Rezension zu »Hemmersmoor« von Stefan Kiesbye

Hemmersmoor

von


Kriminalroman · Tropen · · Gebunden · 207 S. · ISBN 9783608502084
Sprache: de · Herkunft: de

Oh schaurig ist's im Hemmersmoor ...

Rezension vom 26.03.2011 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Auf dem Cover ragen schlanke, kahle Baumstämme in die Höhe, rechts versteckt sich eine einsame kleine Tanne, alles ist in fahlem Graubraun gehalten; nur von ganz weit hinten in der Mitte leuchtet ein greller Scheinwerferstrahl in den Wald herein, ohne dass er wirklich Klarheit schaffen könnte ... Dieses trostlose Bild stimmt den Leser auf einen der düstersten Romane ein, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Der Buchtitel benennt den Schauplatz: Hemmersmoor ist ein kleiner Ort unweit von Bremen, mitten im Teufelsmoor gelegen.

Nach vierzig Jahren kehrt Christian anlässlich der Beerdigung seiner Jugendfreundin Anke in sein Heimatdorf zurück. Mit versteinerten Mienen lauschen die wenigen Freunde – die unverheiratete Linde, Alex und Martin – den Worten des Bestatters. Nach der Zeremonie bleibt Linde noch am Grab, schleicht fluchend darum herum, lüpft dann ihren Rock und uriniert auf das Grab ... Was treibt sie zu einem solch unglaublich ordinären und pietätlosen Verhalten? Was mag sich in dieser kleinen Gemeinschaft einst zugetragen haben? Ein Blick zwischen Christian und Alex genügt, um sich zu verständigen: Sie wollen die alten Geschichten aus der Vergangenheit ruhen lassen. Alex ist heute ein wichtiger Mann, nämlich der Besitzer der gut gehenden Dorfkneipe; da sind seine Jugendsünden vergeben und vergessen.

Auf diesen wenigen Anfangsseiten hat Kiesbye uns Leser bereits derart geschockt und gefesselt, dass wir bis aufs Äußerste gespannt sind.

Nun springt die Erzählung zurück in die Vergangenheit und gibt den gleichaltrigen Freunden Linde, Anke, Martin und Christian viel Raum, um aus ihrer Perspektive die Geschehnisse in einer scheinbaren Dorfidylle zu schildern. Damals bestand der Ort nur aus einer Hauptstraße, ein paar Gassen und einigen alten Häusern. "Sogar das Sonnenlicht schien anders, dunkler" (S. 9) , und es kam alles noch viel schlimmer, als es das Schild des Schaustellers, der im März und Oktober seinen Stand auf dem Jahrmarkt aufbaute, beschwor: "Ricos Reise durch die Hölle".

Ganz harmlos beginnen die Protagonisten ihre Beschreibungen, bis sich das Grauen einschleicht. Martin erzählt vom jährlichen Erntedankfest, dessen Höhepunkt der abschließende Koch-Wettstreit bildet. Als die Dörfler gespeist haben, stellen sie mit Entsetzen fest, dass ihre Zungen ganz schwarz sind – ein eindeutiges Indiz für den Genuss von Menschenfleisch. Und nur eine kann das angerichtet haben: die Neue im Dorf. Gnadenlos entlädt sich die Wut der Gemeinde, und die ganze Familie muss grausam sterben.

Weiter lesen wir von einer Frau, der man Böses nachsagt, bis sie mit ihrem Jungen flieht. Später findet man sie im Moor. Eine Mutter mit zwei Kindern bettelt bei allen Einwohnern um Unterkunft, doch alle weisen sie ab, und die drei erfrieren. Für diese Untaten werden alle büßen müssen; ein böses Omen lastet fortan auf ihnen.

Wer Käthe, der Geisterseherin, begegnet, bekreuzigt sich: Was spinnt sie nur von neun toten Kindern; Geschwister sollen es sein ... Durchs Gartenlabyrinth von Gut Kamphoff huscht ein Irrer, wohl ein Kind von Inzest und Missbrauch. Ein Dummejungenstreich endet mit einer tödlichen Mutprobe. Und noch lange sind wir nicht am Ende allen Grauens. Es schaudert uns, weil das alles einfach so geschieht, so unwillkürlich, so ohne Verstand. Was einmal begonnen hat, läuft unbeirrt und unabwendbar zu seinem Ende. Nie ermittelt die Polizei, und bis auf Alex' Vergehen bleiben alle Taten ungesühnt.

Ist es dieser abgeschiedene Ort, der alle zu Gefangenen und Verdammten macht? Ihre Welt ist voller Angst, Aberglauben und Mythen. Da kursieren Gerüchte um schwarze Frauen, gefangen und versteckt im Keller der Kamphoffs. Brümmers alte Maschinenfabrik, etwas außerhalb von Hemmersmoor und Endpunkt eines armseligen und kaum befahrenen Bahngleises, ist ein weiterer magischer Ort.

Die wahren Opfer sind die Kinder. Sie sind den Erwachsenen, deren Probleme sich in Misshandlungen entladen, schutzlos ausgeliefert. Im Verborgenen erleiden sie sexuellen Missbrauch, suchen sich selbst Opfer, geben ihr seelisches Leid weiter. Mit Beginn der Pubertät beginnen Liebeleien, doch Betrug, Intrigen und Verrat führen zu weiteren Todesfällen, und das hemmungslose Widernatürliche wird zum Normalen. Derlei Kreisläufe hat Kiesbye ins Extreme gesteigert und literarisch überzeugend gestaltet.

Wie wollen Martin und Alex all das vergessen? Mit der Thematik des Verdrängens beginnt der Roman, und er endet an einem Ort, von dem keiner wusste: einem ehemaligen NS-Arbeitslager außerhalb von Hemmersmoor. Die Menschen, die dort in Baracken starben, "hatte es nie gegeben" (S. 201). So lautet der Schlusssatz, und so schließt sich der Kreis.


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