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Rezension zu »Fremde Treue« von William McIlvanney

Fremde Treue

von


Kriminalroman · Kunstmann · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783956140235
Sprache: de · Herkunft: gb

Die Verbrechen hinter den Verbrechen

Rezension vom 13.12.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Seine Kollegen in der Crime Squad von Glasgow be­zeich­nen De­tective In­spector Jack Laidlaw als »eigen­brötle­risch«. Tat­säch­lich ist er ein Idea­list, ein Phi­lo­soph, ein ewig Zwei­feln­der, ein viel zu Guter. Ihn be­lastet das Ge­fühl, »den Fal­schen zu dienen« – einer Justiz, die »kaum Ah­nung von der all­täg­li­chen Tret­mühle der Men­schen« habe, mit Rich­tern, die ihre Urteile »ohne ver­ständ­nis­volle Einsicht ins mensch­liche Herz« fäll­ten. Unter dem Ein­druck, dass die »schlimm­s­ten Unge­rechtig­keiten« nicht »persön­li­chen, son­dern insti­tu­tio­nellen, fi­nan­ziellen oder po­li­ti­schen Um­ständen« ent­sprängen, trach­tet er, das »Verbre­chen hinter dem Ver­bre­chen« aufzu­klären, »das un­an­tast­bare Netz aus legal veran­kerter sozia­ler Unge­rechtig­keit, auf das der je­wei­lige Fall kraft­los ver­weist«, zu zer­rei­ßen. Damit steht er freilich wie David einem über­mäch­tigen Goliath ge­gen­über und muss, wenn er über­haupt eine Chance haben, etwas bewir­ken will, unge­wöhn­liche Ermitt­lungs­wege be­schrei­ten.

Die neueste Konfronta­tion mit dem Tod wirft Laidlaw völ­lig aus der Bahn, denn sie trifft ihn persön­lich. Sein jünge­rer Bruder Scott, den er »vermut­lich mehr geliebt hatte als ir­gend­jeman­den sonst«, ist vor ein Auto gelau­fen. Eine töd­li­che Un­acht­sam­keit? Die poli­zeili­chen Er­mitt­lun­gen en­deten mit der Er­kennt­nis, dass kein Verbre­chen vor­liege. Die Sinn­losig­keit eines solchen Todes kann Laidlaw nicht hin­neh­men, kannte er Scott, einen Kunst­lehrer, doch als sensi­b­len Menschen voller viel­seiti­gem Po­ten­zial und Zuver­sicht.

Einen Monat verkriecht sich Laidlaw in sei­ner kleinen Wohnung, heult, be­täubt sein Elend mit Whisky. Er hat die Kon­trolle über sein Leben ver­loren. Seine Fami­lie, einst der Mittel­punkt seiner Exis­tenz, ist un­wi­der­ruf­lich zer­fallen. Die Tren­nung von Ehefrau Ena ist voll­zogen, seine beiden Kinder darf er nur nach Ab­sprache sehen, eine neue Bezie­hung befin­det sich noch in einem »sinn­li­chen Schwebe­zu­stand«. Und nun hat er Scott auf ewig verlo­ren.

Schon als Kind war Jack Scotts »Hüter«. In die­ser Funk­tion, so wirft er sich vor, hat er jetzt kläg­lich ver­sagt. Als sich die Brüder zwei Monate zuvor bei einer Knei­pen­tour zu­letzt gesehen hatten, war Scott be­drückt. Er ge­stand Jack, dass seine Ehe mit Anna am Ende sei. Doch Jack wollte davon nichts hören, da er ja sel­ber tief in der eige­nen Be­zie­hungs­kata­strophe steckte, ge­nügend ei­gene »Narben« hatte. Brüder sind auch Rivalen: Warum sollte es Scott bes­ser ge­hen als ihm? Nun macht ihm seine man­geln­de Sensi­bilität von damals zu schaf­fen.

Laidlaw möchte dem leeren Tod seines Bru­ders eine Bedeu­tung geben. Wel­che das sein könnte, ist ihm unklar; er will jeden­falls danach suchen. Dazu will er für eine Woche ver­rei­sen und auf eigene Faust re­cher­chie­ren. Sein Ziel ist Graith­nock (ein fiktives Abbild von Mc­Ilvan­neys Heimat­stadt Kil­mar­nock, süd­lich von Glasgow), wo Scott mit Anna und ihren Söhnen gewohnt hat.

Viele Frage­zei­chen er­warten ihn dort: »Wo hat der Un­fall ange­fan­gen? [...] Wann hat das Leben meines Bru­ders seinen Sinn verlo­ren? [...] Warum hat es sich verlo­ren, bis wir's unter dem Auto ge­fun­den haben? [...] Warum kommen die Bes­ten um und den Schlimms­ten geht es prächtig?« Um das Un­be­greif­li­che zu begrei­fen, die Un­ge­rech­tig­keit zu verste­hen, be­fragt er viele Leute, manche, die Scott nahe­stan­den, an­dere, die ihn nur von ferne kannten, von der Arbeit, aus den Pubs.

»Fremde Treue« schließt William McIlvanneys Jack-Laid­law-Trilogie ab (siehe Bi­blio­graphie am Ende). Der am 5. Dezem­ber 2015 im Al­ter von 79 Jahren ver­stor­bene schottische Au­tor, Dreh­buch­schrei­ber und Lyri­ker begrün­dete mit ihren ersten Teilen (1977 und 1983 er­schie­nen) die schottische Va­riante des Noir-Genres, gern als Tartan Noir bezeichnet. Im dritten Teil (1991 ver­öf­fent­l­icht) hat er diese Phase of­fen­sicht­lich be­reits hinter sich gelassen, denn es ist ein unge­wöhn­licher, stiller Krimi ohne Action, Bruta­lität, ag­gres­sive Aus­ein­ander­setzun­gen. Jack Laidlaw geht psycho­lo­gisch vor, schüchtert ein, nutzt In­sider­wis­sen, erpresst Bosse und Klein­krimi­nelle, die, um sich nicht selbst zu ge­fähr­den, nicht preis­geben wol­len, was sie wis­sen. Der eigent­liche Krimi­plot, der den Le­ser bei der Stange halten soll, kommt nicht mit Donner­hall und Pau­ken­schlag daher, aber Rät­sel gibt es ge­nug: Anna, die wich­tig­ste Be­zugs­person, ist ver­schwun­den. Scotts Freunde deuten an, dass er in ir­gend­et­was verstrickt gewesen sei. In seiner Hinter­las­sen­schaft findet sich ein Ge­mälde, das ein Geheim­nis birgt. Laidlaw kommt nicht weiter, er »siebte Asche«. Bis er den Tod seines Bru­ders auf­ge­klärt hat, lässt der Autor nur win­zige Ver­dachts­spuren ins Glas tröpfeln, deren un­schein­bare Wellen gleich wieder zum Still­stand kom­men.

Der Autor lässt seinen Prota­go­ni­s­ten aus der Ich-Per­spek­tive berich­ten. Das bin­det den Leser enger an sei­nen fein­füh­li­gen Cha­rakter. Als Kind der Ar­bei­ter­klasse steht er mit seinem Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den den klei­nen und großen Sündern auf Er­den, selbst wenn sie ge­gen die Ge­setze ver­sto­ßen, näher als jedem heuch­leri­schen Ver­mö­gen­den oder skrupel­losen Er­folgs­men­schen. Wie ein rotes Band zieht sich dieses Motiv durch den Ro­man. Der uner­war­tete Schluss be­stätigt Laid­laws Weltbild und lässt ihn im Tod des Bruders tat­säch­lich et­was Tiefe­res er­ken­nen. Scott war sich und sei­nen Über­zeu­gun­gen bis in den Tod treu.

Während der Detective In­spector bis­her im Ar­beiter­mi­lieu von Schott­lands größter Stadt agierte, ermit­telt er die­ses Mal quasi in der Provinz (wo die Ver­hält­nisse nicht besser sind). Die Reise nach Graith­nock ist aber auch eine Reise in Laid­laws Seele. Die Suche nach dem Sinn von Scotts Tod ist auch eine Re­fle­xion über Wahr­heit, Moral, Schuld, Verlust und den Tod. Der Pro­ta­go­nist spielt dabei wie immer seinen schar­fen Witz, seinen bit­te­ren Zynis­mus aus (auch gegen sich selbst), wirkt hier aber weni­ger schroff als in den Tartan-Noir-Vor­gän­gern, da­für nach­denk­licher, tiefer. Er nimmt die »Schat­ten« seines eige­nen Lebens wahr, er­kennt die »Schwärze« in sich sel­ber. Diese Er­kennt­nisse nimmt er mit Dank­bar­keit an, als letztes Ges­chenk von sei­nem ge­lieb­ten toten Bruder.

Die Neuaus­gaben der Laidlaw-Trilogie:
• »Laidlaw« William McIlvanney: »Laidlaw« bei Amazon (Laidlaw Trilogy 1) (Erst­aus­gabe 1977; Neu­aus­gabe Juni 2014) | »Laidlaw« William McIlvanney: »Laidlaw« bei Amazon (Erst­aus­gabe 1979 unter dem Titel »Im Grunde ein ganz armer Hund«; Neu­über­set­zung von Conny Lösch, Sep­tem­ber 2014);
• »The Papers of Tony Veitch« William McIlvanney: »The Papers of Tony Veitch« bei Amazon (1983; Juni 2013) | »Die Suche nach Tony Veitch« (Über­set­zung von Conny Lösch, Feb­ruar 2015) [› Rezension];
• »Strange Loyalties« William McIlvanney: »Strange Loyalties« bei Amazon (1991; Juni 2013) | »Fremde Treue« (Über­set­zung von Conny Lösch, Sep­tem­ber 2015) [› Rezension].


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