Rezension zu »Das gekaufte Leben« von Tobias Sommer

Das gekaufte Leben

von


Clemens Freitag hatte im Leben wenig Glück und wenig Erfolg zu verbuchen, bis er bei einer Internetauktion den Zuschlag erhält. Damit gehört ihm jetzt das Leben eines ihm unbekannten Mannes, und er tritt in dessen Fußstapfen.
Belletristik · dtv · · 336 S. · ISBN 9783423289979
Sprache: de · Herkunft: de

Drei, zwei, eins – mein Leben!

Rezension vom 25.05.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

In seinen ersten sechzehn Lebensjahren war Clemens Freitag ein ganz normaler Junge. Er hatte Träume und verfolgte Ziele wie wahr­schein­lich die meisten anderen auch: einen Beruf mit solidem Einkommen, eine Familie mit Kindern. Doch dann starben seine Eltern bei einem Unfall, und mit ihnen verlor er nicht nur seine Liebsten, sondern auch sich selber. Er schaffte keinen Schul­abschluss, übte keinen trag­fähigen Beruf aus und führt jetzt, zwei Jahr­zehnte später, ein Außen­seiter­leben in Berlin.

Da stößt er auf einer Versteigerungsplattform im Internet auf ein unglaub­liches Angebot, das ihm, wie er sogleich erfasst, einen umfas­senden Neuanfang ermög­lichen könnte. Zum Verkauf steht nichts Gerin­geres als eine komplette Lebens­situation, in die der Erwerber nur einzu­steigen braucht. Aller­dings über­steigen die Gebote rasch die Res­sourcen eines Gelegen­heits­jobbers mit »schwarzer Null« auf dem Konto und drei Monaten Rückstand bei der Miete. Um die Chance seines Lebens nicht vorbei­streichen lassen zu müssen, be­schließt Freitag, das Konto seiner Eltern zu belasten, obwohl sich das für ihn anfühlt, »als würde ich ihren Tod akzep­tieren«. So kann er tapfer mithalten, bis die letzte Mitbie­terin bei einer Viertel­million endlich aussteigt.

Nun ist der »Sammler von Pleiten« Eigentümer des Lebens eines Herrn Götz Dammwald aus Zaun in Deutsch­lands östlicher Provinz. Zusammen mit seinem Rucksack schultert Freitag seine Vergan­genheit (etwas, das man ohnehin nie abstrei­fen kann) und macht sich auf den Weg dorthin. Mit öffent­lichen Verkehrs­mitteln und auf den letzten Kilo­metern per pedes erreicht er zum Jahres­wechsel das verschla­fene Örtchen.

Wie muss man sich vorstellen, was Clemens Freitag da als »Leben« erstei­gert hat? Fasslich wird es als sehr konkrete Immobilie, ein Ein­familien­haus mit 160 Quadrat­metern Wohn­fläche, Kleider­schränke und Vorrats­keller gut gefüllt. In der Garage steht ein feiner Gelände­wagen mit Stern start­bereit. Auf dem weit­läufigen Grund­stück zieht ein Mäh­roboter selbst jetzt im Winter seine Runden. Der wunder­schöne Waldsee bietet nicht nur einen hübschen Ausblick vom Wohn­zimmer, sondern lockt zu Angel­touren mit dem Boot, das im eigenen Bootshaus wartet. Ein Ferien­haus auf dem Grund­stück kann der Eigen­tümer vermieten oder Besuch darin unter­bringen.

Doch »Leben« umfasst ja weit mehr. Selbst der gut bezahlte Job des Vorbe­sitzers geht auf Clemens Freitag über. Am Mittwoch nach Neujahr betritt er das Büro seines neuen Chefs im Industrie­gebiet der Gemeinde Geistling zum Vor­stellungs­gespräch, und es verläuft reibungs­los (»Wir duzen uns alle.«). Auch die Nachbar­schaft nimmt den Neuen nahtlos in ihrer Mitte auf, als sei er die Reinkar­nation von Götz Dammwald. Das sind die Männer, die am Stamm­tisch der Wirt­schaft »Zum Zaungast« den feucht-fröh­lichen Ton angeben – neben dem Gastwirt selbst ein Instal­lateur, ein Ver­sicherungs­makler und ein IT-ler.

Nicht einmal in der Fiktion, so schwant uns von Beginn an, kann jemand auf diese Weise das voll­ständige, dem Augen­schein nach perfekte Leben eines anderen von einem Tag zum anderen über­nehmen. So lauern wir nur darauf, dass sich Falltüren öffnen, und natürlich fragt sich auch Clemens, ob er sein plötz­liches Lebens­glück nicht irgend­wann mit einer anderen Währung bezahlen muss als mit dem Erstei­gerungs­betrag in Euro. Als er das Top-Inserat entdeckte, über­prüfte er es natürlich genaues­tens, konnte aber keinerlei Nachteile, nicht einmal Frag­würdig­keiten aufspüren.

So nimmt Clemens sein neues Leben in Zaun erfreut und unbe­schwert in Angriff. Für sein erstes Abend­essen – das des Neujahrs­tages – wählt er aus den Vorräten eine Büchse »Rügener Fisch­suppe Soljanka« und betrach­tet, während sie auf dem Herd vor sich hin köchelt, die Zettel auf der Pinnwand. Neben Notizen finden sich Busfahr­pläne, Speise­karten von Restau­rants mit Liefer­service und vergilbte Zeitungs­ausrisse von provin­ziellen früheren Neuig­keiten (Ring­finger ohne Ring gefunden).

Was in aller Welt mag jemanden wie Götz Dammwald dazu bewogen haben, alles, was seine offen­kundig höchst angenehme, sichere und geruhsame Lebens­lage ausmacht, gegen Geld wegzu­geben? Das erinnert doch an die Geschäfte eines »Hans im Glück«. Der wird meist als Dummkopf verlacht, aber mancher gibt zu bedenken, dass er sich ja auch frei macht von der Belastung, die mate­rieller Besitz mit sich bringen kann. Viel­leicht ist Dammwald ein »Götz im Glück«? In jedem Fall hatte er seine Päckchen zu tragen – Clemens erfährt von einer »Trennung«, und wieso hängt die Sache mit dem Finger in der Küche? Nach dem Verkauf seines Lebens ist Dammwald angeblich auf Welt­reise gegangen, aber da er nie persön­lich in Erschei­nung tritt, bleiben seine Motiva­tionen und manch anderes im Dunkeln.

Nach und nach lässt uns der Autor wenigstens in Freitags Leben Einblick nehmen, und ans Tages­licht kommt, dass es nicht immer ganz astrein verlief. Aber auch das anfäng­lich so viel verspre­chende Leben in Zaun trübt sich ein. Ungewiss­heiten kommen auf und legen sich wie Nebel auf Freitags Gemüt, seine Nächte werden von Hunde­gebell, geister­haften Geräu­schen und Erschei­nungen beschwert, Albträume suchen ihn heim. Selbst die freund­lichen Nachbarn, harmlose Angler und attrak­tive Frauen lassen für ihn bedroh­liche Züge erkennen.

Die ungewöhnliche Handlung dieses Romans entwickelt sich ab Neujahr von einem Tag zum nächsten über etwa drei Wochen. Indem Ver­brechen auftau­chen und aufge­klärt werden, ist dies zunächst einmal ein Krimi. Die immer reich­licher auftre­tenden Elemente des Unheim­lichen, Irratio­nalen schaffen zunehmend die Stimmung eines Psycho­thrillers. In jedem Fall ist »Das gekaufte Leben« aber ein gut gemachter, eindring­licher Unter­haltungs­roman.

Ungewöhnlich mag man auch finden, dass die origi­nelle Fiktion aus Feder und Fantasie eines Mannes floss, der sich in seinem Brotberuf mit dem Unemotio­nalsten, Nüch­ternsten, Trockens­ten herum­schlägt, das man sich gemeinhin vor­stellen kann: Tobias Sommer ist Finanz­beamter. Der 1978 Geborene scheint im Schreiben Ausgleich, Weitung und persön­liche Erfüllung gefunden zu haben. Nach Gedichten und Kurzge­schichten ver­öffent­lichte er 2011 den ersten (»Dritte Haut«) von bisher vier Romanen. Neben zuer­kannten Preisen und Stipen­dien war er 2014 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert.


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