Rezension zu »Du stirbst in meinem Herzen nicht« von Simone Veenstra

Du stirbst in meinem Herzen nicht

von


Jugendbuch · Kosmos · · Gebunden · 256 S. · ISBN 9783440144800
Sprache: de · Herkunft: de

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Wald-Mädchen und Stadtfuzzi

Rezension vom 05.09.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Papa unter Alkohol am Steuer? Papa Opfer eines Herz­infarkts? Das glaubt doch, wer will ...

Mara jedenfalls kann bis heute nicht akzep­tieren, dass ihr Vater Piet sie und ihre Mutter Evi auf diese Weise für immer ver­lassen haben soll, selbst wenn die Unter­suchungs­ergeb­nisse des Unfall­arztes das be­haup­ten. Niemals hätte dieser ver­antwor­tungs­be­wusste Mann auch nur einen Tropfen getrunken, ehe er sich hinter dem Steuer seines Schul­busses nieder­ließ, zumal unter den vielen jungen Fahr­gästen auch seine eigene Tochter und viele ihrer Klassen­kame­raden saßen. Und dass ein durch­trainier­ter Sportler wie ihr Paps – keines­wegs bloß Feier­abend-Jogger, sondern bis vor wenigen Jahren noch der große deutsche Hoff­nungs­träger für die nächsten olympi­schen Spiele! – an einer Durch­blutungs­störung stirbt, ist doch ebenso un­wahr­schein­lich.

Das Glück hatte die Familie schon Jahre zuvor ver­lassen. Mama gelang es einfach nicht, als Künst­lerin Aner­kennung zu finden und mit ihren Skulp­turen Geld zu verdienen. Als Papa sich im Ski­urlaub (da war Mara acht) ein Bein brach, war nicht nur seine Sportler­karriere beendet, sondern auch das bis­herige Leben in der Stadt nicht mehr finan­zier­bar. Die Familie zog aufs Land, nach Hundsgrub, einem 23-Seelen-Dorf, wo – nomen est omen – der Hund begraben liegt. Papa fand dank seines Führer­scheins einen Job als Bus­fahrer, Mama half neben­bei in der Dorf­kneipe aus, und Mara schlug sich in der Schule durch. Bald würde sie ihr Abi in der Tasche haben und all das endlich hinter sich lassen und ab­hauen können, wie einst ihre Mama auch, als sie noch ein junges Mädchen war.

Das einzige Plus von Hundsgrub war, dass die Familie dort auf dem Bauern­hof der Groß­eltern mietfrei wohnen konnte. Freilich hat selbst das seinen Preis: Hier haben sie jede Menge Aushilfs­arbeiten an der Backe. Da sind Quitten und Birnen abzu­klauben, Kürbisse und Zucker­rüben zu ernten, Folien­häuser win­ter­fest zu machen, der Räucher­kamin mit Buchen­holz und Kräutern zu bestücken ... Opas Job-Litanei nimmt kein Ende.

Dann kam vor einem Jahr der schreck­liche Schul­bus­unfall. Er stempelte Mara, die in der Schule ohnehin nie richtig populär gewesen war, als »Toch­ter vom Un­glücks­fahrer« ab. Dass sie die offizielle Version der Schuld­frage nicht einfach hin­nehmen will, macht ihr Leben nicht einfacher. Wie soll sie je die Wahr­heit heraus­finden, wenn sie mit nieman­dem darüber reden kann, nicht einmal mit ihrer Mutter? Seitdem Mama einen neuen Lover hat, ist ihr Verhältnis zuein­ander aus­ge­sprochen ange­spannt.

Auch mit Sanna, ihrer besten (einzigen ...) Freundin in der Klasse, kann sie nicht über ihre Sorgen spre­chen. In Sannas Welt existiert nur Ben, der »Ober­mufti« dieser bäuer­lichen Region Frankens. Er stammt aus »altem Land­adel«, und damit das jeder merkt und der Junge nicht mehr wie das gemeine Fußvolk in den Schulbus steigen muss, haben seine Eltern ihrem »Erbprinz« flugs ein Cabrio vor die Tür gestellt. Klar, dass Ben sich die Mädels aus­suchen kann und niemand ihm zu wider­sprechen wagt. Obwohl er groß­kotzig mit Sanna umspringt, schmachtet sie ihn sehn­süchtig an. Mara kann das Getue kaum ertragen und würde ihrer Freundin gern mal so richtig den Kopf zurecht­rücken. Doch dazu ist sie zu zurück­haltend; außerdem fürchtet sie, Sanna zu verlieren, wenn sie von ihr miss­ver­standen werden sollte.

Nach den Herbstferien betritt ein Neuer die Klasse und mischt gleich selbst­bewusst den Latein­unter­richt auf. Mara war dem »Stadt­fuzzi« schon zuvor begegnet. Sie war auf ihrer Lieblings­wald­strecke unter­wegs, um die Bilder ihrer nächt­lichen Alb­träume abzu­strei­fen, und hatte an einem Holz­kruzi­fix inne­gehalten, als sie hinter sich plötzlich Geräusche vernahm und den »Kapuzen­typ« erspähte. Es war aus­gerechnet die fürchter­liche Stelle, wo ihre Lehrerin für Drama­tisch-Gestalten abge­stürzt war. Seither sitzt Frau Karst quer­schnitts­gelähmt im Roll­stuhl, apathisch, welt­vergessen, wie im Wach­koma.

Jetzt in der Schule kann Mara sich den Jungen in Ruhe anschauen. Jonah heißt er und wirkt mit seinem »gelang­weil­ten Blick« wie ein »Schnösel«. »Er trug Jeans, Sneakers und Lederjacke über einem schwarzen T-Shirt, das aussah, als wäre es in ihn verliebt.« Mara kann ihren Blick nicht von ihm ab­wenden, denn »seine Augen leuchteten: Er hatte Husky­augen, so hellgrau, als könnte er mit ihnen Metall schneiden« ...

So nimmt eine zarte, einfühlsam erzählte Liebes­romanze ihren Lauf, die ohne platten Sex auskommt, dafür aber mit einem krimi­nalis­tischen Plot verknüpft ist.

Jede Leserin wird sich schnell ausrechnen, dass sich nicht nur Mara in Jonah verliebt, sondern auch Sanna gleich ein Auge auf ihn wirft, wenn­gleich mit nieder­trächtigen Absichten. Wenn es ihr gelänge, Jonah für sich zu erobern, könnte sie ihren Ben entweder so richtig eifer­süchtig machen oder ihn am Ende auf den Mond schießen. Ständig hängt sie über ihrem Handy und verschickt SMS, um Mara darüber auf dem Lau­fen­den zu halten, wie die Aktien mit ihrem neuen Schwarm Jonah stehen.

Neben Schmetterlingen im Bauch hat Mara noch Wespen im Kopf, die ihre Gedanken nicht ruhen lassen, seit sie in Papas Zimmer sein Notiz­buch gefun­den hat. So sorg­fältig wie er es in einem Holz­kasten hinter dem Abfluss­rohr versteckt hatte, muss es wichtige Informa­tionen enthalten, nicht für jeder­mann bestimmt. Mara studiert endlose Zahlen­kolon­nen, in denen der Spitzen­sportler alle mög­lichen Details zu seinem me­di­zinisch begleite­ten Trainings­plan notiert hatte, pingelig geführte Tabellen mit Datum, Gewicht, Puls, Kreis­lauf-, Blut­zucker- und Sauer­stoff­werten, dazu Abkür­zungen für Nahrungs­zusätze, das Ganze mit dicken Ausrufe- und Frage­zeichen kom­men­tiert. Auf der letzten Seite folgt ein Code aus Zahlen, Groß- und Klein­buch­staben. Einen Reim kann sich Mara auf all das nicht machen, aber sie wird ihrem Bauch­ge­fühl, dass irgend­etwas daran faul ist, folgen, und hier wird sie ansetzen.

»Papakind« Mara ist die Ich-Erzäh­lerin dieses guten Jugend­buchs, aber manch­mal wechselt die Erzähl­per­spektive – dann über­nimmt Jonah. Nur wir Leser, nicht aber Mara, erfahren dann, wie er zu ihr und Sanna steht, was er von Ben und seiner Clique hält und wie es bei den Sauf­gelagen bei Bens Pool­partys zugeht. Damit haben wir den Charak­teren des Romans aller­hand voraus. Dafür weiht Jonah das »Wald-Mädchen«, das sich nach außen tough gibt, innen aber sensibel ist, in die Probleme seiner Fami­lie ein. Seine Eltern haben sich ziem­lich hoff­nungs­los zerstritten und sind, um ihrer Beziehung doch noch eine zweite Chance zu geben, hierher in die Ödnis gezogen. Auch Mara vertraut Jonah und eröffnet ihm, was sie im Inners­ten so schwer beschäftigt. Sie breitet ihre spinner­ten Ideen über den Unfall­tod des Vaters aus und bezieht ihn in die Suche nach einem möglichen Mörder ein. Als erstes braucht sie Hilfe bei der Ent­schlüsse­lung der rätsel­haften Zahlen und Buch­staben, und Jonah bietet ihr seine Unter­stüt­zung an. Je weiter die beiden De­tektive sich voran wagen, desto gefähr­licher wird ihr Weg und desto näher kommen sie einander ...


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