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Rezension zu »Der verlorene Sohn« von Tommy Wieringa

Der verlorene Sohn

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 333 S. · ISBN 9783446235670
Sprache: de · Herkunft: nl

Er bleibt allein.

Rezension vom 05.01.2011 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ludwig Unger, der Ich-Erzähler, erhält ein Telegramm: "Warren gestorben. Catherine". So kehrt er zurück nach Alburgh, wo er eine Zeitlang zusammen mit seiner Mutter Marthe gelebt hatte, und nimmt sich ein Zimmer im Hotel The Whaler. "Sieh an, der Pianomann," begrüßt ihn der Barkeeper, ein alter Freund, mit dem er in der Rugbymannschaft gespielt hatte. Damals saß er abends in der Bar am Klavier, als nette Unterhaltung für die Touristen, und ihm brachte das ein gutes Taschengeld. Jetzt steht Linny Wallace an der Bar und nickt ihm freundlich zu. Sie werden sich am nächsten Tag an der Strandpromenade begegnen und ins Gespräch kommen; Ludwig wird ihr seine Lebensgeschichte erzählen, und der Roman wird sehr rund dort enden, wo er seinen Anfang nimmt: in Alburgh.

Ludwigs Leben nahm seinen Anfang in Ägypten, wo er als Sohn von Bodo Schultz, einem berühmten österreichischen Künstler, zur Welt kam. Der hatte durch seine kopulierenden Skulpturen Aufmerksamkeit erregt und den Zuschlag erhalten, an Alexandrias Hafeneinfahrt einen gigantischen obsidianschwarzen Turm zu errichten. Doch plötzlich verschwand er und hinterließ neben dem unfertigen Objekt seine kleine Familie. Mutter Marthe lebte zurückhaltend, liebte ihren Mann weiterhin und hoffte auf seine Rückkehr. Nach fünf Jahren wird ihr die Endgültigkeit bewusst; sie verlässt Alexandria und fliegt mit Ludwig zurück in ihre Heimat, die Niederlande. Dort wird ihre Schwester Edith mit Ehemann Gerard ihre erste Anlaufstation. Doch die Schwestern haben sich nie verstanden, und Marthe hält den Zustand nicht lange aus. Sie reist ab und lässt Ludwig mit dem Versprechen, ihn bald zu holen, bei Onkel und Tante zurück. Der Junge leidet seelische Schmerzen, hat ständig Angst- und Verlustgefühle; auf seine Mutter entwickelt er Hass und Wut.

Nachdem Marthe durch Europa getingelt ist, kehrt sie tatsächlich zurück. ("Bei Katzen isses genauso. Bis sie wieder wissen, wo's was zu fressen gibt," kommentiert Tante Edith abfällig.) Die Mutter kauft in England ein Haus, direkt an den Steilklippen – zwar noch außerhalb der Gefahrenzone, aber, so sagt Warren, der Verkäufer, durch Erosion und schwere Sturmfluten kann es irgendwann weggerrissen werden.

Der Autor hat einen wunderbar differerenzierten Erzählstil. Lebhaft fabulierend und poetisch schildert er die Exotik Alexandrias und das bunte Treiben dort. Dagegen ragen aufregend düstere und bedrohliche Stimmungsbilder der englischen Küstenlandschaft und der Menschen im Überlebenskampf gegen die Urgewalten des Wetters auf, die an Turner-Gemälde denken lassen. Um einen Wall als Bollwerk gegen die drohende Zerstörung zu errichten, karrt Warren, stets optimistisch, ganze Lastwagenladungen heran (gegen den Widerstand der Naturschützer).

Hier wächst Ludwig auf. Bis er dreizehn Jahre alt ist, verzärtelt ihn seine Mutter. Sie liebt es, ihn als Schminkpüppchen mit schwarzem Mascara auf den Wimpern, mit rotem Lippenstift, mit Cremes und Essenzen zu balsamieren. Dann überfällt den Jungen ein Gefühl der Verderbnis, und Mutters aufdringliche Intimität ekelt ihn an. Ein Freund zeigt ihm einen abstoßenden Pornofilm, in dem seine Mutter die Hauptrolle spielt. Schlimmer kann ein Junge wohl kaum desillusioniert werden.

Im weiteren Verlauf der Handlung verlässt die Mutter ihren Sohn erneut, aber er reist ihr nach, sucht sie in Los Angeles. Wie Ludwig kämpft, ohne seine seelischen Verletzungen mit Drogen o.ä. zu betäuben, ist ergreifend. Obwohl Marthe weder mütterliche Liebe noch Hingabe noch Opferbereitschaft aufbringt, überwiegt Ludwigs Beschützergefühl für sie bis zum bitteren Tode, trotz Ekel und Scham. Selbst seine erste und einzige Liebe kann ihn nicht festhalten: "Wo ist Dein Herz?"

Während seine Mutter Ludwig verstößt – sie brauche keinen Retter, er habe einen Jesuskomplex und möge doch sein eigenes Leben führen -, wird er mit der Kunst seines Vater konfrontiert. Der hat einen ganzen Berg explodieren lassen und die Aktion verfilmt. Das Dokument, "Abgrund", wird in einem Museum in Los Angeles gezeigt. In der Zerstörung sieht Bodo Schultz etwas Bleibendes; für Ludwig ist sie, wie für die Demonstranten draußen, ein Akt der Gewalt. Jetzt hat Ludwig zwei Eltern, die der Errettung bedürfen, und er fragt sich ernsthaft, in welcher Weise und mit welchem Ergebnis deren Potenziale wohl in ihm zusammenfließen: ein Ego voller Gewalttätigkeit und eins voller Perversionen.

Noch einmal macht Ludwig sich auf den Weg, dieses Mal auf der Suche nach seinem Vater, der sich inzwischen tief in den Urwald Kolumbiens zurückgezogen hat – niemand weiß genau wohin, außer Ché Ibarra, dem Mozart-Kenner und -Verehrer, dessen schurkenhaftes Äußeres Angst einflößt. Ludwig will dem Vater etwas überbringen und endlich erfahren, warum er seine Familie verlassen hat. Ebenso packend wie in Conrads "Herz der Finsternis", in Coppolas "Apocalypse Now" und in Herzogs "Aguirre, der Zorn Gottes" geht die Reise in die Wildnis tief ins eigene Ich.

Ein faszinierender Roman über einen, der voller Sehnsucht sein Zuhause finden will. Als das Haus von den Klippen stürzte, fiel er aus dem Leben. Und er schreit aus tiefster Kinderseele nach seiner Mutter, die ihn verlassen hat.

Zu gern hätte ich diesem Buch fünf Sterne gegeben. Aber ich finde einfach keine Rechtfertigung für die abstoßend drastischen Beschreibungen unschöner, unwürdiger, menschenverachtender sexueller Praktiken. Ich finde, diese Textstellen mindern die literarische Qualität.


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