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Rezension zu »The Chemist - Die Spezialistin« von Stephenie Meyer

The Chemist - Die Spezialistin

von


Thriller · Scherz · · Gebunden · 624 S. · ISBN 9783651025509
Sprache: de · Herkunft: us

Ach du arme Foltermagd!

Rezension vom 22.05.2017 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Casey? Chris? Drew? Terry? Wie heißt denn nun die andro­gyne, abge­brühte Super­heldin dieses Thrillers? Wie unser­einer seine Wäsche, so wechselt diese Person ihre Identität, je nachdem, wie sie die Gefahren­lage für ihr eigenes Leben einschätzt. Clever wie sie ist, wählt sie Aller­welts­namen, hinter denen eine Frau oder ein Mann stehen kann. Den Trick verdankt sie ihrem ver­storbe­nen Mentor und einzigen Freund Dr. Joseph Barnaby.

Die Wechselumstände sind ratsam, seit sich Dr. Juliana Fortis – so heißt sie in Wirk­lich­keit – drei Jahre zuvor auf die Flucht begeben musste. Ihr Insider­wissen über schmutzige Anti-Terror-Einsätze amerika­nischer Geheim­dienste wurde ihr zum Verhäng­nis, wie schon ihrem Kollegen Barnaby. Der hatte sieb­zehn Jahre »für die Guten« in der Abtei­lung gear­beitet, ehe man ihn beseite räumte – und Juliana verstand, was auch ihr bald blühen würde.

Nach 9/11 waren die Vereinigten Staaten in Aufruhr. Die oberste politische Priorität der Terro­rismus­bekämp­fung führte einen Aus­nahme­zustand herbei, in dem alles erlaubt schien, was weitere Angriffe auf das Land abzu­wenden versprach. So hatten die Geheim­dienste freie Hand, um Nach­richten zu manipu­lieren, Bedro­hungen zu erfinden und Verdäch­tige in die Enge zu treiben.

Letzteres war Juliana Fortis' Aufgabe als Verhör­spezialistin, und lange Jahre galt sie als Beste ihres Fachs. Ihr Methoden­reper­toire kannte keine Be­grenzun­gen, ihr Arsenal an Folter­werk­zeugen (Spritzen, Bolzen­schneider, Schweiß­brenner ...) war umfang­reich, und damit prakti­zierte sie den »schlimmsten Job der Welt«. Irgend­wann aber über­kamen sie Zweifel, und sie verlor den Glauben daran, dass sie »patrio­tische Arbeit« leiste. Bei ihren Auftrag­gebern fand das freilich keinen Zuspruch. Sie fiel in Ungnade, und allein durch glück­liche Fügun­gen und ihr Talent zum perfek­tionierten Versteck­spiel konnte sie ihren Verfol­gern entkommen.

Warum also meldet sich nun ihr Ex-Chef Jules Carston bei ihr und tut ganz erleich­tert, dass sie noch lebt? Klar, er hat ein Problem, und nur Julianas Exper­tise kann dem Geheim­dienst aus der Bredouille helfen. Eine neue Dimension der Bedrohung ist aufge­taucht: Biologische Massen­vernichtungs­waffen könnten ganzen Städten den Garaus machen. Ange­sichts einer solchen Gefahr kann Juliana das Hilfe­ersuchen nicht ablehnen. Carston übergibt ihr die Akte über den Mann, der im Besitz eines tödlichen Virus sein soll. Er heißt Daniel Beach, ist 29 Jahre alt und Lehrer an einer High­school – seit Breaking Bad bekannt­lich keine gute Tarnung mehr.

Juliana – inzwischen übrigens »Alex« – kehrt in ihr Verhör­labor zurück, um den Verdäch­tigen nach allen Regeln ihrer Kunst das Fürchten zu lehren, bis er einknickt und das Geheim­nis um die biolo­gische Waffe offen­legt. Doch trotz unsäg­licher Torturen bleibt der Mann bei seiner Unschulds­behaup­tung. Ist der Kerl so unfass­lich abge­brüht? Muss Alex-Chris-Juliana ihn noch härter ran­nehmen (was kaum möglich scheint, ohne sein Lebens­lichtlein endgültig auszu­blasen), oder hat sie schlicht­weg den Falschen gequält?

Aber keine Sorge: Stephenie Meyers Roman »The Chemist« Stephenie Meyer: »The Chemist« bei Amazon (übersetzt von Andrea Fischer und Marieke Heim­burger) ist wahrlich kein scho­ckieren­der, brutaler Agenten­thriller, ebenso wie ihre sechs »Bis(s)«-Bücher keine blut­rünsti­gen Vampir-Schocker waren. So nimmt die Handlung einen Fortgang, der in der Realität undenk­bar, bei »Bis(s)«-Fans jedoch geläufig und beliebt ist. Der verdäch­tige Daniel sieht nämlich toll aus, erweist sich als einfühl­samer Charmeur, und schon ist zwischen der cool-rationalen Juliane und dem smarten Lehrer die Liebe entbrannt.

Hmm ... hat sie ihn nicht soeben fast plattgemacht? Ach, Schwamm drüber! Kaum hat er sich wie Lazarus vom Totenbett von seinem metal­lenen Schmerzens­lager erhoben, von schweren Verlet­zungen am gesamten Körper gezeichnet, zeigt er schon vollstes Verständ­nis für Juliane alias Alex und ihre Arbeit. Sie kann ja nichts dafür, dass sie ihn halb umge­bracht hat. Vielmehr hat der fiese Carston ihr eine mani­pulierte Akte unterge­schoben. Daniel ganz mit­fühlend: »Ich glaube dir nämlich. Ich weiß, dass du das nicht wolltest. Du wolltest nur helfen«. Und an anderer Stelle nickt er nachsichtig: »Ja, man hat es nicht leicht als Folter­knecht.«

In diesem Roman ist kaum etwas ernst zu nehmen. Man versuche nur einmal, sich die Figur der Verhör­spezia­listin bildlich vorzu­stellen – eine junge Frau, die sich neuro­tisch gegen jegliches Risiko zu wappnen sucht und zur »wandeln­den Apotheke«, zu einem Hoch­sicher­heits­trakt auf zwei Beinen verkrümmt. Nachts ruht in ihrem Bett eine Doppel­gänger-Puppe, während die echte Juliana in der Bade­wanne schlum­mert und durch den Absorp­tions­filter einer selbst gepimpten Gasmaske atmet. Dabei würde ein Eindring­ling wohl nicht einmal ins Innere des Hauses gelangen, denn er würde dabei über einen raffi­nierten Mechanis­mus Gas frei­setzen, das ihn binnen Sekunden aus dem Verkehr zöge. (Die Mixtur hat Alles­könnerin Juliana eben­falls selbst gebraut.) Tagsüber verkleidet sie sich mit Perücken, Kappen, Brillen, Gürteln, Umhänge­taschen und anderen unauf­fälligen Acces­soires. Darin sind freilich Spritzen, Skalpelle, heraus­schnel­lende Klingen und dergleichen Gimmicks unter­gebracht, wie man sie von James Bond kennt. Und falls doch alles schief gehen sollte, braucht sie nur auf eine falsche Zahnkrone zu beißen, um sich eventuell drohenden Folte­rungen des Feindes zu entziehen.

Nein, all das ist keine witzige Karikatur, keine Hommage an Cartoons wie Superwoman und schon gleich keine intelli­gente Satire auf amerika­nische Angst-Psychosen, sondern einfach nur eine unrealis­tische Lach­nummer, die ein paar Klischees aus Politik und Terroris­musbe­kämp­fung als beliebige Kulissen verbrät, um eine platte, klischee­hafte Liebes­geschichte zu würzen. Das Grund­rezept kennen wir schon: Zwei maximal gegen­sätzliche Menschen verlieben sich unsterb­lich inein­ander, ihre Liebe über­windet alle Hinder­nisse. Für das Debüt im neuen Genre konnte sich Stephenie Meyers schrift­stelle­rische Leistung darauf beschrän­ken, wie gewohnt schlichtes Geplauder, lockere Sprüche und etwas Situations­komik zu mixen und dazu eine (wenigstens anfangs steile) Spannungs­kurve mit Wendun­gen im Handlungs­gang zu konstru­ieren. Das Sechs­hundert-Seiten-Produkt ist durch­wachsen: Der Schmöker wird die roman­tischen Regungen von Meyer-Fans in Wallung bringen, die Folter­szenen werden sie frösteln, die politi­schen Winkel­züge schaudern, die coolen Dialoge schmun­zeln lassen. Wer ein bisschen kritischer hinschaut, wird sich über die Ober­flächlich­keit der Handlung und der Sprache, über die Naivität und Flach­heit der Figuren und über die Unver­einbar­keit der Versatz­stücke aus zwei Genres ärgern.

Als Juliana in Dr. Barnabys Unterlagen studierte, wie »echte Spione arbeiten«, stellte sie fest, dass sie das schon alles wusste – aus den vielen Krimis, die sie als Mädchen begeis­tert ver­schlun­gen hatte. Eine richtige Agenten­ausbil­dung braucht's da nicht mehr. Bleibt für ihr weiteres Wohler­gehen nur zu hoffen, dass sie ihre Welt­kennt­nis nicht nur aus Krimis von Stephenie Meyer bezogen hat ...


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