Rezension zu »Der Weg der Töchter« von Yejide Kilanko

Der Weg der Töchter

von


Belletristik · Graf · · Gebunden · 384 S. · ISBN 9783862200375
Sprache: de · Herkunft: ca

Das Böse unter dem eigenen Dach

Rezension vom 14.07.2014 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Morayo ist fünf Jahre alt, als ihre Schwester Eniayo geboren wird. Warum sieht sie nur so anders aus als sie selbst – ganz weiß mit rosa Augen? Was tuscheln die Nachbarsfrauen über ihre Mutter? Mummys Er­klärungen, das Baby sei ein afin und sein un­ge­wöhn­li­ches Äußeres liege nur an einem rezessiven Gen, können Morayo nicht wirklich beruhigen. »Ein afin ... bringt nur Unglück«, klingt es noch in ihren Ohren, und wenn sie von den »glühenden Augen« fixiert wird, ist sie überzeugt, »das afin ... war in Wahrheit ein böser Geist!«

Trotz erschwerter Umstände, die Eniayos Albinismus im Clan und im Stadtviertel mit sich bringt, erleben die Geschwister im Nigeria der Siebziger, Achtziger Jahre eine unbeschwerte Kindheit. Sie spielen, toben her­um oder schauen am Bahndamm den berstend vollen Zügen hinterher. Dass Mummy sie nur im Son­nen­schutz langer Kleidung nach draußen lässt, nervt Eniayo selbst, aber sie hat gelernt, sich nichts aus den dummen Bemerkungen der anderen Kinder zu machen. Während Mummy auf dem Markt schneidert und Daddy als Pharmavertreter unterwegs ist, erledigt Aunty Adunni die Hausarbeit. Am Abend lauschen die Kinder den Märchen, die Daddy im Schein der Petroleumlampe erzählt. Es sind Abenteuergeschichten aus seiner dörflichen Heimat, von Zauberern und Heilern, dem »listigen und gierigen Schildkrötenmann« und von einem, dem über Nacht ein Bockshorn aus dem Scheitel gesprossen ist. Die Kinder erfahren daraus auf eindringliche Weise alte und immer noch gültige Lebensweisheiten, wie »Wer nicht möchte, dass alle Welt sein Geheimnis kennt, darf es mit niemandem teilen.«

Während der Ferien nehmen sie ein weiteres Familienmitglied in ihren Kreis auf. Brother Tayo, genannt »Bros T«, ist der Sohn von Aunty Tope, Mummys Schwester, die ihn seit dem Tod ihres Mannes allein groß­zieht. Leider ist sie auf beiden Augen blind für die kleinen Delikte ihres gut aussehenden Lieblings. Selbst als er beobachtet wurde, wie er Haushaltsgeld entwendet, weist Aunty Tope die Anschuldigungen gegen ihn als Lügen vehement zurück.

Oft hatte Mummy vor dem Bösen gewarnt, vor der Schande, die über Morayo kommen könnte, wenn ein Junge sie berührt, aber so richtig verstanden hat sie das nicht. Erst als sie im Biologieunterricht etwas über die Fortpflanzung erfährt, ahnt sie, was ihre Mutter gemeint haben könnte. Doch hatte Mummy immer nur von dem Bösen gesprochen, das draußen auf sie lauern könnte – nie vom Bösen unter dem eigenen Dach.

Als Morayo zwölf ist, zieht Bros T dauerhaft bei der Familie ein. Aunty Tope waren die Probleme mit dem verzogenen Einzelkind über den Kopf gewachsen, man hatte ihn aus dem Internat verwiesen, dabei sollte er doch studieren und Karriere machen. So bat sie Schwester und Schwager, ihn unter ihre Fittiche zu neh­men. Widerwillig nimmt Daddy den missratenen Jungen auf und lehrt ihn Mores, Pflichten im Haushalt zu überneh­men, sich in einer normalen Schule einzufügen. Tatsächlich schafft Bros T seinen Schulab­schluss mit Bestnoten.

In der Zwischenzeit hat Morayo einen Jungen kennengelernt. Kachi mag Morayo, und sie mag ihn. Bald gehen sie miteinander und halten Händchen, mehr nicht. Bros T dagegen hat sich schon mal von hinten an Morayo herangedrückt, sie mit der Hand an der Brust gestreift, auf den Schoss genommen. Er tritt ohne anzuklopfen in ihr Zimmer, überrascht sie, als sie sich gerade ihr Nachthemd überstreift, und nachdem er sie zusammen mit Kachi beobachtet hat, droht er ihr, sie zu verpetzen. Morayo hat Angst vor ihm, aber wem soll sie sich anvertrauen, wo Bros T doch gerade bei allen in neuem Glanz erstrahlt? Gern würde sie mit Mummy über all das sprechen, was ihr durch den Kopf geht, aber besser ist, sie erfährt nichts davon, denn es gäbe doch nur Ärger, wegen der Schande.

Abrupt endet Morayos Zeit der Unschuld, als sie wegen einer Erkrankung nicht zu einer Familienfeier mit­reisen kann und Bros T sie aufopferungsvoll zu versorgen verspricht. Doch dann nutzt er die ›sturmfreie Bude‹, bringt Freunde mit, sie besaufen sich und streiten, und als er die Truppe endlich rausgeschmissen hat, dringt er in Morayos Zimmer ein und vergewaltigt sie.

Nun sind die Dämme gebrochen, und für Morayo beginnt eine Phase des Horrors, die sie bis zu Selbst­mord­ge­dan­ken treibt. Sie wendet sich an Aunty Morenike, die wegen ihrer unkonventionellen Art, ihres un­ehe­li­chen Kindes und ihrer »Männererfahrungen« eher misstrauisch beäugt wird. Doch mit ihr hatte Mo­rayo über ihre zarte Liebe zu Kachi und ihre intimen Gefühle sprechen können. Den guten Rat, sich nie­mals zu Dingen, »für die man zu jung ist«, verleiten zu lassen, wollte sie immer befolgen, und nun ist sie schwan­ger von einem Vergewaltiger ...

Die nigerianische Autorin Yejide Kilanko wurde 1975 in Ibadan geboren. Wer könnte besser als sie wissen und beschreiben, wie es um die Frauen in ihrem Heimatland steht? Sie wuchs in jenem Land der Militär­dik­taturen, der Korruption, des gigantischen Gefälles zwischen Arm und Reich auf und kennt aus eigener An­schau­ung auch, wie es besser geht, denn seit 2000 lebt sie in Kanada. In ihrem Roman »Daughters Who Walk This Path« Yejide Kilanko: »Daughters Who Walk This Path« bei Amazon , den Uda Strätling übersetzt hat, schildert sie die Ausweglosigkeit der jungen Ni­ge­ria­ne­rin­nen, die für Männer Freiwild sind. In einer besonders bedrücken­den Szene warten viele Frauen an einer Bushaltestelle. Als ein Einsatzwagen voller uniformierter Polizis­ten und Militärs anrückt, ergreifen sie alle, ohne zu zögern, die Flucht. Sie kennen die Geschichten der »verschwundenen Mädchen und Frauen«. Wer sich nicht rechtzeitig versteckt, wird mit vorgehaltener Pis­tole in den Wagen gezwungen, ir­gend­wo­hin verschleppt, missbraucht, vielleicht getötet.

Auch Aunty Morenike wurde als Schulkind von einem Freund ihres Vaters vergewaltigt. Der reiche Ge­schäfts­mann weist nicht nur jegliche Schuld von sich, sondern bezichtigt Morenike sogar, sie habe sich für Geld an ihn herangemacht. Ihre Familie verstößt sie. Jetzt wird sie Morayos einzige Vertraute, hilft ihr, sich wie­der selber zu lieben. Aber ihr Trauma holt Morayo immer wieder ein, vor allem, als sie nach er­folg­rei­chem Studium erneut auf Bros T trifft ...

Eindringlich vermittelt Yejide Kilanko dem Leser die körperlichen und insbesondere seelischen Schmer­zen ihrer gepeinigten Protagonistinnen, denen ihre Umgebung dann auch noch suggeriert, sie trügen selbst Schuld an ihrem Schicksal. Nur der Tod kann sie von ihrem Leid erlösen. Aunty Morenikes Krebstod, mit dem der Roman endet, hat diese Symbolkraft.

Man könnte darüber streiten, ob sich die Autorin allein auf die Frauenproblematik hätte beschränken sol­len. Sie bettet sie aber in den gesamtgesellschaftlichen Kontext ein. Daher gibt es etwa einen Seitenstrang über Manipulationen während der Kommunalwahlen und andere Einblicke in die politische Realität einer Dik­ta­tur.

Außerdem gestaltet sie ihre Protagonistin als Leitfigur auf einem emanzipatorischen Weg, der freilich nur starken, intelligenten und privilegierten Frauen offensteht. Während ihrer Studentenjahre gelingt es Mora­yo, zu einem selbstbestimmten Leben zu finden, wobei auch Eskapaden mit diversen Männern ein psy­cho­lo­gisch nachvollziehbares Element sein mögen. Dennoch wirken manche Passagen in diesem Teil des Ro­mans befremdend, aufgesetzt wie aufgeplustertes Geplänkel, insbesondere im Vergleich mit den vielen Be­schrei­bun­gen ehrwürdiger Traditionen wie der familiären Rituale von der Einführung von Schwieger­sohn und Schwie­ger­toch­ter bis zur Vermählung; dazu gehört zum Beispiel die Geste der Ehrerbietung für die zu­künf­ti­gen Schwie­ger­el­tern, vor denen sich der junge Mann bäuchlings der Länge nach hinstreckt.

Morayos moderner westlicher Feminismus ist sicher ein authentisches Phänomen in Nigerias progressiven städtischen Kreisen, wirkt aber dennoch wie aus einer anderen Welt herüber geweht, jedenfalls nicht aus der eigenen Kultur erwachsen. Dass das Land in Zeiten der Globalisierung von äußeren Einflüssen über­rollt wird und für eine bedächtige eigenständige Entwicklung keine Zeit bleibt, ist aber wohl kaum der Au­to­rin anzulasten.


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