Rezension zu »Staubige Hölle« von Roger Smith

Staubige Hölle

von


Thriller · Tropen · · Gebunden · 331 S. · ISBN 9783608502107
Sprache: de · Herkunft: us

Blutrausch in der sengenden Hitze Südafrikas

Rezension vom 12.05.2011 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Als Nelson Mandela freigelassen wurde und das Regime der Apartheid zusammenbrach, begann der rasante Aufstieg eines Zulu-Häuptlings bis ins Regierungsamt des Justizministers. Heute lebt er in Pretoria und ist mächtiger als der Präsident des Landes. Er hat Dossiers gesammelt über Verbündete und Feinde, setzt sie unter Druck, macht ihnen Angst und sichert sich so deren Loyalität. Die Drecksarbeit erledigt Inja Mazibuko, genannt der Hund, ebenfalls ein mächtiger Zuluhäuptling. In der Heimat seines Stammes gilt nur sein Gesetz; die Staatspolizei hat hier nichts zu suchen. So kann er unbehelligt seine riesigen Plantagen zur Herstellung der halluzinogenen Droge Poison betreiben.

Nun läuft gerade ein Ermittlungsverfahren gegen den weißen Buren und reichsten Mann Kapstadts, Ben Baker. Dessen Aussage würde den Minister seinen Posten kosten. Korruption ist für den Minister ein normales Alltagsgeschäft, das er sich nicht nehmen lassen will. So erhält Inja den Auftrag, Baker zu töten.

Rosie Dell, eins von Bakers bevorzugten farbigen "Mäuschen", wird Zeugin, als in jener Nacht zwei schwarze Männer mit Schusswaffen in das Haus eindringen. Da es Rosie gelingt zu fliehen, kann Inja nicht wie geplant rasch in sein Buschland zurückkehren, sondern muss seinen Auftrag sauber zu Ende führen.

Und damit beginnt der Horror, die "staubige Hölle" in Roger Smiths Roman. Während unentwegter Verfolgungen wird erbarmungslos getötet – ob Tier, ob Mensch, ob Schwarz, ob Weiß, und immer bleibt einer zurück, der danach noch beseitigt werden muss. Das setzt sich fort, bis alle tot sind. Inja glaubt zum Beispiel, die ganze Familie Dell sei ums Leben gekommen, nachdem er ihren Volvo mit seinem Pick-up abgedrängt hatte und sie über die Leitplanke in die Tiefe gestürzt waren. Aber Vater Robert wurde durch die Windschutzscheibe ins Freie katapultiert und überlebte den grausamen Autounfall. Inja lässt seine Beziehungen zur Polizei in Kapstadt spielen, und so landet Robert als Verdächtiger im Gefängnis.

Doch da kommt Roberts verhasster Vater, Bobby Goodbread, ins Spiel. Der alte CIA-Mann, der sich rühmt, Mandela ins Gefängnis gebracht zu haben, kann seinen Sohn befreien. Durch ihn erfährt Robert, warum und durch wen seine Familie sterben musste – und ein bisher unbekanntes Gefühl übermannt den überzeugten Pazifisten: Abgrundtiefer Hass auf Inja und den Mann hinter ihm bringen ihn dazu, zum ersten Mal eine Waffe in die Hand zu nehmen ... Eine neue Treibjagd beginnt, und alles wird sich auf einen Ort und einen Tag zuspitzen, an dem Jäger und Gejagte aufeinandertreffen. Bei diesem Massaker, das unterschiedslos Schuldige und Unschuldige (selbst Babys) dahinmetzelt, wird soviel Blut fließen, dass der staubige Sand es kaum aufnehmen kann.

Schon als ich Roger Smiths zweiten Roman "Blutiges Erwachen" las, empfand ich die darin beschriebenen Brutalitäten als geradezu unerträglich. In diesem dritten Band hat sich nichts geändert an den niederschmetternden Verhältnissen: Rassismus, Gewalt, Mord, Drogen, AIDS, Sex, Intrigen, Korruption, Erpressung, Unterdrückung, Armut ... Aber Smith hat sich literarisch und stilistisch weiter entwickelt: Er hat seine Figuren mit ihrer Vergangenheit, Herkunft, ihren Verflechtungen und Abhängigkeiten sehr viel feinfühliger und nuancierter entwickelt. Der Leser wird dadurch tiefer in das Geschehen hineingezogen, kann den Hass einzelner Figuren unmittelbarer nachvollziehen.

Anschaulich erleben wir auch die kulturelle Kluft, die dieses Land teilt: In dem Zulu-Dorf, wo sich ein Teil der Handlung abspielt, läuft das Alltagsleben in den Hütten und auf dem heißen, sandigen Boden immer noch nach alter Tradition ab; Religion und Aberglaube und Rituale setzen starre Regeln. Die Errungenschaften der Zivilisation in den Großstädten Südafrikas sind noch ganz weit weg und wollen auch nicht übernommen werden. Dadurch stößt die mühselige Aufklärungsarbeit des AIDS-Beraters aus Durban auf taube Ohren, und das Zulu-Mädchen Sunday bezahlt den Preis dafür: Sie soll einen Mann heiraten, der glaubt, durch den Vollzug der Entjungferung von seiner AIDS-Erkrankung geheilt zu werden. Als ob das nicht schon entsetzlich genug wäre, ist er auch derjenige, der ihre Familie dahingemetzelt hatte ...

Südafrika ist ein Traumziel für Touristen aus aller Welt. Dass es sich gut vermarkten lässt, nutzen auch die Zulus. Wöchentlich fahren Busladungen vor, um live dabei zu sein, wenn sie eine Show mit Tanz, Handwerk und Verköstigung abziehen. Da entstehen pittoreske Fotos, die man gerne und guten Gewissens in jedem Bekanntenkreis vorzeigen kann. Roger Smith aber zeichnet ein unverblümtes Bild Südafrikas, und es ist das düsterste, das man sich vorstellen kann: Er legt den Finger in eine schmerzende Wunde, die sich nur langsam schließen wird.


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