Rezension zu »Ein toter Lehrer« von Simon Lelic

Ein toter Lehrer

von


Belletristik · Droemer · · Gebunden · 348 S. · ISBN 9783426198698
Sprache: de · Herkunft: gb

Wegschauen ist einfacher als Handeln

Rezension vom 06.05.2011 · 7 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Der noch nicht lange an der Schule tätige 26-jährige Geschichtslehrer Samuel Szajkowski tickt während einer Schulveranstaltung in der Aula aus. Direktor Travis hatte einen Vortrag zum Thema "Gewalt" halten wollen, und natürlich galt Anwesenheitspflicht für alle Schüler und Lehrer.

Mit einem nicht mehr zielgenauen Kriegsrevolver aus Nazibeständen betritt er wie ferngesteuert den Saal und erschießt drei Schüler, eine Lehrerin und anschließend sich selber. Das allgemeine Urteil steht schnell: Das war der Amoklauf eines Monsters. Doch Detective Lucia May schaut genauer hin. Sie vermutet einen langen psychischen Leidensweg, sieht eine Mitschuld bei den Wegguckern und bei denen, die Verantwortung und Sorgfaltspflicht aufs Gröbste missachtet haben.

Lucias Vorgesetzter, Chief Inspector Cole, hat kein Interesse daran, den Fall nochmal aufzurollen, wo er doch so sauber abgeschlossen wurde. Er sieht keinerlei Veranlassung, den guten Ruf der Schule noch den seiner Abteilung in der Öffentlichkeit in Frage zu stellen.

Lucia ist aber hartnäckig und führt Gespräche mit Schülern, Lehrer, Eltern, Samuels Schwester, der Sekretärin und natürlich dem Schulleiter. Ach, Samuel war eigentlich nicht für den Lehrerberuf geeignet, erfährt sie von Janet, der Sekretärin. Direktor Travis berichtet von den ersten Eindrücken, die Samuel, ein Pole, beim Einstellungsgespräch hinterließ. Allein schon sein weiblicher Händedruck, die nachlässige Kleidung, und dann nur das Fach Geschichte. Nein, wie konnte er sich so vertun, schließlich ist er immer stolz auf seine Menschenkenntnis gewesen. Ständig wurde Samuel vorstellig, um sich über die Schüler zu beschweren. Wie oft hat er ihm sagen müssen, das seien ganz normale Rangeleien. Für Disziplin, Ruhe und Ordnung müsse er selber sorgen.

Was Lucia da nach und nach berichtet wird, ist schlichtweg schockierend. Man mag es kaum für möglich halten, wie bösartig, erniedrigend, verletzend Menschen sein können.

An vorderster Front agiert der Sportlehrer Terence Jones, auch TJ genannt. Er hält sich für den Tollsten, biedert sich bei seinen Schülern an. Er glaubt, sie mögen ihn – dabei nennen sie ihn abfällig "Titten-Jones" und "TeJakulator". Von seiner ersten Stunde an ist Samuel TJs Todfeind; er hat ihn auf dem Kieker und demütigt ihn, wann immer er ihm begegnet. Und die Kollegen amüsieren sich köstlich – vielleicht froh, nicht selbst gemobbt zu werden.

Schnell haben die Schüler raus, wie sie Samuels Unterrichtsstunden in heilloses Chaos entarten lassen können. Mit seinem Namen treiben sie Schindluder, nennen ihn Scheißkoffski (ein schwer zu übersetzendes Wortspiel mit dem englischen Verb to cough: husten). Und was glauben Sie, wie er bei den Weibern so rüberkommt, bei der Fresse wie mein Arsch und den Klamotten ..., berichtet ein Schüler. Anfangs bewerfen sie ihn mit nassen Sachen, dann eskaliert ihr Verhalten immer weiter, doch die Schulleitung lässt ihre Abwesenheit durch vordringlichere Verpflichtungen entschuldigen. So findet Samuel keine Unterstützung und bleibt völlig isoliert.

Dass in einem parallelen Handlungsstrang ausgerechnet Detective Lucia May ebenfalls aufs Infamste sexistisch gemobbt wird, verstärkt den Eindruck, dass die Demütigung anderer – offen oder subtil, mit Gewalt oder psychischen Mitteln – ein weit verbreitetes Phänomen unseres Alltags geworden ist, bei dem der Einzelne gegen die geschlossene Front der Mächtigen einen aussichtslosen Widerstandskampf ficht. Selbst das Aufflackern eines selbstbewussten, starken Auftretens des ins Visier genommenen Opfers vermögen die Mitleidlosen sofort zu brechen, indem sie z.B. unerbittlich zutreten, bis er oder sie regungslos am Boden liegt.

Amokläufe schrecken die Bevölkerung immer wieder auf. Simon Lelic hat diese Thematik auf seine individuelle Weise überzeugend bearbeitet. Sehr differenziert lässt er Figuren, ob alt oder jung, ob intelligent oder dumm, ob direkt betroffen oder unbeteiligt, aufleben und schafft ein breites Spektrum unterschiedlichster Meinungen. Die Artikulation der Personen variiert er treffsicher – natürlich ist die Sprache eines Jugendlichen anders als die des überheblichen Direktors oder der frauenverachtenden Kollegen des Kommissariats – und bedient sich damit eines fesselnden literarischen Stilmittels: Wer gerade an einem Dialog beteiligt ist, erschließt sich dem Leser oft erst am Schluss des Gesprächs mit Sicherheit.

In diesem Roman wird kein Täter festgenommen, die Schuldfrage bleibt komplex, aber Lucia schafft es, eine Zivilanklage gegen Schule bzw. Schulleitung zu initiieren.

Ein Roman, den man nicht einfach zur Seite legen sollte. Er gibt uns viele Einblicke in menschliche Abgründe, die uns erschüttern und die große Frage stellen: Wie hätte ich mich verhalten?


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Kommentare

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Zu »Ein toter Lehrer« von Simon Lelic wurden 1 Kommentare verfasst:

B.Obachter schrieb am 26.01.2014:

Ein etwas anderer Krimi. Tter und Opfer vertauschen ihre Rollen, dennoch bleibt nur die strafrechtliche Bewertung des Amoklaufs. Die Detektivin schafft es, einen absolut anderen Blickwinkel , nmlich den der Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft aufzuzeigen. Fr die, die gerne wegsehen, wird der Handlungsstrang unangenehm, zeigt er doch den Spiegel des Einzelnen und der Gesellschaft, wenn es um Stellung beziehen geht. Die Protokollform, ohne wrtliche Rede,w ist zunchst verwirrend, spter entwickelt sich dadurch aber kammerspielartiges Kopfkino. Fr Schulinsider absolut empfehlenswert.

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