Rezension zu »Radikal« von Yassin Musharbash

Radikal

von


Politthriller · Kiepenheuer & Witsch · · 399 S. · ISBN 9783462043389
Sprache: de · Herkunft: de

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Tod eines Hoffnungsträgers

Rezension vom 19.08.2011 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Yassin Musharbash – 1975 als Sohn eines Jordaniers und einer Deutschen geboren – ist nach seinem Studium der Arabistik und Politwissenschaft seit 2005 Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. Als freier Mitarbeiter veröffentlicht er auch Beiträge bei der taz, der Neuen Osnabrücker Zeitung und der Jordan Times. Zum Thema "Bin Laden tot – Terror besiegt?" war er im Mai 2011 zu Gast in der Fernsehsendung Menschen bei Maischberger. All diese Arbeiten belegen seine Expertise in Sachen Terrorismus.

Für seinen Politthriller "Radikal" hat er sich zwei Jahre Zeit gelassen, und das Ergebnis überzeugt nicht nur durch seine Realitätsnähe, sondern erschreckt zugleich eben dadurch. Journalistische Kompetenz und fundierte Kenntnisse hat Yassin Musharbash nun in einen Roman investiert.

Nur kurze Zeit ist Lutfi Latif, der frisch gewählte Abgeordnete der Grünen-Fraktion, Parlamentarier im Deutschen Bundestag, als er Opfer eines Terroranschlags wird. Geboren in Kairo, hatte er in Harvard studiert und lebt nun seit Jahren mit Frau und Kindern in Berlin. Seine Artikel, Reden und arabischen Debattentexte lassen ihn schnell zum Shootingstar der weltweiten Gemeinde der Exilmuslime werden – ein gefragter Mann: Selbst Barack Obamas Rede in Kairo stammt aus Latifs Feder. In seinem neuen Amt will er etwas bewirken, politische Diskussionen in sinnvolle Bahnen lenken, ein Kandidat für Muslime, Migranten und für Deutsche sein. Damit aber macht er sich zum Feind al-Qaidas; deren Anführer verurteilen ihn zum Tode.

Aber sie sind nicht die einzigen, die seinen Kopf rollen sehen wollen. In Latifs Sekretariat häufen sich täglich Drohbriefe aus Nazikreisen, von Islamisten und Islamhassern.

Latifs junge arabische Sekretärin Sumaya al-Shami und der für seine persönliche Sicherheit privat angestellte Samuel Sonntag recherchieren jeder auf seine ganz individuelle Art und mit eigenen Kontakten, um Latifs Tod aufzuklären.

Schnell erscheint ein Bekennervideo, aber genauso schnell entstehen Zweifel, ob der Sprengstoffattentäter nicht aus einer ganz anderen Ecke kommen könne. Musharbash lenkt den Leser auf eine sich in aller Heimlichkeit treffende Gemeinschaft nach Freimaurermanier, die sich "Kommando Karl Martell" nennt: Feine Herren aus den besseren deutschen Kreisen diskutieren, erarbeiten klare Ziele, provozieren die Muslime bösartig. Aber haben sie auch den Täter geschickt?

Beim Stichwort Terror denkt jeder sofort an fundamentalistische Muslime und al-Qaida; schließlich halten uns die Medien unablässig auf dem Laufenden, wie deren Organisationen und Einzeltäter weltweit den Alltag der Menschen aus dem verborgenen Untergrund heraus bedrohen. Dennoch müssen wir uns vor Pauschalisierung und Vorverurteilung hüten. Wie wir in jüngster Zeit gelernt haben, können auch unsere Landsleute Terroristen werden, sei es als Konvertiten oder als ganz normale, bislang unauffällige, harmlose Bübchen, die jedoch abgedrehten Ideologien folgen.

So gewinnt "Radikal" eine beunruhigende Aktualität. Was macht einen Menschen zum fanatischen Radikalen? Besonders makaber sind die Parallelitäten zum Fall Breivik: Im Juni 2011 hat der Autor den Schlusspunkt in seinem Buch gesetzt, und Ende Juli wird Anders Breivik in Norwegen zum Massenmörder ...

"Radikal" ist kein verkapptes Terrorismus-Sachbuch, sondern spannende Unterhaltung. Als Insider der Berliner Medien- und Politikszene, der außerdem mit der Arbeitsweise des BKA und des LKA bestens vertraut ist, kann Musharbash vielschichtig erzählen, unterschiedlichste Handlungsstränge und -orte gestalten – und in bissigem Ton zuschnappen. Selbstherrlich führen "die drei Fragezeichen" – drei Chefredakteure einer Berliner Zeitung – ihr Regiment, fläzen sich in ihre Flugzeugsessel – ein Geschenk der Emirates – und lassen sich den aktuellen Stand der Dinge vortragen, dabei mit süffisantem Ton kommentierend, was die verantwortliche Frau Merle mühsam erarbeitet hat: "Meinten Sie das zufällig auch?" (S. 129). Dabei muss die Titelgeschichte immer schneller, reißerischer, vor allem aber vor der der Konkurrenz erscheinen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Dies ist ein Politthriller, bei dem man spürt, dass der Autor mit Leidenschaft auf all das aufmerksam macht, was ihm unter den Nägeln brennt – und sicher das authentischste Stück Fiktion, das der Buchmarkt derzeit bietet.


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