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Rezension zu »Schwestern« von Marcello Fois

Schwestern

von


Belletristik · Wagenbach · · Gebunden · 144 S. · ISBN 9783803113122
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Italien

Getrennte Wege, geteilte Orte

Rezension vom 11.09.2015 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ernesto Cappello ist verstorben. Er hinterlässt zwei Töchter, die Zwillinge Ales­sand­ra und Ma­ri­nel­la. Um genau zu sein, hat er sie schon ›hin­ter­las­sen‹, als er sich vor vierzig Jahren auf und davon machte, ohne Angabe von Gründen. Da waren die beiden Mäd­chen acht, eine von ihnen tod­krank, und seither hatte er keiner­lei Kontakt mehr zu ihnen oder ihrer Mutter gesucht.

Nun steht seine kleine Wohnung leer. Die beiden Schwes­tern sind gerade herein­ge­kom­men. Der Geruch nach kaltem, ab­ge­stan­de­nem Tabak ist ihnen noch vertraut, er­innert sie an den nahen Ver­wand­ten, mit dem sie hier die ersten acht Jahre ihrer fernen Kind­heit gemein­sam ver­brach­ten. Später trennten sich ihre Wege, und jetzt stehen die beiden Frauen ein­ander nicht näher als ihrem Vater.

Ales­sand­ra wollte gar nicht erst hierher kommen. Ihre Event­agen­tur lässt ihr keine Zeit für so etwas. Sie hat jede Menge Aufträge ab­zu­ar­bei­ten, ist eigent­lich un­ab­kömm­lich, was sich darin mani­fes­tiert, dass ihr Handy per­ma­nent klingelt. Sie hat sich von Ma­ri­nel­las Drängen, sie möge sie hierher beglei­ten, erwei­chen lassen – ein un­ver­zeih­li­cher Fehler. Dass sie im Vorfeld wenigs­tens »ihre Be­din­gun­gen genannt [hat], um sich nicht kampf­los zu ergeben«, ist ihr ein schwacher Trost.

Bevor sie hier eintrat, hatte sich Ales­sand­ra eine Atem­maske um­ge­bun­den, damit die Tris­tesse dieses Ortes voller altem Kram und billiger Möbel sie nicht er­rei­chen, die im er­kal­te­ten Zigar­ren­rauch lauern­de »obs­zöne Wollust« eines frem­den Lebens sie nicht auf­spüren könne.

Damit sie ihrer Schwester nicht zum Opfer falle, hat Ales­sand­ra sich ein »Schwei­ge­ge­lüb­de« auf­erlegt (»kein Kom­men­tar, kein Irgend­was, stumm wie ein Fisch«). Doch durch­zu­hal­ten ist das nicht, denn Ma­ri­nel­la verfügt ihrer­seits über ein von Kindes­beinen an erprobtes und bewähr­tes Re­per­toire erfolg­reicher Tak­ti­ken, wie zum Bei­spiel gezielt »einen ver­söhn­li­chen Tonfall« an­zu­schla­gen.

Warum nur sind die beiden Schwes­tern, die Rivalität, Miss­gunst und Hass zeit­lebens stärker ver­bun­den hat als ge­schwis­ter­liche Liebe, hier zu­sam­men­ge­kom­men? Um ihr Erbe zu be­gut­achten, weil ihnen »wenigs­tens irgend­etwas zusteht« von diesem »Wider­ling von Vater«? Um den Grund heraus­zu­finden, warum er die Familie ver­lassen hat? Oder gar, um an diesem Ort end­lich auf­ein­ander zu­zu­gehen, sich zu um­armen, Frieden mit­einander zu schließen? Letz­teres scheint hoff­nungs­los. Die Fronten sind gefestigt und klar ab­ge­steckt. Ales­sand­ra wusste, »dass sie niemals jemanden so geliebt hatte, wie sie ihre Schwester geliebt hatte, weil sie niemals jemanden so sehr gehasst hatte, wie sie ihre Schwester gehasst hatte ... mit Leib und Seele«.

Die Schwes­tern führen ihren Kampf mit Spitz­fin­dig­kei­ten und Wort­klau­be­rei­en, Aus­las­sun­gen und Lügen, sub­tilen Gesten und Blicken, auf einer breiten Klavia­tur an Tönen und Unter­tönen. Daraus ent­spinnt sich ein bissiger, spitzer Dialog, bei dem es darum geht, per­manent en garde zu sein oder die andere blitz­schnell zu touchie­ren. Selbst die Pausen, Mo­men­te der Stille vor der nächs­ten Attacke, sind wohl­ge­setzt. Schweigen ist im Raum »ein zu Kristall erstarr­tes Un­wetter am Rande der Milch­straße«, im Inneren aber ein »ohren­be­täu­ben­des Pochen des Blutes in den Schläfen«. In dieser Form von un­auf­rich­ti­ger Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und lei­den­schaft­licher Ver­schleie­rung kommt den­noch Un­er­war­te­tes ans Licht; Façetten un­ter­schied­licher Wahr­hei­ten leuchten auf.

Das düster-modrige Ambiente des Ess­zim­mers, in dem sich die beiden Frauen be­fin­den, erhitzt die At­mosphä­re des Gefechts, das ein Erzähler sparsam kom­men­tiert, noch weiter. Umringt von einer dunklen Pflan­zen­mus­ter-Tapete, als wären sie im »Herz eines Mangro­ven­dickichts«, ver­neh­men beide Kontra­hen­tin­nen »das Geschrei von Makaken und das Flüstern zischeln­der Schlangen«. Im Reich der Tiere fühlt sich Ales­sand­ra als »Löwin«. Immer schon wütend, aggressiv, nach­tragend, reißt das stolze »Raub­tier« die hilf­lose Antil­ope, versenkt »ihre Eck­zähne präzise in der Hals­schlag­ader«, um sich an ihrem »Kadaver« zu laben.

Löwin und Antilope – sind die beiden Zwil­lings­schwes­tern so un­gleich? Ales­sand­ra hat alles erreicht, was man sich unter einem per­fek­ten Leben vor­stellt – sie ist selbst­ständig und er­folg­reich im Beruf, ver­hei­ra­tet, hat zwei Kinder. Um mit der »Un­gewiss­heit« des Daseins fertig zu werden, sah sie stets nur den Ausweg, »immer auf alles vor­be­rei­tet zu sein«, »keine andere Mög­lich­keit, als die Messer zu wetzen, ... die Taktik zu ver­fei­nern«. Aus ihrer Per­spek­tive hat sie nur Ver­ach­tung übrig für Ma­ri­nel­la – Physi­ke­rin, aber den­noch eine »arme Sau«, die die »Zeit ver­plem­pert«, ohne dauer­haften Job, ohne Geld, ohne Ehr­geiz. Sie ver­brach­te ihr »Leben auf dem Opfer­altar, aber nie­mand hat dich dort fest­ge­halten [...] Dich be­freien? Niemals, weil du nämlich frei, als völlige Herrin deiner selbst, etwas zu Ende bringen müsstest.« Doch wenn sie ehrlich ist, findet sie Ma­ri­nel­las Bilanz – »eine per­fekte Null«, wie sie ihr mit einem Vorwurf und einer Be­lei­di­gung auf den Lippen hin­wischt – durch­aus be­nei­dens­wert, denn was könnte es Besseres geben, als nichts zu ver­lie­ren zu haben? Wie fragil ist doch ihr eigenes Glück. Ihr Mann hat eine Geliebte ...

Für einen Moment hebt Ales­sand­ra ihre Schutz­maske und lässt un­frei­willig er­ken­nen, wie jahre­lange Nacken­schläge sie ver­härtet und gleich­zeitig traurig gestimmt haben. Sind die Zwillinge nun soweit, endlich einmal ihre Fassaden fallen, die Waffen ruhen, das Taktieren sein zu lassen? Das schaffen beide nicht. Würde Ma­ri­nel­la die Wahr­heit aus­spre­chen, die sie kennt, wäre das der Todes­stoß für Ales­sand­ra und für die ver­trackte Be­ziehung zwischen den Ge­schwis­tern. Ihr bleibt nur, weiter­hin zu lü­gen, und so erfüllt sich, was ihre Mutter einmal zu Ales­sand­ra sagte: »Deine Schwes­ter kann viele Schlach­ten ver­lie­ren, aber am Ende gewinnt sie den Krieg.«

Der vielseitige sardische Schriftsteller Marcello Fois hat dieses subtile, sarkas­tische und schmerz­volle Kam­mer­spiel für zwei Personen verfasst, das sich nur in den Räumen der väter­lichen Wohnung voll­zieht, nahe­zu ohne Hand­lung, dafür aber mit sämt­lichen Registern der Kom­mu­ni­ka­tion, offen und verdeckt, ver­bal und non-verbal (»diese Art von Schwei­gen, das wir in uns tragen, auch wenn wir re­den«). Die Auftritte einer Nach­barin, die ihr Recht auf die Wohnung ein­fordert, stacheln die gereizte Stim­mung nur noch wei­ter auf. Der Vulkan­aus­bruch scheint jeder­zeit un­mit­tel­bar bevor­zu­stehen.

Für die deutsche Ausgabe dieses Büchleins (das Esther Hansen für Wagenbach übersetzt hat) wählte man einen griffi­ge­ren Titel als im Italie­ni­schen. »Schwes­tern. Die alte Geschichte« weckt schlich­tere Er­war­tungen, ver­zich­tet aber auf den Reiz des inter­pre­tie­ren­den Vorgriffs, den der Original­titel her­vor­ruft: »L'importanza dei luoghi comuni« Marcello Fois: »L'importanza dei luoghi comuni« bei Amazon hebt die Be­deu­tung des Ortes heraus, den die Pro­ta­gonis­ten (bzw. Anta­go­nis­ten) geteilt haben, der sie noch ver­bindet und der ihnen zu­mindest eine Chance des Frie­dens­schlusses, der ›Heim­kehr‹ an­bie­tet. Ma­ri­nel­la unter­nimmt einen Versuch, ihrer Schwester dies an Hand einer Theorie aus der Physik zu er­läu­tern. Die »All­ge­mei­ne Theorie des Ganzen ... besagt, dass es einen Punkt gibt, in dem auch noch die ge­gen­läu­figs­ten Hypo­thesen zu­sam­men­lau­fen«. Der Ort, an dem die Mäd­chen, die Mutter und der Vater gelebt haben, der Schau­platz ihres jetzigen Zu­sam­men­tref­fens, könnte so einen ge­mein­sa­men Punkt für das zen­tri­fugale Ver­hält­nis der beiden Schwes­tern dar­stellen. Jede hütet ihre eigene Version der Ver­gan­gen­heit und hegt und ver­tei­digt sie in einer un­ent­wirr­baren Mischung aus Neu­gier, Schmerz, Wut und Un­nach­gie­big­keit. Nur an jenem Ort könn­ten sie tat­säch­lich ihre Ähn­lich­keit, ihre Ver­wandt­schaft wie­der­ent­decken.


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