft und bei aller Hoch­ach­tung für alle Kämpfer gegen Unterdrückung: Es schmälert ihre Verdienste, wenn man ihre Akti­vitäten und ihr Leid allein auf der privaten Ebene schildert und der Leser zum näheren Verständnis erst Wikipedia zu Rate ziehen muss.

Eine weitere Schwäche dieses Romans ist seine undeutliche Struktur. Die Episoden sind zwar jeweils mit Jahreszahl und Ort überschrieben, eine Systematik ihrer Abfolge ist aber nicht erkennbar. Wie die zahlrei­chen Personen untereinander verwandt oder bekannt sind, bleibt teilweise unklar. Solche Details mögen ir­relevant sein, können aber trotzdem das Anliegen stören.

Obwohl ein zusammenfassender Plot fehlt, kulminiert die Handlung im letzten Kapitel – dem besten, denn es fasst Kern und Intention kompakt zusammen: Im Gespräch zwischen Neda und ihrem Freund Reza in Turin wird ein belastendes Geheimnis enthüllt, das beide zutiefst berührt, denn es schlägt eine Brücke von 1983 bis in ihre Gegenwart; diese Enthüllung wird spannend erzählt; im Verlauf des Gesprächs werden nicht nur persönliche Erlebnisse aus all den Jahren ausgetauscht, sondern widerstreitende gedankliche Konzepte sichtbar; das alles ist verbunden mit einer möglicherweise tragischen Verflechtung der beiden Protagonisten, deren Schicksale sich überschneiden.

Sahar Delíjaní verließ den Iran 1996 und ging nach Kalifornien. Seit 2006 lebt sie mit ihrem italienischen Mann in Turin.


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