Rezension zu »Der Sohn« von Jo Nesbø

Der Sohn

von


Kriminalroman · Ullstein · · Gebunden · 528 S. · ISBN 9783550080449
Sprache: de · Herkunft: no

Ein guter Racheengel

Rezension vom 08.01.2015 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sonny Lofthus nimmt die Sünden der Welt auf seine Schultern. Gottes Sohn ist er natürlich nicht, aber er vergötterte seinen Vater. Ab Lofthus war führender Po­li­zei­kom­mis­sar in Oslo und stets ein Vorbild für sein braves Söhnchen. Der in­tel­li­gente Musterschüler würde später selbstverständlich in seine Fußstapfen treten.

Dann brachte Ab Lofthus sich um, und sein Abschiedsbrief ließ Sonnys Weltbild zerbröseln. Ab gestand darin, er sei korrupt gewesen und habe als Maulwurf für Drogen- und Menschenhändler gearbeitet. Das wirft den Achtjährigen für immer aus der Bahn: Schuleschwänzen, jugendliche Kleinkriminalität, Drogen, Einbrüche, Jugendhaft. Mit achtzehn bekennt er sich schuldig an zwei brutalen Mordtaten; begangen hat er sie nicht, aber mit den Schuld­ge­ständ­nis­sen sichert er seinen Nachschub an Heroin.

In der Hochsicherheitsanstalt Staten, einem hochmodernen Vorzeigegefängnis, entwickelt Sonny seine neue Existenz als charismatischer Beichtvater. Sanft lächelnd wie ein Buddha empfängt er in seiner Zelle Mitgefangene, die ihr Gewissen erleichtern wollen, lauscht reglos ihren freimütigen Geständnissen und si­chert ihnen mit segnenden Händen Vergebung zu. Die vertrauensvollen Offenbarungen enthüllen Sonny, was in Oslos Unterwelt abgeht, wer die Strippen zieht, welche Polizisten auf der Lohnliste der Mafia ste­hen.

Auch Drogendealer Johannes Halden, seit vier Jahren in Staten, möchte, ehe er bald dem Lungenkrebs er­liegt, seiner Seele etwas Gutes tun. Vor vielen Jahren versprach er, ein Geheimnis zu bewahren, und trug es seither getreu in seinem Herzen, doch jetzt wird es Zeit, sich zu entlasten. In Sonnys dunkler Zelle ge­steht er ihm Ungeheuerliches: Johannes war Ab Lofthus' verdeckter Mitarbeiter. Sonnys Vater war keines­wegs korrupt, sondern einem Verräter in den eigenen Reihen auf der Spur. Kurz bevor er diesen Mann hochgehen lassen konnte, nahm er Johannes ein Schweigegelübde ab. Dann aber überfielen die Draht­zie­her den Kommissar, um ihn kalt zu stellen. Um den Polizistenmord als Suizid zu tarnen, zwangen sie ihn – ge­gen die Zusage, seine Familie in Ruhe zu lassen –, den verheerenden Abschiedsbrief an Frau und Sohn zu schreiben.

Was immer Sonnys Vater zur Last gelegt wurde, war also gelogen. Sonnys Lebensweg erscheint jetzt in ei­nem völlig veränderten Licht, und Sonny, inzwischen dreißig Jahre alt, wandelt sich erneut.

Er wird keine fremde Schuld mehr auf sich nehmen. Während seines kürzlichen offiziell genehmigten Frei­gangs war eine Frau bestialisch ermordet worden; man hatte ihm bereits Details der Tat zugespielt, damit er ein weiteres falsches Geständnis ablegen sollte. Damit ist es jetzt vorbei, und er braucht auch keine Drogen mehr. Denn Sonny erkennt nun eine neue Berufung, und sie zieht ihn an wie ein Magnet. Dazu muss er hinaus in die Freiheit. Er prüft das Sicherheitssystem von Staten auf mögliche Lücken, stählt seinen Körper, durchleidet den harten Entzug und wartet auf seine Chance.

Tatsächlich gelingt Sonny die unmögliche Flucht. Durch Per Vollan, den pädophilen Gefängnispfarrer, weiß er eine sichere Anlaufstelle in Oslo; in Marthas Hospiz für obdachlose Heroinabhängige hat die Poli­zei kei­nen Zutritt. Obwohl Martha erkennt, dass der Neuankömmling nicht wirklich zu ihrer üblichen Ziel­gruppe gehört, darf »Stig Berger« – Sonnys neue Identität: keine Familienangehörigen, keine ansteckenden Krankheiten, keine Zukunftspläne – ein Zimmer bei ihr beziehen.

Nun beginnt Sonny seine neue Mission, als gnadenloser Racheengel jeden, der für sein Leid im Gefängnis Verantwortung trägt, zu richten. Die Mörder, deren Verbrechen er auf sich genommen hat, bringt er einen nach dem anderen eiskalt um. Seine Bestimmung kann erst dann vollendet sein, wenn er den wahren Maulwurf in den Reihen der Polizei aufgespürt und die Killer seines Vaters zur Strecke gebracht hat. Es geht ihm jedoch nicht allein um Rache, sondern um einen Feldzug für die Gerechtigkeit. Als guter Men­schensohn ist er ausnehmend freundlich zu seinen Mitbürgern, schont Unschuldige, hilft den Schwachen. Er verteilt die Beute aus Überfällen an Bedürftige und will auch Martha und ihrem Hospiz eine großzügige Spende überlassen.

Natürlich schauen Sonnys Gegenspieler seinem Treiben nicht tatenlos zu. Drahtzieher und Handlanger des organisierten Verbrechens müssen um ihr Leben fürchten und jagen Sonny, während ihm ein ungleiches polizeiliches Ermittlerpaar von Tatort zu Tatort folgt. Die junge Kari Adel ist neu im Team, strebsam und unbelastet, Kommissar Simon Kefas ein alter Hase kurz vor der Pensionierung. Er war nicht nur Ab Lofthus' Wegbegleiter, sondern auch sein bester Freund.

Bevor sich das Netz um Sonny endgültig zuzieht, fährt der routinierte Autor ein paar Wendungen auf, die allerdings nicht unvorhersehbar sind, wenn man gut mitdenkt. Nach einem atemberaubenden Showdown, der keine Fragen mehr offen lässt, einer rührseligen Liebesgeschichte hart am Rande des Kitsches und ei­nem Cliffhanger für eventuelle Folgebände endet der neue Nesbø-Thriller.

Mit zehn Bänden über den Headhunter Harry Hole wurde Jo Nesbø berühmt und schuf einen markanten Charakter. Nun brauchten Autor und Leser wohl eine Zäsur. Der Plot vom enttäuschten guten Sohn, der Böses tut, um Gutes zu bewirken, der Rache nimmt, um Gerechtigkeit herzustellen, ist kein schlechtes Konzept. Der moralische Hintergrund von Gut und Böse, Schuld und Sühne, Recht und Gerechtigkeit wird allerdings recht dürftig und plakativ abgehandelt. Mehr als Genre-dienliche Schlagwörter in Schwarz-Weiß gibt es nicht.

Gleiches gilt für die zahlreichen und überdeutlichen religiösen Versatzstücke. Namen wie Johannes, Mar­tha, Simon, Pontius und andere weisen Rollen zu, und wenn »Ab« auf Abraham deuten sollte, stellt sich die Frage, ob Vater Lofthus wohl bereit war, seinen Sohn Sonny zu opfern ... Für Begriffe, Motive und Themen bedient sich der Autor aus dem Alten und dem Neuen Testament wie aus dem Supermarkt­regal. Sonny erlöst nicht nur von Sünden (angeblich), sondern kann Aggressivität weglächeln, erträgt sanftmütig, wie ihn in der Straßenbahn drei Jugendliche anmachen, hält bei einer Prügelei dem Gegner die »un­ver­letz­te Wange« hin. Dass religiöse Elemente ihres Gehaltes beraubt und benutzt werden, um zwecks Best­sel­ler­pro­duk­tion einen Schwerverbrecher zu überhöhen, ist bei uns glücklicherweise zulässig; fragwür­dig, wenn nicht geschmacklos mag es mancher dennoch finden. Mehr als ein oberflächlicher Gimmick ist es hier jedenfalls nicht.

Auch an der Realität darf man so ein Erzeugnis nicht messen. Kann jemand derart radikale Kehrtwendun­gen seines Wesens vollziehen wie Sonny? Können hochkomplexe Gesellschaften wie die nord­eu­ro­pä­i­schen so dicht von kriminellen Strukturen durchsetzt und kontrolliert werden, wie es hier suggeriert wird? Egal – der Leser solcher Unterhaltungsliteratur will in erster Linie knallharte Spannung, und die weiß Profi Jo Nesbø zu liefern.

Sein neuester Thriller »Der Sohn« (»Sønnen«, übersetzt von Günther Frauenlob) lässt sich dank einfachen Sprachstils und klarer Struktur ruck-zuck konsumieren. Trotz stattlichen Umfangs kann man den Plot auch nach mehrtägigen Lesepausen leicht wieder aufnehmen, denn an Sonnys Seite ist der Leser den Ermittlern immer einen Schritt voraus, und am Tatort werden die Untersuchungsergebnisse ordentlich zusammenge­fasst. Zweifellos übt das Buch einen Sog aus, denn man will schließlich mitraten und erfahren, wer die Ver­rä­ter von damals waren; aber so richtiger anhaltender Thrill will nicht aufkommen. Keine Angst vor Alb­träu­men!


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