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Rezension zu »Diesmal schenken wir uns nichts: Geschichten für eine entspannte Weihnachtszeit« von Ursula Baumhauer [Hrsg.]

Diesmal schenken wir uns nichts: Geschichten für eine entspannte Weihnachtszeit

von


Weihnachtliches · Teil der Serie »Weihnachtliches« · Diogenes · · Taschenbuch · 288 S. · ISBN 9783257243413
Sprache: de · Herkunft: de

Gute Geschichten sind gute Geschenke

Rezension vom 15.12.2015 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Die weih­nachtli­chen Taschen­bü­cher aus dem Diogenes-Verlag haben Tradition. Obwohl be­reits mehr als ein Dutzend Samm­lungen erschie­nen sind, gelingt es den He­raus­gebern immer noch, neue Texte aus­findig zu machen, die dem Anlass an­ge­messen sind, das Thema nicht trivia­lisieren. Ob heiter, besinn­lich, roman­tisch oder mit Krimi-An­strich, die ausge­suchten Auto­ren ha­ben etwas zu sagen, berei­chern den Leser mit einer neuen Façette des­jenigen christ­lichen Fests, das die Menschen wie kein an­deres an­spricht. Dass sich sein re­ligiö­ser Kern für die Mehr­heit in Nichts aufge­löst hat und dafür ein gigan­tischer kommer­zieller Über­bau wu­chert, ist in un­se­rer Zeit kein einma­liges Phä­no­men und nicht re­ver­sibel. Aber würden wir nicht un­sere kultu­rel­len Wurzeln kappen, wenn wir dem sinn­ent­leerten Mate­ria­lismus ganz un­kom­mentiert das Feld über­lie­ßen? Dieser Band von Erzäh­lungen – unter­halt­sam, unauf­dringlich, ohne jede Rühr­selig­keit – kann das Nach­denken anstoßen, wenn man dafür emp­fäng­lich ist. Man kann ihn auch ein­fach nur als gute Litera­tur genie­ßen.

Das diesjäh­rige Thema Schen­ken ist ein ur-weih­nacht­liches. Schon die Kö­nige aus dem Mor­gen­land brachten dem Jesuskind ja teure Gaben an seine Krippe. Der Diogenes-Titel greift die Skepsis auf, die heute mit dem Schenken ver­bun­den ist. Ganz aus der Routine aus­zu­steigen (»Diesmal schenken wir uns nichts.«) ist eine von meh­re­ren Optio­nen. Über den Paar­bereich hinaus ist der Vorsatz frei­lich nicht leicht durch­zu­hal­ten. Ach, die Kinder wer­den doch traurig sein! Wenn wir schon das ganze Jahr über so we­nig Zeit für die alten El­tern er­üb­ri­gen konn­ten, sollen sie we­nigs­tens zu Weih­nach­ten mit einem Ge­schenk be­glückt wer­den! Und schon ist der bekannte Druck wie­der da. Wir hasten durch die Innen­stadt und su­chen ver­zwei­felt nach dem einen Ge­gen­stand, den sie/er noch nicht besitzt. (Darauf, dass jemand et­was Käuf­li­ches wirk­lich braucht, darf man kaum noch hoffen.) Bei die­sem Pro­zedere zählt am Ende nicht die teure Kra­watte oder Hals­kette als das wahre Ge­schenk, son­dern die selbst­lose Opfe­rung wert­voller Zeit und Nerven beim Erwerb der Ob­jekte. Selbst die­ser Bonus geht verlo­ren, wenn »Schen­ken« zu einem Klick ver­küm­mert: »In den Waren­korb« ...

Zwanzig in­halt­lich breit gefä­cherte Erzäh­lun­gen, Roman­aus­schnitte und weitere Text­sorten hat Ursula Baum­hauer für diese Antho­logie zu­sam­men­ge­stellt. Etwa ein Viertel da­von stammt von ›klassi­schen‹ Schrift­stel­lern (E.T.A. Hoff­mann, Fontane, Èechov, Kaschnitz, Kästner – keine ein­zige davon ist ›ab­ge­grif­fen‹), die an­deren von schweize­ri­schen, deut­schen und renom­mier­ten Autoren anderer Na­tionen von Paolo Coelho über Patricia High­smith bis Dennis Lehane und Anna Stothard. Drei Ge­schich­ten wurden extra für diese Ausgabe ge­schrie­ben.

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Von uner­füllba­ren Wünschen handelt Anna Stothards Erzäh­lung. Angel, 22, arbeitet als Wahr­sage­rin bei einer teu­ren Hotline. Ihre Sensi­bi­li­tät qua­li­fi­ziert sie für diese Tätig­keit, und gleich­zeitig ist sie die Ur­sa­che da­für, dass die Arbeit sie belastet. Sie spürt die Pro­bleme und Nöte der Menschen, die sie anru­fen, am ei­ge­nen Leib, ihre Trau­rig­keit, Einsam­keit, Schuld­ge­fühle. Auch an Heilig­abend sitzt Angel allein in ihrem schä­bigen Zim­mer und muss Fröh­lich­keit mi­men, um die gedrück­te Stim­mung frem­der An­rufer auf­zu­hel­len. Anru­ferin Nr. 17 stellt sich als Samantha vor und ist im Übri­gen recht ein­sil­big. Nur zö­ger­lich gibt sie De­tails des furcht­ba­ren mensch­li­chen Ver­lusts preis, über den sie nicht hin­weg­kommt. Je mehr sie von ihrer trau­rigen Ge­schichte er­zählt, desto be­kann­ter er­scheint sie ihrer Zuhö­re­rin. Angels eigener See­len­zu­stand ist mit dieser drama­tischen Ent­hül­lung ver­quickt ...

In Astrid Ro­sen­felds Ge­schichte »Ich bin der Auer­hahn« ge­ra­ten ein­ander wider­stre­bende Wün­sche in Kon­flikt. Der fünf­jäh­rige Paul findet kaum Be­ach­tung in der chao­tischen Patch­work­fami­lie, die ihn um­gibt. Papa hat eine neue Be­zie­hung und ver­bringt sein Weih­nachts­fest in Spanien. Mama Deborah wird zu ihrem Vater fahren. Der liegt im Hospiz, und aus­ge­rech­net am Heili­gen Abend muss man mit sei­nem Ab­leben rechnen. Pauls Schwester Anna, drei­zehn, hat über­haupt kei­nen Nerv für ihn, denn ihre Anten­nen sind voll auf Ron, ihren neuen Schwarm, ge­rich­tet. Ständig hängt sie auf Face­book herum und wartet auf seine Posts. Neuer­dings will sie kein Fleisch mehr essen, und Weih­nachts­ge­schenke sind ja sowas von da­ne­ben, wie ihr Ron mit sei­nem Ge­rede über den Scheiß-Kapi­ta­lis­mus, der die ganze Welt ka­putt macht, bei­ge­bracht hat. Mamas neuer Lover heißt Holger. Er würde gern mit ihr zu­sam­men­zie­hen, aber bei den Kindern konnte er bisher noch keine Schnitte ma­chen. Weil Mama bei Opa ist, soll Holger mit den Kin­dern Weih­nach­ten feiern. Als Frie­dens­stif­ter muss ein Trut­hahn her, dazu tolle Prä­sen­te. Paul weiß, wer die Ge­schen­ke be­sorgt: Mama. Trotz­dem ver­traut er dem lie­ben Gott sein Leid und seine Wün­sche an: »Manch­mal bin ich aleine und das ist nicht schön und dann hätte ich so gern einen Hund.«

So alltagsnah Astrid Ro­sen­felds Er­zäh­lung, so von fern kommt die Epi­sode »Weih­nachts­mor­gen« aus Theo­dor Fon­tanes ers­tem Roman »Vor dem Sturm« (1878). Wir be­fin­den uns im Winter 1812/13 auf Schloss Hohen-Vietz, ganz oben in der Spitzen­etage der preußi­schen Stände­gesell­schaft, und schauen hinab auf deren Grund. Die Zeiten unter der na­po­leoni­schen Be­sat­zung sind hart, die patri­oti­sche Be­we­gung gegen die Fran­zo­sen wächst, unter dem Druck hält das Volk zusam­men. Bevor die adlige Fami­lie derer von Vitze­witz am Weih­nachts­morgen sel­ber zur Be­sche­rung schreitet (ein »Fest­zug«), wer­den Not­lei­den­de, Kranke und Alte aus dem Dorf mit Ga­ben be­dacht. »Die Kran­ken erhiel­ten eine Suppe, die Krüp­pel ein Almo­sen, alle einen Fest­ku­chen.« Mägde schütten den Kindern Äp­fel und Nüsse in die mit­ge­brach­ten Säcke und Ta­schen. »Nie­mand drängte vor; jeder wusste, dass ihm das Seine wer­den würde.« »Wir leben in wunder­ba­ren Tagen«, sagt der alte Vitze­witz.

Fast am Schluss des Buches – mit 288 Seiten keine Luft­num­mer – stellt Rolf Dobelli in sei­nem »Weih­nachts­frage­bogen« (2013 in der Zürcher Welt­woche erstmals ab­ge­druckt) acht­zehn hinter­grün­dige Fragen zur Be­deu­tung, die wir selbst dem Schen­ken bei­mes­sen: »Was ist Ihnen lieber: ein brauch­bares Ge­schenk oder eines, das von Herzen kommt?« – »Wie würden Sie sich als Bettler für Al­mo­sen be­dan­ken?« – »Emp­fin­den Sie die Tat­sache, dass Sie exis­tie­ren, als Ge­schenk, und wenn ja, von wem?«

»Diesmal schen­ken wir uns nichts« bietet je­dem Leser eine zu seinem Lieb­lings­genre pas­sende Er­zäh­lung. Roman­tisch ist Anton Èechovs ra­sante Schlit­ten­fahrt (aus »Angst. Sie­ben Ge­schich­ten von der Liebe«), skurril und span­nend Dennis Lehanes »Der Bar­keeper« (aus dem Mafia-Thriller »The Drop«), zum Vor­le­sen für die ganze Familie am Weih­nachts­abend eignet sich »Der kleine Mann und das große Ge­schenk« (aus Erich Kästners »Roman für Kinder« »Der kleine Mann und die kleine Miss«), und für alle Busi­ness People illus­triert der un­nach­ahm­liche Martin Suter, wie man im Un­ter­neh­men die Devise »Tue Gutes und rede da­von« ziel­füh­rend um­setzt (»Alle Jahre wieder – das Kunden­ge­schenk«, ur­sprüng­lich aus der NZZ).

Sollten Sie mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Part­ner übri­gens ver­ein­bart haben, sich dies­mal wirk­lich gar nichts zu schen­ken, so lassen Sie sich bitte nicht davon ab­hal­ten, sie/ihn we­nigs­tens mit einer winzi­gen Auf­merk­sam­keit zu über­ra­schen. Die­ses Buch eignet sich bes­tens dazu – und ist doch wirk­lich fast nichts.


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