Rezension zu »Teufelsfrucht« von Tom Hillenbrand

Teufelsfrucht

von


Kulinarischer Krimi · Kiepenheuer & Witsch · · Taschenbuch · 304 S. · ISBN 9783462042870
Sprache: de · Herkunft: de

Na, wie schmeckt Ihnen Ihre Tiefkühlpizza?

Rezension vom 07.04.2011 · 8 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ich habe ja schon immer vermutet, dass die Chips-Gewürzmischung süchtig macht. Kaum ist die Tüte angebrochen, kann ich die Finger nicht mehr davon lassen ...

Pardon – um Chips geht es hier ja gar nicht. In seinem Restaurant "Deux Eglises" am Luxemburger Kirberg bietet Koch Xavier Kieffer seinen Gästen moselfränkische Köstlichkeiten. Eines Abends bricht ein Gast – ein Gastro-Kritiker – am Tisch tot zusammen. Die Polizei ermittelt, Xavier muss das Lokal vorübergehend schließen, und er ergreift selbst die Initiative. Wer hat dem Fremden sein Lokal empfohlen, das nur Insider kennen? Unterstützt wird er von seinem Freund Pekka Vatanen, einem EU-Beamten mit Beziehungen zum Max-Planck-Institut für Lebensmitteltechnologie. Weitere Hilfe erfährt er durch Valérie Gabin, die Eigentümerin des Großverlags, der alljährlich den Guide Gabin, die Bibel der Sterne-Restaurants, herausgibt.

Doch im Prolog sind wir noch weit weg von Luxemburg – und zwar in Papua-Neuguinea. Dort schleppt sich food scout Aaron Keitel durch den tiefsten Dschungel, um dem Häuptling eines martialischen, ja kannibalistischen Stammes die Präsente der fernen Zivilisation anzubieten. Im Gegenzug möchte er Chatwa, eine seltene Frucht, eintauschen – eine absolute Novität, die sich, wie er kalkuliert, weltweit gut vermarkten lässt.

Der Leser ahnt, was Xavier noch nicht weiß, dass nämlich diese extraordinäre Frucht, wenn sie zu einem Erfolg werden soll, streng geheim bleiben und folglich jeglicher Mitwisser sein Leben lassen muss. Wir hängen uns an Xaviers Fersen, besuchen mit ihm im Zuge seiner Recherchen seinen ersten Arbeitsplatz. Denn am Vorabend des Todesfalls war der Gastro-Kritiker zu Gast im Restaurant von Paul Boudier, dem anerkannten Sternekoch und Xaviers ehemaligem Lehrmeister. Doch was finden wir vor? Paul Boudiers Chalet ist angezündet worden, der Meister tot. Für Xavier wird es jetzt sehr heiß unter den Füßen, und zwei bewaffnete Franzosen verfolgen ihn. Am Ende wird Xavier die mysteriösen Todesfälle natürlich aufklären und dabei auch einen Lebensmittelskandal aufdecken.

Obwohl dieser kulinarische Krimi leider manche Längen hat, ist er trotzdem interessant zu lesen. Wenn wir Xaviers liebevolle Beschreibung all der idyllischen Ecken seiner Ober- und Unterstadt goutiert haben, rückt Luxemburg in der Rangliste der demnächst zu besuchenden Reiseziele ganz nach oben, und einen Tisch im "Deux Eglises" bucht man gleich mit. Dort sitzt man dann auf der Terrasse am plätschernden Fluss und weiß, dass man dank Koch Xaviers exzellentem Menü mit exakt darauf abgestimmten Weinen einen köstlichen Abend verbringen wird.

Den Popanz um Star- und Sterneköche nimmt Tom Hillenbrand herrlich auf die Schippe.

Sein Hauptanliegen scheint aber zu sein, uns über die Machenschaften der Lebensmittelindustrie aufzuklären. Rein am Profit interessiert, überzieht sie den Markt mit künstlich aufbereiteten Fertigprodukten; begnadete Sterne-Designer mischen darin chemische Substanzen, die, auf Optik und Geschmack hin optimiert, dem Kunden etwas vorgaukeln, was er gar nicht isst, aber bei zu hoher Dosierung sogar seine Gesundheit gefährden kann. Das mag manchem etwas überzogen scheinen, an Science Fiction erinnern, aber bereits etliche Dokumentationen und Sachbücher haben der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt, dass wir längst auf dem besten Weg zu einer solchermaßen artifiziellen Ernährung sind.

Aber wollen wir wirklich wissen, dass unsere Lieblings-Pizza mit Kunstkäse und Formfleisch belegt ist? Wir lieben den bekannten Geschmack – und greifen erneut in die Tiefkühltruhe. Voilà: Kompliment ans Labor! Gute Arbeit, ihr Design-Chemiker! Die Geschmacksverstärker sind heute wieder ganz besonders köstlich ...


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