Rezension zu »Wenn Engel brennen« von Tawni O’Dell

Wenn Engel brennen

von


Im »Rust Belt« von Pennsylvania verrotten nicht nur Industrieruinen, sondern ganze gesellschaftliche Strukturen, und sogar der Untergrund glüht stellenweise. Ein schmucker State Police Officer und die lokale Polizeichefin müssen herausfinden, wie und warum eine Siebzehnjährige aus prekären Verhältnissen in einer Erdspalte verbrennen musste.
Kriminalroman · Argument · · 352 S. · ISBN 9783867542395
Sprache: de · Herkunft: us

Eine von Gott verlassene Gegend

Rezension vom 12.01.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein ganzer Landstrich im Osten der USA ist weltweit unter seinem tristen Spitz­namen bekannt und als Beispiel für den Nieder­gang einst florie­render Indus­trien berüch­tigt: der »Rust Belt« (Rost­gürtel). Als man dort im Jahr 1856 mit dem Abbau der mächtigen Kohle­vorkom­men begann, setzte ein Struktur­wandel ein, der Genera­tionen Arbeit und Wohlstand brachte und das Bild der Region verän­derte. Nach einein­halb Jahr­hunder­ten ist es vorbei mit Kohle, Gruben, Kraft­werken und Industrie. Jetzt aber bleibt der Struktur­wandel aus. Das Bisherige stirbt, aber es folgt nichts Neues. Die Menschen verlieren ihre Arbeit, doch niemand bietet ihnen neue. Maschinen verrosten, Fabriken verrotten, Sied­lungen verfallen. Armut, soziale Probleme und verlas­sene Geister­städte sind die Folge. Hier findet einer, der das Blaue vom Himmel herunter ver­spricht, seine begeis­tertsten, verzwei­feltsten Anhänger.

Wenig bekannt ist, dass die Vergangenheit ein unheim­liches, gewisser­maßen lebendes Erbe unter der Erde zurück­gelas­sen hat. Etliche Kohle­flöze brennen seit Jahr­zehn­ten in der Tiefe vor sich hin. Wo es am heißesten glüht, bilden sich an der Ober­fläche Risse, Spalten und gewaltige Krater reißen auf, giftige Rauch­schwaden dringen empor. Hier zu leben ist unmöglich, die Bewohner müssen umge­siedelt werden, denn niemand kann die unter­irdische Glut je löschen.

In so einer apokalyptisch anmutenden Gegend hat Tawni O’Dell ihren atmosphä­risch dichten und beklem­menden Roman mit dem reiße­risch-rätsel­haft-verstö­renden Titel »Wenn Engel brennen« ange­siedelt. Hier, im fiktiven Laurel County, Pennsyl­vania, liegt die Stadt Buchanan. Die Umsiedler aus dem unbe­wohnbar gewor­denen Campbell’s Run sind die Ärmsten der Armen dort, trostlos, arbeits­los, hoff­nungs­los, viele von ihnen kriminell und drogen­abhän­gig.

Eine kleine Polizeieinheit soll für Ordnung sorgen, aber ihre Ressour­cen sind so kläglich wie ihr Revier, ihr Budget so winzig wie ihr Büro. Chief Dove Carnahan, Leiterin dieser Dienst­stelle seit zehn Jahren, ist eine außer­gewöhn­liche Ich-Erzäh­lerin. Während die Fünfzig­jährige ihren eigenen fünf Officers, allesamt unerfah­rene »Frisch­linge«, ihr »mütter­lichs­tes Gefühl« schenkt, hat sie von den Kollegen der über­geord­neten State Police »sämtliche Spiel­arten von Ablehnung, Sabotage und Schikanen erlebt, die das Y-Chromosom aufzu­bieten hat«, behauptet sich jedoch mit Intelli­genz, Humor und Selbst­ironie in ihrer Funktion.

Gleich auf der ersten Seite des Romans führt uns die Autorin zum Ort eines Verbre­chens, wie es nur in Campbell’s Run geschehen kann. Nicht nur wir Leser halten den Atem an, selbst die herbei­gerufe­nen Poli­zisten aus Buchanan müssen sich von dem, was zu sehen ist, abwenden und dem üblen Druck aus der Magen­grube nachgeben. Jemand hat ein junges Mädchen »in eins dieser schwelen­den Löcher gesteckt.«

So ein Mord ist kein Job für Dove Carnahan und ihre »Klein­stadt-Cops«. Schon rauscht Corporal Nolan Greely in seinem Streifen­wagen heran und entsteigt ihm, als komme er aus einem Hollywood-Film: der Prototyp eines State Police Officers, groß, stämmig, humorlos, Bürsten­haar­schnitt, Sonnen­brille, ein »berüch­tigt harter Hund«. Niemand anders als er ist hier zuständig, und Doves Team (»über­schätzte Baby­sitter« für die Leute in Buchanan) wird aus reiner Höflich­keit zum Briefing geladen.

Die Ermordete ist rasch identifiziert. Camio Truly, 17, stammt aus einer so prolligen wie krimi­nellen Familie (»die Hälfte ist tot oder im Gefängnis«). Von den acht Truly-Kindern »erreich­ten sechs das Erwach­senen­alter, fünf kamen nicht ins Gefängnis, vier hielten sich vom Crack fern, drei arbei­teten zeitweise, zwei tranken nicht, und einer fand zu Jesus«. Cam, die hellsich­tigste der Brut, ertrug ihre verlot­terte Sippe wohl schon länger nicht mehr und war fest ent­schlos­sen, sich nach dem High­school-Abschluss abzu­setzen. Musste sie deshalb sterben?

Dove Carnahan hatte Verständnis für Cam, denn wie wir per Rück­blenden erfahren, ist auch die heutige Ordnungs­hüterin in einem verwahr­losten Haushalt groß geworden. Ihre Mutter Cissy war, was ihren Körper anging, von einem über­zoge­nen Rein­lichkeits­fimmel besessen – wer sonst würde seine Tochter nach seiner Lieblings­seife benennen? –, in allen anderen Belangen, Männer­bezie­hungen einge­schlossen, hingegen schlampig. Dove war erst fünfzehn, als Cissy einem Mord zum Opfer fiel.

Ehe die Recherchen richtig Fahrt gewinnen, gibt es für alle eine Überra­schung, die die Handlung in zwei Stränge teilen wird. Ein Typ namens Lucky taucht auf – kein Gerin­gerer als der verur­teilte Mörder von Doves Mutter. Fünf­und­dreißig Jahre hat der »Glücks­pilz« für die Tat im Gefängnis gesühnt, jetzt kehrt er nach Buchanan zurück – und behauptet, gar nicht Cissys Mörder gewesen zu sein. Dove und ihre Schwester Neely hätten gelogen, und nur dieser Lüge wegen sei er verur­teilt worden. Da stockt dem Leser zum zweiten Mal der Atem, nicht nur wegen der unklaren Verbre­chen, sondern wegen Doves merk­würdigen Verhal­tens. Es lässt uns erahnen, dass unsere Erzäh­lerin ein Spiel mit uns treibt. Sie scheint mehr zu wissen, als sie uns bislang verraten wollte.

Tawni O’Dell, 1964 in Pennsylvania geboren, liefert spannende und deftige Krimi­unter­haltung erster Güte. Messer­scharf beob­achtet und charak­terisiert sie ihre Figuren, deren Erschei­nungs­bild, Lebens­umfeld und Verhalten. Im Zentrum steht eine Protago­nistin, die ihres­gleichen sucht. Dove Carnahan scheint zwar distan­ziert zu agieren, doch in Wahrheit ist sie im Milieu ihrer Herkunft verwur­zelt geblieben. Deswegen spürt sie sofort, wo es bei den Menschen ihrer Gegend, die mit Arbeits­losig­keit, Alkoho­lismus, Drogen­sucht und Gewalt zu kämpfen haben, kriselt, dass sie ihre Kinder vernach­lässigen, manche nicht einmal vor Miss­brauch zurück­schrecken.

Nicht nur Dove Carnahan ist ein gebrochener Charakter, sondern auch ihr schein­bares Gegen­stück, Corporal Nolan Greely, der im Job seine un­durch­dring­liche Sonnen­brille wie einen Schutz­schild trägt. »Dabei hat er sanfte Augen im beruhi­genden Blau einer Babydecke, umgeben von einem Kranz gut­mütiger Alter-Onkel-Falten.« Die beiden verbindet mehr, als man glauben würde, insbe­sondere ein lang­jähriges sexuelles Verhält­nis. Zwar ist Nolan verhei­ratet, doch in seiner Ehe läuft seit Jahren nichts mehr. Er lebt stur neben Frau und Kindern her, ohne sie zu beachten, erwartet aber, »dass sie nach getaner Arbeit im Stall auf ihn warten, voller Lob und Zuneigung und mit gefülltem Futter­trog«. Dove, etwas jünger als er, behauptet, »ich komme klar mit meinem Alter«, aber glücklich macht es sie nicht, dass sie, die ab und an sexuelle Gelüste befallen, auf Männer inzwi­schen wie »ein geschlechts­loser Klops« wirkt. Auch Nolan, der sich seinem »Liebchen« früher leiden­schaft­lich hingab, pflegt heute eine nüchterne Beziehung zu ihr: Sex »aus heiterem Himmel«, erledigt als gemein­samer Akt der »Erlösung«, kein Gerede, kein Aufhebens – ganz ihrem alltäg­lichen beruf­lichen Pflicht­verständ­nis ent­sprechend.

Tawni O’Dell ist eine echte Entdeckung im Krimigenre. Lange musste sie kämpfen, bis sie einen Verleger fand, und erst nachdem Oprah Winfrey ihr im Jahr 2000 Lob gezollt hatte, kam der Durch­bruch. Seitdem hat sie etwa alle drei Jahre einen Roman veröffent­licht, aber »Angels Burning« Tawni O’Dell: »Angels Burning« bei Amazon (2016) ist der erste der sechs, der ins Deutsche übersetzt wurde (Daisy Dunkel hat groß­artige Arbeit geleistet). Der Erzäh­lstil der Ermitt­lerin ist klar, knapp, ironisch, hinter­gründig. Frappie­rende Ver­gleiche sind das Salz in der kohle­schwarzen Suppe: »Sie lächelt kaum öfter, als Mom geputzt hat.« – »Ihr Schweigen ist lauter als das Geschrei der meisten Leute.« – Der Nachwuchs von Familien wie die Trulys hat ebenso schlechte Über­lebens­chancen wie der von Meeres­schild­kröten, aber »ihr schlimm­ster Fress­feind ist das eigene man­gelnde Urteils­ver­mögen«.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2019 aufgenommen.


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