Rezension zu »Das Meer in Gold und Grau« von Veronika Peters

Das Meer in Gold und Grau

von


Belletristik · Goldmann · · Gebunden · 285 S. · ISBN 9783442311682
Sprache: de · Herkunft: de

If I could save time in a bottle

Rezension vom 29.12.2011 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Katia zieht am Morgen die Vorhänge auf und schiebt ihrer Tante Ruth ein Kissen in den Rücken. Mit letzter Kraft nimmt Ruth die Sonne wahr, die über der Ostsee ihr besonderes Licht durch die Wolken bricht. "Gold und Grau" sind Ruths letzten Worte, dann schließt sie ihre vom Morphium getrübten Augen. In der folgenden Nacht stirbt die alte Dame.

Katia, ihre Nichte, hatte sie in den letzten Wochen nicht mehr allein gelassen, einen Großteil der Pflege übernommen. "If I could save time in a bottle " summt sie ab und an. Jetzt, wo alles ein Ende hat, erkennt die 30-jährige, was Leben wirklich ausmacht, worauf es ankommt; in einem Jahr ist sie zur erwachsenen Frau gereift.

Katia hatte Hamburg fluchtartig verlassen. Sie hatte einen Job als Kindermädchen in einem noblen Haushalt. Als Frau Professor sie in flagranti mit ihrem Ehemann erwischt, kann Katia ihre Koffer packen. Sie ist gefeuert ...

Erst mal weg, Tapetenwechsel, alles verdrängen. Tante Ruth, Vaters Halbschwester, war in Katias Familie nie ein Thema gewesen. Der Großvater hatte sie in der Familie seiner Schwägerin aufwachsen lassen, als er erneut heiratete. Nach seinem Tod vererbte er Ruth ein ehemaliges, inzwischen völlig heruntergekommenes Gasthaus aus den dreißiger Jahren direkt hinter den Dünen an der Ostsee. Damals war Tante Ruth 30 Jahre alt.

Mit Rucksack bepackt macht sich Katia auf den Weg zu einem Wochenende an der Ostsee. Nur mit Mühe findet sie das kleine Hotel mit dem paradiesischen Namen "Palau" zwischen den Dünen direkt am herrlichen Sandstrand. Es ist ein ständig reparaturbedürftiges Haus, das den Stürmen mit Mühe trotzt. Aus dem Wochenende wird ein Aufenthalt von einem Jahr. Katia wird im kleinen Schwalbennestzimmer unterm Dach logieren, Putzarbeiten übernehmen und später im Strandcafé bedienen.

Die Autorin Susanne Peters beschreibt mit Liebe zum Detail ein Haus voller Nippes, Büchern, Möbeln, Teppichen, Gemälden, ein antiquiertes und antiquarisches Sammelsurium verschiedener Herkünfte und Zeiten. Ein Ort mit zwölf ganz individuell gestalteten Zimmern, einer Kajüte, in der Tee, Bier, Schnaps geschlürft und dazu Salziges aus dem Hause Ültje zum Knabbern gereicht wird, sowie einem Gemeinschaftsraum mit Fernseher für alle Gäste. Der Muff der Zeit, der knarzende Boden, dazu jede Menge herumlungernde Katzen sorgen für eine Atmosphäre von besonderem Charme. Als erstes lernt Katia einen nörgelnden alten Mann kennen, der sich später als Dauergast Heinrich vorstellt. Er ist nicht der einzige, der das Rentenalter überschritten hat: Wirtin, Koch, Küchenhilfe, Putzfrau – eine Alten-WG, die hier ihr Gnadenbrot erhält? Doch damit liegt Katia völlig daneben. Unter Leitung ihrer Tante Ruth nebst Geschäftpartnerin Elisabeth, einer Adligen, sind alle quirlig, fleißig und gut beisammen. Sie führen einen Ganzjahresbetrieb, in dem ganz bewusst an althergebrachten Traditionen festgehalten wird.

Kaum vorstellbar, wie Katia, eine Punkerin mit wüstem Haarschnitt und entsprechenden Klamotten, in diese Truppe passen soll. Sie bleibt für alle die Kleine, das Fräuleinchen, das sich bevormunden lassen muss, denn die Alten sind ihr um Jahrzehnte an Lebenserfahrung voraus und lassen sich nicht reinreden, von wegen Computer und all diesem amerikanischen Zeugs. Mit Tante Ruth, die ein Morgenmuffel ist, eckt das bemühte Mädel häufig an. Ruth besitzt die "Freundlichkeit einer Rasierklinge", ihre klaren Ansagen treiben Katia fast aus dem Haus. Eine Tafel Schokolade auf ihrem Kopfkissen nimmt sie als Versöhnungsgeste an und beschließt, doch zu bleiben.

Veronika Peters hat in ihrem sehr emotionalen Roman, gewürzt mit einer Prise Humor, zwei weit auseinander liegende Generationen zusammengeführt. Oft neigt der Leser dazu, die Attitüden dieser leicht verschrobenen Alten zu belächeln, aber dann merkt er schnell, wie unrecht er ihnen damit tut. Sie beweisen Kraft und Stärke. Ihr Leben ist geprägt von Jahren des Überlebenskampfes, oft bei knapper Kasse. Sie hatten immer nur ein Ziel: ihr Erreichtes, das kleine "Palau", gegen alle Unbilden des rauen Klimas zu bewahren. Bald ist das Hotel, dem die Stammgäste mit den Jahren wegsterben und das junge Leute nicht anspricht, auch finanziell nicht mehr zu halten.

Besonders behutsam und zartfühlend geht die Autorin auf die Beziehung zwischen der ewig grantigen Tante Ruth und Katia ein, die als Kind von einer Mutter auf Selbstfindungstrip kaum Herzenswärme gespürt hat. Hinter der harten Schale der Tante steckt ein weicher Kern. Niemandem hat sie anvertraut, dass sie bald sterben wird; doch drückt sich ihre übergroße Angst in ihrem Verhalten aus. Später wird es Katia schmerzen, dass sie kleinen Zeichen nicht bemerkt hatte. Doch Tante und Nichte bewegen sich aufeinander zu. Vertrauen, Liebe, aufopfernde Hingabe sind starke Gefühle und Bindungen, die ihre letzten Tage miteinander bestimmen und ganz ohne Kitsch und Pathos beschrieben werden. Nun ist Ruth gegangen – und sie hat eine Spur hinterlassen, von der Katia "gerne einen Gipsabdruck hätte" (S. 9). "C'est la vie", einer von Tantes vielen Leitsprüchen, klingt in Katias Ohr ...


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