Rezension zu »Un covo di vipere« von Andrea Camilleri

Un covo di vipere

von


Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Sellerio · · 261 S. · ISBN 9788838930539
Sprache: it · Herkunft: it

Doppelmord an einem Scheusal

Rezension vom 17.02.2015 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Was für ein Mensch war Cosimo Barletta wirklich? Der Witwer, Vater zweier er­wach­se­ner Kinder, ging täglich seiner Arbeit nach, ließ sich nichts zu Schul­den kommen und fiel nicht un­an­ge­nehm auf. Nun ist er tot, und es stellt sich heraus, dass er eine sorgsam verborgene zweite Existenz ge­führt hatte: als skru­pel­lo­ser Geschäftemacher und Kredithai und als niederträchtiger Liebhaber junger Frauen, die er sich gefügig machte, indem er sie mit heimlich aufgenommenen Fotos erpresste. Kein Wun­der, dass es viele Menschen gibt, die diesem fiesen Typ nichts als den Tod wünschten. Zwei haben ihrem Wunsch eine Tat folgen las­sen: Der ragioniere Barletta wurde umgebracht, und das gleich zwei Mal.

Sein Sohn findet den toten Vater am Küchentisch seiner Villa am Meer sitzend. Jemand hat ihm in den Kopf geschossen, während er seinen caffè trank. Und dieser caffè war zuvor vergiftet worden. Auf der Su­che nach den beiden Tätern öffnet sich dem commissario Salvo Montalbano ein weites Feld von Motiven: Hat eines der erpressten und missbrauchten Mädchen oder einer der in den Ruin getriebenen Schuldner Rache genommen, oder stecken gar die eigenen Kinder, Arturo und Giovanna, dahinter? Je weiter die Er­mitt­lun­gen voranschreiten, desto dunkler werden die Abgründe, die sich in der Familie Barletta auftun. Montalbano und sein Team bekommen es mit einer wahren Schlangengrube zu tun, in der ihnen keine mensch­li­che Grenzüberschreitung erspart bleibt.

Wie so oft erwacht Salvo Montalbano an dem spätsommerlichen Morgen, an dem ihn dieser Fall ereilt, un­sanft aus einem üblen, rätselhaften Traum. Mit Livia (seiner Dauerverlobten aus dem fernen Genua) war er soeben durch einen Zauberwald geschritten, nackt wie Adam und Eva im Paradies. Allerdings trugen sie Feigenblätter aus Plastik, die sie für einen Euro am Eingang erworben hatten, und überhaupt bemerkte Salvo, dass sie sich in dem Gemälde »Der Traum« von Henri Rousseau (1910) aufhielten. Und wie die dort in einem fantastischen Dschungel hingestreckt träumende Yadwigha der Melodie einer Musette lauscht, überrascht Salvo der Gesang einer Nachtigall, die den Mina-Schlager »Il cielo in una stanza« tiriliert ... Doch wer da pfeift, ist in Wirklichkeit ein Obdachloser, der vor dem hereinbrechenden Gewittersturm Schutz unter Montalbanos Terrasse sucht. Und der Mann ist auch kein einfacher Penn­bruder, sondern ein ele­gan­ter Herr namens Sevastano mit feinen Manieren und geschliffener Ausdrucksweise. Er wird Mont­albano wäh­rend der danach einsetzenden Ermittlungen hilfreich begleiten ...

Damit wissen erfahrene Montalbano-Leser schon, was sie in Folge 21 ihrer Krimi-Serie erwartet: Der Traum gibt eine Art atmosphärisches Leitmotiv vor, der mysteriöse Obdachlose liefert eine anrührende Ne­ben­handl­ung, der Kommissar trifft bei seinen Vernehmungen auf ein Spektrum sizilianischer Figuren zwischen liebenswerten Käuzen und gemeinen Widerlingen, er stößt auf immer neue Überraschungen im geheimen Leben des Unholds Barletta, und mit messerscharfen Schlussfolgerungen und Intuition kommt er der Wahr­heit auf die Spur. Für die Fleißarbeit im Detail ist der tüchtige Inspektor Fazio allzeit bereit (ohne dass sein Chef seine vorauseilende freundliche Fürsorge zu schätzen wüsste), Stellvertreter Mimì Augello wird für Son­der­auf­ga­ben eingesetzt, und Catarella hat es auch nach Jahren noch nicht gelernt, die einfach­sten Neuigkeiten unverstümmelt an seinen Chef weiterzureichen. Ach ja, Livia schaut auch mal wieder vorbei (nicht nur im Traum) und kompliziert Salvos Alltag. Die Liebe findet Salvo aber nicht nur in den Wirren seiner ewigen Fernbeziehung. Und noch stärker als sie beschäftigt den Grübler seine Einsamkeit.

Nichts wirklich Neues also in Vigàta? Kann denn noch etwas Überraschendes kommen von der neunzig­jährigen sizilianischen Eminenz, die in schier unzähligen Romanen Bild und sogar die Sprache ihrer Hei­matinsel im In- und Ausland geprägt hat wie kein zweiter Autor? (Seine Montalbano-Reihe hat für Popula­rität gesorgt, die anderen Bücher für Breite und Tiefgang.) Camilleri bedient sich in der Tat aus einem Bau­kasten von Einleitungen, Charakteren und Plot-Ideen; sein Repertoire von Szenen und Dialogen ist nicht unendlich. So wiederholt sich zweifellos das Strickmuster aus bissigen Wortgefechten mit dem Ge­richts­me­di­zi­ner dottor Pasquano, aus Eifersüchteleien mit den Kollegen, aus Missverständnissen mit Livia, aus Standpauken vom questore. Aber all dies ist bekannt wie unser Zuhause. Wie bei jeder Heimkehr sind wir gespannt, wie Salvo dieses Mal drauf ist, und freuen uns auf die feinen Variationen des Vertrauten, die jedes Mal neu gewürzt sind mit Fantasie, Witz und kultivierten Anspielungen auf Werke der Literatur, des Films, der Musik und der Malerei.

Und dann endet »Un covo di vipere«, Krimi und psychologischer Roman zugleich, ganz anders als anfangs zu erwarten: tragisch, Mitleid erregend und voller Melancholie.

Im Nachwort (das Sie erst nach dem Roman lesen sollten, wenn Sie sich die volle Spannung auf den Aus­gang erhalten wollen) erfahren wir übrigens, dass das Buch vor seiner Veröffentlichung fünf Jahre in der Schublade lag (um Abwechslung zu schaffen). Geschadet hat das nichts.

Zur Einstimmung oder zum Kennenlernen hier die originale Anfangspassage in Camilleri-Sizilianisch:

Anführungszeichen linksChe la ‘ntricata foresta dintra alla quali lui e Livia si erano vinuti ad attrovari, senza sapiri né pircome né pirchì, fosse virgini non c’era nisciun dubbio pirchì ‘na decina di metri narrè avivano viduto un cartello di ligno ‘nchiovato al tronco di un àrbolo supra il quali ci stava scrivuto con littre marchiate a foco: foresta vergine. Parivano Adamo ed Eva in quanto erano tutti e dù completamenti nudi e si cummigliavano le cosiddette vrigogne, le quali, a pinsarici bono, non avivano nenti di vrigognoso, con le classiche foglie di fico che si erano accattate da ‘na bancarella all’entrata a un euro l’una ed erano fatte di plastica. Siccome erano rigide, davano tanticchia di fastiddio. Ma quello che cchiù fastiddiava era il caminare a pedi nudi.Anführungszeichen rechts

Klicken Sie bitte , wenn Sie mit dem Italienischen vergleichen möchten.

Che la intricata foresta dentro alla quale lui e Livia erano venuti a trovarsi, senza sapere né comeperché, fosse vergine non c’era nessun dubbio perché una decina di metri dietro avevano visto un cartello di legno inchiodato al tronco di un albero sopra il quale ci stava scritto con lettere marchiate a fuoco: foresta vergine. Parevano Adamo ed Eva in quanto erano tutti e due completamentie nudi e si coprivano le cosiddette vergogne, le quali, a pensarci bene, non avevano niente di vergognoso, con le classiche foglie di fico che si erano attaccate da una bancarella all’entrata a un euro l’una ed erano fatte di plastica. Siccome erano rigide, davano tanto fastidio. Ma quello che più fastidiava era il caminare a piedi nudi.

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