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Rezension zu »Spiel der Zeit« von Ulla Hahn

Spiel der Zeit

von


Belletristik · DVA · · Gebunden · 608 S. · ISBN 9783421045850
Sprache: de · Herkunft: de

Langwierige Ent-kapsel-ung

Rezension vom 12.01.2015 · 6 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Als fortlaufenden Ereignis- und Erzählstrom ohne Kapiteleinteilung erlesen wir Hilla Palms Kölner Studi­enjahre 1967 und 1968. Nach ihnen ist eine Generation be­nannt, die für Erneuerung, Aufruhr, Umsturz und Befreiung steht. Sie befreite In­sti­tu­tio­nen von ver­krus­te­ten Strukturen, die jüngere Geschichte von Ver­drängung, das Denken von Tabus und viele Menschen von einengenden Konventionen. Hilla selbst befreit sich endlich aus ihrer Kapsel und blüht auf.

Hilla, das ist Hildegard (so »der unverstümmelte Daktylus meines Namens«) bzw. Heldejaad (fa­mi­li­en­in­tern) bzw. Ulla Hahn. Die Autorin spielt kokett mit der Grundregel aus dem Deutschunterricht, dass Autor und Erzähler zweierlei sind. Sie erzählt ihre eigene Vita kaum verschlüsselt (aus dem Kindheitsort Monheim wird das fiktive Dondorf, beide am Rhein, aus der Neustraße 2 die Altstraße 2) und doch mit ein wenig Dis­tanz zum alter ego: Hilla bleibt gefangen in ihrer erzählten Zeit; Ulla (»Ich, die Autorin«) kommentiert ge­le­gent­lich aus ihrem Heute auf Hilla zurückschauend, und natürlich hat sie erzählend ge­staltet.

Was ist erzählenswert an diesem Leben? Heldejaad ist »dat Kenk vun nem Prolete«, des ungelernten, un­ge­schlif­fe­nen Fabrikarbeiters Josef Palm und seiner Frau Maria. In zwei populären Vorgängerromanen (s.u.) haben wir erfahren, wie das intelligente Mädchen in der repressiven Enge seiner katholisch-klein­bür­ger­li­chen Familie und einer Kleinstadt in der rheinischen Adenauer-Provinz aufwächst. Nur dank der Förde­rung des Pastors, vor allem aber dank ihrer starken Persönlichkeit und ihrer Aufmüpfigkeit kann sie ihre in­tel­lek­tu­el­len Fähigkeiten gegen viele Widerstände entfalten: Sie liest Unmengen an Büchern, besucht die Mittelschule, nach einer Lehre das Aufbaugymnasium, ferienjobbt bei der örtlichen Pharmafirma, will schließlich in Köln Germanistik studieren.

An dieser Schwelle setzt der neue Roman ein. Hilla (das selbstgewählte Update ihres Namens als Mittel­weg zwischen der kölsch-proletarischen und der hochdeutsch-förmlichen Variante) kann dank »Honnefer Modell« (ein Bafög-Vorläufer) ein karges Einzelzimmer im streng überwachten katholischen Hildegard (von Bingen)-Kolleg beziehen, von wo aus sie sich die Großstadt erschließt. In ihren Mitbewohnerinnen lernt sie moderne Fräulein mit bürgerlichem Hintergrund kennen, deren Kleidung, Verhalten und An­schauungen sie bestaunt, bewundert oder belächelt.

Schon seit Kindertagen mit einer Begeisterung für alles Sprachliche gesegnet, befeuert Hilla, was sie an der Uni lernt. An den Lippen eindrucksvoller Lehrpersönlichkeiten hängend, saugt sie mühelos philologi­sche Grundlagen in sich auf, lässt sich faszinieren von allem, was das Institut im klassischen Kanon zwi­schen Althochdeutsch, Gryphius, Schiller und Benn zu bieten hat, übernimmt eifrig Referate, hält die Au­gen auch für Nachbardisziplinen offen.

Der aufkommende kritische Wind jener Jahre, der keinen Zeitgenossen unbeleckt lassen konnte, beflügelt Hilla. Schon als Fünfzehnjährige hatte sie in der Pillenfabrik einen Aufstand gegen die verordnete Arbeits­verdichtung angezettelt; in Köln protestiert sie mit Kommilitonen im Regen gegen eine KVB-Fahrpreiser­höhung – die erste Politdemo von vielen, von denen sie noch erzählen wird.

Bei ihren regelmäßigen Besuchen zu Hause in Dondorf erstattet sie Bericht. Ihre Familie hat sich inzwi­schen nicht nur abgefunden, sondern zeigt sich stolz auf den eigenwilligen Werdegang ihrer klugen Hel­dejaad, der ihnen in Dondorf nie gekanntes Prestige (garniert mit Misstrauen und Missgunst) verschafft. Staunend und aufgeschlossener als früher nehmen sie Anteil . Doch je stärker sich Hilla an der Uni und im aufregenden geistigen Milieu der Studenten- und Lehrerschaft engagiert, desto seltener zieht es sie in die Provinz. Sie entwächst ihren Wurzeln, ohne ihre Verbundenheit mit ihnen, das Verständnis für ihre Familie und ihre Heimat zu verlieren.

Den entscheidenden Stimulus in Hillas Leben bringt Hugo Breidenbach, ein höheres Semester, literarisch, theologisch und philosopisch mit allen Wassern gewaschen, ein souveräner, kritischer Intellektueller und ein einfühlsamer Menschenkenner. Die beiden finden einander bei einer Karnevalsfete, beide mit dicken Kostümen als geschlechtslose Kleintiere gepanzert. Erst lernen sie ihre Gedanken kennen, ehe er sie ge­duldig und behutsam in die Liebe einführt – für sie ein Akt der Befreiung, denn sie ist seit einer Vergewal­tigung traumatisiert. Mit Hugo gelingt es ihr, endgültig aus ihrer »Kapsel« auszubrechen und ihr unverstell­tes Selbst zu entwickeln.

Durch Hugo findet sie Eingang in üblicherweise hermetische Kreise. Die Breidenbachs gehören zum inner­sten Kern kölnischen Geldadels, sind unerhört dünkelhaft und unglaublich gefühlskalt. Eigenartig, dass nichts, aber auch gar nichts von dieser althergebrachten Überheblichkeit auf Spross Hugo vererbt wurde. Woher hat er seine lockere Aufgeschlossenheit, seine intellektuelle Lauterkeit?

Gemeinsam verfolgen Hilla und Hugo aus nächster Nähe und mit großer Intensität, was als »Stu­den­ten­un­ru­hen« der Jahre 1967 und 1968 bezeichnet wurde. Studenten demonstrieren an den Unis und in den Städten, der SDS übernimmt die Vorreiterrolle, die Schüsse auf Benno Ohnesorg erschüttern die Republik, Rudi Dutschke fasziniert Zuhörermassen, konservative Politik gibt sich unbeeindruckt, die Bild-Zeitung hetzt, die »Arbeiterklasse«, zu deren »Befreiung« so vieles gefordert wird, bleibt passiv, die Ideo­logisierung greift auch auf die bürgerliche Kultur zu und fordert ihre Wandlung. Alte Privilegien fallen, Zöpfe werden ab­ge­schnit­ten, auch Bürger entdecken langsam neue Freiheiten und Rechte. Über die Rolle der Gewalt wird kontrovers gestritten, terroristisches Gedankengut keimt erst noch im Untergrund.

Die beiden sind für alles offen, erörtern die revolutionären Theorien der rivalisierenden Gruppierungen, sym­pa­thi­sie­ren mit den linken Idealen, lassen sich aber nicht vereinnahmen. Auf dem Fundament des rhei­ni­schen Katholizismus, ihrer soliden Bildung und mit gesundem Menschenverstand bewahren sie kritische Dis­tanz. Mit intellektuellem Spaß entlarven sie Widersprüche zwischen Theorie und Praxis, Egoismen der Wort­füh­rer, sprachliche Akrobatik und machen sich darüber kreativ lustig: der Ausbruch der Schildkröte Rudi aus ihrem Balkon-Gefängnis geschildert als revolutionärer Befreiungsakt.

Der Roman hat viele Stärken, aber auch Schwächen. Amüsant sind die vielen kleinen Anekdötchen und Epi­söd­chen: wie der Mixer nach Dondorf kam; wie »Omma« den Stutenteig knetet (»Ihr zuzuschauen, eine Lust ... Mühsal in Freiheit verwandelt, Nutzen in Schönheit«); wie Flower Power Dondorf erreicht; die Emp­fän­ge in der Villa Breidenbach. Sie alle erfassen unglaublich treffsicher und meist humorvoll die Mi­lieus, den Geist, die Sprache der Zeit.

Der Roman strotzt vor Zeitkolorit: Popsongs, Filme, Kultkneipen, Slogans (»Berlin brennt, Köln pennt«, »Hab immer K2R zur Hand, der Fleck ist weg, ganz ohne Rand«) und Illustriertenthemen (»Onkel Lou« und »Der goldene Schuss«, Beatrix und Claus von Amsberg, Kinsey-Report und der »Kirmesmörder«). Für Ger­ma­nis­ten öffnet er ein Museum mit Titeln (»Das sprachliche Kunstwerk«, »Grundbegriffe der Poetik«), The­men (»Die blaue Blume in Novalis' Heinrich von Ofterdingen«) und Koryphäen (Benno von Wiese, Fritz Tschirch, Gerhard Fricke, Erwin Scheuch, Ludwig Wittgenstein). Zwischendurch werden Zeilen aus der deut­schen Literatur kommentiert (Gryphius liefert den Buchtitel); sehr interessant sind die Ausführun­gen zu Per­sön­lich­keit und Werk von Ezra Pound.

Der eigentliche Schwerpunkt des Werkes ist aber die genaue Aufarbeitung des politisch-sozialen Diskur­ses. All die vielen Vorlesungen, Lektüren, Unterhaltungen, Filme, Versammlungen, Demos und Streitfra­gen, die die bildungshungrige Hilla mit oder ohne ihren Hugo durchlebt, gibt sie minutiös wieder, flicht den Ori­gi­nal­text von Flugblättern, Reden, Zeitungsartikeln ein. Die Präsentationsweise hat Methode: Der breiten Vor­stel­lung der Vorgänge und Theorien folgt deren wortgetreu protokollierte Diskussion zwischen Hilla, Hugo, der Familie oder im Freundeskreis mit anschließendem Urteil, welches die Dinge zurecht­rückt.

Allerdings stellt sich die Frage, welchen Gewinn das Vorgehen bringt, die politische Entwicklung auf Hil­las persönliche Ebene herunter zu projizieren (»Der Vater sollte recht behalten.«). So meisterhaft die Auto­rin großartige Charakterporträts zu erstellen weiß (etwa von Hugos Familie), so bleiben ihre Figuren doch weit­ge­hend eindimensionale Sprachrohre weltanschaulicher Perspektiven.

Überdies fehlt dem familiären Personal das Konfliktpotenzial. Im Grunde sind alle redlich bemüht, ver­ständ­nis­voll, links und gottgläubig; Hugo ist schlichtweg makellos. Der Ton der Erzählungen aus dem Pri­vat­le­ben ist stets heiter-jovial; bisweilen entrüstet man sich ein bisschen. Nur die Breidenbachs bleiben als re­ak­tio­nä­re Käuze außen vor.

Reines Vergnügen bereitet die sprachliche Vielfalt. Wunderbar sind die Gedichte, die die vielgerühmte Ly­rikerin in ihre Prosa einbettet. Ausgiebig nutzt sie zur Charakterisierung den rheinischen Dialekt (ein Hauch Karneval durchweht dadurch das Buch). Bei Bedarf verfällt sie aus dem ruhigen Erzählton in einen pa­ra­tak­ti­schen Reportagestil, zerhäckselt ihre Sätze. Ab und zu lässt sie hinter die Kulissen der Wörter schauen, macht per Trennstrich ihre ›Materialität‹ bewusst (»mit-teilen«), verfremdet und verformt sie (»Sil­ben­sil­ber«, »Märchenmädchen«). Die Sprachspiele sind kein lustiger Selbstzweck, sondern unterstüt­zen die Aus­sa­ge­wir­kung, wie die Privatsprache der Protagonistin mit ihren Eigenkreationen Tabus um­schifft und intimes Verstehen aus­drückt (»Lichtung«, »Es«, »Das«, »Derdaoben«) und der Floskeljargon der linken Szene manche inhaltliche Hohlräume überspielt.

Ein ungeheuer kluges, geist- und kenntnisreiches Buch also, und dennoch lassen diese sechshundert Sei­ten am Ende unbefriedigt. Zu viel Politik und zu wenig Plot? Zu viele Details und zu wenig Dramatik? Zu viel Intellekt und zu wenig Herzenswärme?

Rheinische Mädcher und Jungs, Germanisten und Achtundsechziger werden im Wiedererkennen schwär­men, manch anderer könnte irgendwann das Interesse verlieren. Möglicherweise waren die beiden ersten Bände, auf die häufig angespielt wird, weniger theoriebeladen: »Das verborgene Wort« Ulla Hahn: »Das verborgene Wort« bei Amazon (2001), 2007 von Hermine Huntgeburth als »Teufelsbraten« Hermine Huntgeburth: »Teufelsbraten« bei Amazon für die ARD verfilmt, und »Aufbruch« Ulla Hahn: »Aufbruch« bei Amazon (2009)


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Kommentare

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Zu »Spiel der Zeit« von Ulla Hahn wurden 1 Kommentare verfasst:

Beatrix Petrikowski schrieb am 02.02.2015:

Fr mich war die Lektre ein Genuss und besonders haben mich die zahlreichen kritischen Untertne erfreut.

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