Rezension zu »Blutgott« von Veit M. Etzold

Blutgott

von


Ein Perverser, der sich »Blutgott« nennt, nutzt das Internet, um minderjährige Jugendliche zu abartigen Morden zu verführen.
Splatter · Knaur · · 464 S. · ISBN 9783426524084
Sprache: de · Herkunft: de

Und wo surft Ihr Kind?

Rezension vom 09.12.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der Katalog abartiger Grausamkeiten, die in diesem Buch anschaulich und detailreich beschrieben werden, will kein Ende nehmen. Da werden Körper­teile abge­trennt, Organe entfernt, Gesichts­haut abgezogen, und alles am lebenden Opfer. Es muss tatsäch­lich viele Menschen geben, die so etwas lesen mögen, denn dies ist ein Best­seller.

Die Schlachtszenen sind durch einen Plot verknüpft, dessen Grundidee realis­tischer sein mag als die Gewalt­orgien. Im Dark Net wirbt ein perverser Krimi­neller, der sich »Blutgott« nennt, minder­jährige, also strafun­mündige Jugend­liche an, um blut­rüns­tige Morde auszu­führen. Er nutzt dazu Methoden, denen junge Leute alltäg­lich im offenen Internet und den soge­nannten »social media« ausge­setzt sind, wenn sie die Seiten von Influ­encern oder bestimmte Platt­formen wie TikTok besuchen: Er reizt ihre Neugier, stachelt ihren natür­lichen Wagemut, ihre Lust auf Tabu­verlet­zung, auf das Ausleben ihrer Triebe, auf den Wett­streit mit Gleich­altrigen an, und er wiegt sie ange­sichts des gefor­derten Kapital­verbre­chens in Sicher­heit, indem er ihre gesetz­lich garan­tierte Straf­freiheit selbst bei Mord (nach Paragraph 19 Straf­gesetz­buch) heraus­kehrt.

Die Handlung ist unkompliziert, der Erzähl­stil konven­tionell. Die Identität des »Blut­gottes« ist bekannt, der unper­sönliche allwis­sende Erzähler teilt uns in schnellen, kurzen Kapiteln mit, was an den verschie­denen Schau­plätzen mit den jewei­ligen Personen geschieht. Diverse staat­liche Ermittler­teams (darunter die Patho­psycho­login Clara Vidalis als Heldin der Roman­reihe, die bereits sieben Titel umfasst) und ein sen­sations­geiler Jour­nalist setzen den Tätern nach, aber über ihre Arbeit erfahren wir so gut wie nichts, ver­glichen mit der der Schläch­ter, ihrer Methoden, Werkzeuge, Internet­seiten. Gespannt ist man weniger, wann und wie den Krimi­nellen endlich das Handwerk gelegt wird, als darauf, welche Blutorgie sie sich als nächstes einfallen lassen werden. Nach der x-ten Vivi­sektion wird das aller­dings gähnend lang­weilig. Die Figuren sind aus­nahms­los flache Charak­tere, ohne Aus­arbei­tung, geschweige denn Entwick­lung ihrer Persön­lichkeit. Wenn die jugend­lichen Täter-Opfer erst einmal in der Falle des »Blut­gottes« gefangen sind (»Dein Gott spricht zu dir.«), metzeln sie wie Maschinen, ohne Gefühle, ohne Skrupel, ohne Fragen. Bestür­zend, aber sicher nicht unrea­listisch, dass sich kein Erziehungs­berech­tigter um die Freizeit­gestal­tung dieser Spröss­linge Gedanken zu machen scheint.

Wenn menschliche Kunstäußerungen auf Identifikation zielen, um beim Publikum emotio­nale und intellek­tuelle Wirkungen wie Mitgefühl und Katharsis zu erzeugen und das Bewusst­sein für mora­lisches Handeln zu schärfen, so frage ich mich, mit welcher Figur man sich bei »Blutgott« identifi­zieren kann. Mit dem Opfer, das unerträg­liche Schmerzen durch­leidet, bis er oder sie endlich daran ver­sterben darf? Mit dem »Blutgott«, der sich diese Bestia­litäten ausge­dacht hat und (wenn es denn eine religiöse Meta­phorik sein muss) in Wahrheit ein Teufel ist? Mit den fühllosen Tötungs­maschinen, die seine Anwei­sungen dumm und gnadenlos durch­ziehen?

Wozu so ein Buch? Man rechnet es der Gattung Splatter zu, die viele Fans hat, und Veit Etzold, 1973 in Bremen geboren, ist einer der ganz Großen in diesem Fach. Er kommt aus der Wirt­schaft, weiß seine Produkte auf Markt­erfolg zu trimmen, seine Gemeinde an die Marke zu binden und ihre Zahl zu erweitern. Teil der Strategie dürfte sein, dass jeder Band die voraus­gegan­genen einer­seits inhalt­lich fort­setzen, anderer­seits über­treffen muss. Natürlich hat auch der Verlag wirt­schaftl­iche Inter­essen und versendet großzügig Gratis-Exemplare, um neue Leser­kreise zu erschlie­ßen. Das auffäl­lige Cover und der Aufkleber »Spiegel-Best­seller-Autor« verspre­chen einen guten Thriller, und der Klappen­text lässt nicht ahnen, dass den Leser im Grunde nichts anderes als Ekel­haftig­keiten erwarten.

Vor zehn Jahren habe ich Veit Etzolds »Das große Tier« gelesen und schrieb in meiner › Rezension: »Für mich war dieses Buch eine absolut neue Erfahrung. Es ist sicher kein Roman für Jedermann. Fans von Verschwö­rungs­thrillern werden begeis­tert sein. Ich habe jeden­falls viel Neues gelernt und bin auf Zu­sammen­hänge gestoßen, die mir so nie bewusst waren.« Das gilt nun auch für »Blutgott«, wenn­gleich ich die »neue Erfahrung« gern wieder löschen würde und nichts von dem, was ich hier »gelernt« habe, für wissens­wert halte. Jeder, der zum ersten Mal liest, wie z.B. einer Frau »die Einge­weide aus der Vagina heraus­gezogen« werden, wird sich entsetzt abwenden. Wer derlei über vier­hundert Seiten konsu­miert (von sieben Bänden gar nicht zu reden), den kann nichts mehr erschüt­tern.

Erschreckend auch, dass, wie dieser Roman selbst themati­siert, all dies völlig frei im Internet und erst recht im Dark Web zugäng­lich ist. Veit Etzold lässt etliche Begriffe fallen, die in der einschlä­gigen Szene bekannt sein werden und die jeder, der neugierig wird, problem­los mit konkreten Inhalten füllen kann: »Blue Whale Challenge«, »Snuff Movies«, »Red Rooms«, »Gore Sites« …. Manche der Platt­formen, um die es hier geht, können für Jugend­liche lebens­gefähr­lich sein.


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