Rezension zu William Boyd: »Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay«

:
Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay

Belletristik · Berlin Verlag · · Gebunden · 560 S. · ISBN 9783827012876
Sprache: de · Herkunft: gb

Bewertung: 4 Sterne
Nicht wahr, aber gut erfunden

Rezension vom 11.03.2016 · 5 x als hilfreich bewertet · mit 1 Kommentaren

Amory Clay (1908-1983), englische Pionierin der Reportage- und Kriegs­foto­grafie. Eine gefeierte Vor­rei­terin in einer von Männern domi­nierten Berufs­welt. Doch weder Google noch Wiki­pedia liefert auch nur einen Eintrag über diese Persön­lichkeit. Kein Wunder – sie lebt(e) nur in William Boyds neues­tem Buch. Nun sind fiktionale Figuren ja geradezu ein definie­rendes Merkmal von Romanen. Was also ist Beson­deres an Amory Clay?

Mit allen Tricks seines Handwerks täuscht Boyd eine Auto­bio­grafie vor. Er verquickt Amory Clays Leben, das sie selbst hübsch der Reihe nach erzählt, mit unzäh­ligen Personen und Ereig­nissen der Zeit­ge­schichte und garniert es, quasi als doku­menta­rische Belege der behaup­teten Vita und des fingierten Werkes, mit einer Menge (leicht un­scharfer) Schwarz-Weiß-Fotos aus ihrem Fami­lien­album und ihrem Œuvre. Selbst Quellen­nach­weise nach wissen­schaft­lichen Ge­pflogen­heiten fälscht der Autor un­ver­froren (»Der Eintrag über ihn im Oxford Com­pan­ion to English Litera­ture (dritte Auflage) lautet wie folgt: ...«). Kein Wunder, dass wir Leser dem spannenden Lebens­lauf fasziniert folgen und kein Härchen finden, das uns auch nur den geringsten Zweifel am Reali­täts­gehalt des Gelesenen zu hegen veranlasst.

Wer ›war‹ Amory Clay? Bei ihrer Geburt, am 7. März 1908 in London, war sie eine Ent­täu­schung. Ihr Vater, Beverley Vernon Clay, hatte innigst gehofft, sein erst­ge­borenes Kind »möge kein Mädchen sein«. Die un­ange­nehme Wahr­heit drängt er nach Kräften beiseite. Der Säug­ling erhält den »andro­gynen Namen« Amory, und die Geburts­anzeige in der Times ver­kündet dreist: »ein Sohn«. Der erste »Fehler« in ihrem Leben, wie Amory Clay fast siebzig Jahre später in ihrer Rück­schau kon­statiert, und ihm werden, wie sollte es anders erfun­den werden, weitere folgen.

Zwei Jahre später zieht die Familie in ein kleines Cottage nach Beck­burrow, East Sussex. Dort wird 1914 Schwester Peggy geboren. Aus dem »Wunder­kind am Klavier« wird einmal eine berühmte Konzert­pianis­tin, geehrt mit dem Ver­dienst­orden des British Empire. Mutter Wilfredas drittes Kind ist endlich ein Junge. Alexander, Jahrgang 1916, von allen nur Xan genannt, ist ein in seiner Welt ver­schlosse­ner, genüg­samer und einfäl­tiger Junge. Das Schick­sal wird sein Leben keine dreißig Jahre später auf zynische Weise been­den. Der Bomber­pilot überlebt den Absturz seiner Maschine in der Normandie, wird dann aber neben sei­ner Maschine von deutschen Sol­daten erschossen.

Sofern Wilfreda Clay überhaupt Mutterliebe empfindet, kann sie diese glänzend verbergen. Hat der Nach­wuchs Kummer, bügelt sie ihn mit stets passenden Sprüchen ab. »So ist es nun mal, ob's dir passt oder nicht.« »Mach kein Theater, ich kann Theater nicht aus­stehen.« – solche Ermah­nungen, kein Auf­hebens um unver­änder­bare Dinge zu machen (und sie nicht damit zu be­helli­gen), bleiben Amory zeit­lebens präsent. Dank eines finan­ziellen Erbes kann die Erst­geborene in einem Internat unter­gebracht werden. Dort fühlt sie sich erst recht von der Familie ausge­stoßen.

Das wichtigste Ereignis in Amorys un­spek­taku­lärer Schulzeit ist ein frühes Geschenk. Ihr geliebter Onkel Greville, Fotograf der upper classes über­rascht sie zu ihrem siebten Ge­burts­tag mit einer Kodak Brownie und löst damit eine Initial­zündung aus, die die Weichen für ihre Zukunft stellt: Mit einem »Klick ... den Augen­blick einfangen ... für alle Zeit fixieren«. Amory spürt mit dem »Wunder­apparat« eine »Macht« in ihren Händen, aus der eine große Leiden­schaft erwächst.

Onkel Greville ist allerdings auch mit­ver­ant­wort­lich für ein erstes grandioses Scheitern seiner Nichte. Indem sie ihn zu Hochzeiten und Gesell­schaften begleitet, erlernt sie die »Alchemie« der Fotografie. Um jedoch als Frau auf eigenen Füßen stehen zu können, muss sie schon Auf­sehen­er­regen­des leisten. Er rät, sie solle einen »Skandal kreieren«. Dazu reist Amory nach Berlin, sucht in der verruchten Halbwelt der Bars und Bordelle der Metropole bislang nie öffentlich gehandelte Motive und foto­grafiert sie »authen­tisch«. Von der Presse befeuert, ereifert sich die britische Öffent­lichkeit über die Wider­wärtig­kei­ten und Obs­zöni­täten, und so gelangt Amory zu trauriger Berühmt­heit und zu einem Straf­ver­fahren am Halse. Die Skandal­fotos werden vernichtet, und ihre Schöpferin kehrt nach London zurück.

Dort hat das »verkommene Subjekt« keine Chance auf eine Anstellung. Aber das Schicksal ist nach­sichtig und schickt ihr Rettung in Gestalt des Ameri­kaners Cleve, zwei Jahre jünger als ihr Vater. Er verschafft ihr einen gut bezahlten Job bei einem New Yorker Foto­journal. Das Liebes­verhältnis zwischen den beiden hält viele Jahre an, doch seine Ehe möchte Cleve nicht dafür aufgeben.

Im Auftrag der amerikanischen Zeitschrift geht Amory als Bild­repor­terin und Kriegs­foto­grafin nach Paris und Deutsch­land. Die Eindrücke, zum Beispiel in Wesel, er­schüt­tern und er­nüch­tern sie. Erst ein Viertel­jahr­hundert später zieht es sie noch einmal zu einem Krisen­herd – nach Vietnam. Da­zwi­schen liegt eine Auszeit als Berufs­foto­grafin: Sie heiratet Lord Farr of Glen­crossan und bringt Zwillinge zur Welt – ein weite­res der »vielen Leben der Amory Clay«.

Ende der Siebzigerjahre verbringt Amory Clay ihre letzte Lebens­phase zurück­gezogen in einem Land­haus auf der Hebriden­insel Barran­dale. Eine schlei­chende Krank­heit hat sie befallen. Sie führt ihren Hund spa­zieren, trinkt mittags Gin, abends Whisky und schweift mit ihren Gedanken weit in die Ver­gangen­heit zurück. Wenn sie ab und zu in ihre Tage­bücher schreibt, erzählt sie detail­reich und abge­klärt von ihrem bewegten Leben, ihrem steten Kampf, sich als Frau in ihrem Job an diversen Kriegs­schau­plätzen der Welt zu behaup­ten, und von mehreren Liebes­bezie­hungen. Sie reflektiert über ihre ups and downs, die guten und die schlechten Zeiten. Wie jeder Mensch hat sie Fehler gemacht, und oft haben sie sich erst im Nach­hinein als solche erwiesen. Sie stellt verwundert fest, dass es zu ›Fehler‹ kein Anto­nym gibt.

Die Abgründe ihres Lebens hat sie in den Kriegen durchschritten, und noch in Friedens­zeiten ziehen die Kriegs­erleb­nisse eine breite Spur nach sich. Sie steckte hautnah mitten­drin im Kampf­ge­metzel, wurde selbst ver­letzt, ver­brachte Wochen in einer Klinik auf dem Land, wo sie von der mili­tärisch-politi­schen Ent­wick­lung abge­schot­tet war. Nur mit nach vorne ge­richte­tem Blick konnte sie solchen Lagen ent­kom­men.

Männer blieben ihr im Wesen rätselhaft. Obwohl sie Seite an Seite mit ihnen arbeitete und lebte, lernte sie sie und ihre all­täg­lichen Ver­hal­tens­wei­sen nicht zu verstehen. Männer teilen sich nicht mit, leben ihre Be­las­tungen anders aus. Manche ertränken sie heimlich in Alkohol oder anderen Süchten, wie ihr ver­stor­be­ner Ehemann Lord Farr, der Haus und Hof nahezu restlos verspielte.

Was der Krieg anrichtet, erlebte Amory auch an ihrem Vater. Beverley Vernon Clay, Schrift­steller und Verlags­lektor, war ein fröh­licher, liebe­voller Mann und immer zu einem Ulk auf­ge­legt. Die Kinder waren sprach­los, wenn er einen Hand­stand machte und sie im Scherz be­dauer­te als »arme irre­ge­leitete Seelen [...], weil wir eine Welt bewohn­ten, die auf dem Kopf stand«. Aus dem I. Weltkrieg kehrt der Vater völlig ver­än­dert zurück. Er spricht wenig, bringt kaum etwas zu Papier. Eines Tages lenkt er sein Auto – mit Amory auf dem Bei­fahrer­sitz – in einen See. Er wollte »nicht allein sterben«. »Du solltest mit­kommen.« Die ent­setz­liche Gewalt­tat, die ver­stören­den Sätze ent­rücken den Vater dem jungen Mädchen. Lange scheut sie sich, ihn in der privaten Nerven­klinik zu besuchen, wo er mit der Diagnose »Wahn­sinn« unter­gebracht wird. Ihr gesamtes späteres Gefühls­leben wird beein­trächtigt. Niemals wird sie es schaffen, einem Mann wirklich zu vertrauen, selbst wenn sie ihn auf­richtig liebt, und nur sich selber, ihrer inneren Stimme wird sie zuhören. Vor diesem Hinter­grund entwickelt sich Amory Clay zu der selbst­sicheren, nicht unter­zu­krie­gen­den, zähen und unnah­baren Frau, als die sie (angeblich) noch heute berühmt ist.

Als Amorys fünfundsiebzigster Geburtstag bevorsteht, hat sie alles fertig geordnet und inven­tarisiert. Wer, wie sie, zu erkennen vermag, »wann das Leben nicht mehr lebens­wert ist [...], kann getrost sterben«. Sie beendet ihr Leben »durch eigene Hand«, in Würde.

»Sweet Caress« William Boyd: »Sweet Caress« bei Amazon , übersetzt von Patricia Klobu­siczky und Ulrike Thies­meyer, ist nicht nur ein clever konzi­piertes und über­zeugend reali­siertes Spiel mit der Wirk­lich­keit, sondern auch sti­lis­tisch viel­fältig. Besonders die packenden Repor­tagen, etwa aus Vietnam (Hub­schrauber­flug zum Dorf »Pluto«), belegen William Boyds schrift­stelle­rische Meister­schaft. Satte fünf­hun­dert­fünf­zig Seiten gut ge­machter, spannender und zeit­ge­schicht­lich auf­schluss­reicher Unter­haltung, ein bril­lanter Tanz in einem Spiegel­saal.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2016 aufgenommen.


War dieser Artikel hilfreich für Sie?

Ja Nein

»Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay«
von William Boyd
erhalten Sie im örtlichen Buchhandel (oder bei Amazon).


Kommentare

Klicken Sie hier, um Ihren Kommentar hinzuzufügen.

Zu »Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay« von William Boyd wurden 1 Kommentare verfasst:

Isabel Meyer schrieb am 28.03.2016:

Der Rezension kann ich mich in der Bewertung anschließen. Ein kurzweiliges und spannendes Lesevergnügen darf man erwarten. Lediglich zum Thema Fotografie als solcher habe ich etwas mehr erwartet, immerhin verspricht der Titel doch eine gewisse Gewichtung. Das war aber aufgrund der fehlenden Details für mich ein wenig wie Mittel zum Zweck. Amory hätte auch über lange Strecken Journalistin sein können, weil mir ab und an der fotografische Blick gefehlt hat. Man weiß nach der Lektüre sicher mehr über Amorys Trinkgewohnheiten als über ihre fotografische Handschrift. Das aber nur als eine Randbemerkung, das Buch ist absolut zu empfehlen.

Schreiben Sie hier Ihren Kommentar:
Ihre E-Mail wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.
Ihre Homepage wird hier nicht abgefragt. Bitte tragen Sie hier NICHTS ein.