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Rezension zu »Totenfrau« von Bernhard Aichner

Totenfrau

von


Thriller · btb · · Gebunden · 448 S. · ISBN 9783442754427
Sprache: de · Herkunft: de

Blum liebt, hasst, tötet und entsorgt

Rezension vom 17.07.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Brünhilde Blum verabscheut ihren altmodischen Vornamen. Bald wird sie nur noch kurz und bündig »Blum« heißen. Doch erst müssen ihre verhassten Eltern endlich Ruhe geben und sich mit dem Unver­meidlichen abfinden. Während »Blum« auf dem Deck des sanft schau­keln­den Se­gel­schif­fes nackt in der Sonne brennt, kämpfen Hagen und Herta unten in den Wellen der Adria um ihr Leben, kratzen mit den Fin­ger­nä­geln an der Bordwand, um Halt zu finden, schreien verzweifelt den Namen ihrer Tochter. Doch die Leiter wird hoch­ge­zo­gen bleiben, die beiden Sieb­zig­jäh­ri­gen werden ent­kräf­tet zu­rück­blei­ben und ir­gend­wann als Was­ser­lei­chen bei Triest an­ge­trie­ben werden.

Zwanzig Jahre zuvor suchten die kinderlosen Eheleute Blum Hände ringend einen Nachfolger für ihr Fa­mi­lien­un­ter­neh­men in zweiter Generation, das älteste und renommierteste seiner Branche in Innsbruck. Ein Junge war nicht zur Adoption zu bekommen, aber ein Mädchen war immer noch besser als gar kein Kind. Da haben sie das kleine dreijährige Ding aus dem Kin­der­heim geholt, mit einem Namen aus ihrer Wag­ner-Welt versehen und auf­ge­zo­gen »wie ein Haustier«, bis es endlich groß genug war, im Be­stat­tungs­haus Blum mit anzupacken wie ein Mann.

Schon mit sieben musste Brünhilde Leichen von Blut befreien, rasieren, anziehen. Bettelte sie unter Trä­nen, gewisse Arbeiten nicht tun zu müssen, drohten ihr »Strafe und Qual«. Hagen sah sich im Dienste ihrer Abhärtung gezwungen, sie zeitweise in eine kleine Holzkiste zu legen, deren Deckel er verschraubte.

Freundinnen hatte Brünhilde keine; welche Eltern schicken ihr Kind schon in eine Totenhalle zum Spie­len? Schließlich wurden die Leichen zu ihren Gesprächs- und Spielkameraden.

All das wird jetzt ein Ende finden. Blum ist vierundzwanzig und voller Pläne. Sie wird Haus und Firma um­krem­peln, alle Spuren der Eltern ausradieren. Die einzigen schönen Erinnerungen, die sie behalten wird, sind die all­jähr­li­chen un­be­schwer­ten Som­mer­fe­ri­en auf dem Schiff der Eltern bei Triest. Wenn die begeis­terten Segler jetzt nach ihrem unbedachten Sprung in die Wellen bald ihre letzte Ruhe finden, ist sie vorbe­reitet. Im Geiste hat sie alle auf sie zukommenden Fragen und Antworten, alle Szenen durchgespielt. Der Filmvorspann läuft schon ab: Als in der Ferne ein kleines Segelboot auftaucht, winkt sie wie wild und schreit um Hilfe. Haltlos schluchzt sie dem fremden Skipper vor, dass ihre Eltern, während sie in der Sonne schlief und Musik hörte, spurlos verschwunden seien – ein wahrhaft »tragischer Unfall« ...

»Mein Name ist Mark. Ich bin Polizist, alles wird gut.« So hatte sich der sympathische, gut aussehende junge Mann vorgestellt, als er an Bord kletterte und Blum tröstete. Ein echter Traumprinz, stellt sich her­aus, und zwei Jahre später heiratet sie ihn. Nach weiteren sechs Jahren ist sie immer noch rundum glück­lich. Zwei kleine Töchter bereiten ihr täglich Freude. Zur Familie gehört inzwischen auch Marks Vater, ein pen­sio­nier­ter Kriminalkommissar und schon etwas hinfällig. Alle gemeinsam bewohnen die großzügig um­ge­bau­te Jugendstilvilla der Familie Blum. Das Bestattungsunternehmen läuft bestens. Blum hat in dem Bos­nier Reza tatkräftige Unterstützung gefunden. Seine gesamte Familie war in den grausamen Kriegsjah­ren um­ge­kom­men, er floh nach Österreich, Mark erwischte ihn bei einem Überfall auf einen Geldautoma­ten, und statt ein Strafverfahren gegen ihn einzuleiten, brachte er ihn mit nach Hause.

In letzter Zeit wirkte Mark verschlossen, als wenn etwas an ihm nage. Blum winkt ihm an der Haustür nach, wie er auf dem Motorrad davonbraust. Plötzlich erfasst ihn ein schwarzer Rover, und während Mark an Ort und Stelle stirbt, macht sich der Autofahrer aus dem Staub. Das vollkommene Glück hat ein jähes Ende.

Blum ist am Boden zerstört, ihr Weiterleben ohne Sinn. Nur die beiden Kinder geben ihr Halt, und neben Karl und Reza steht ihr vor allem Marks Vorgesetzter und bester Freund Massimo hilfreich zur Seite. Er regelt alle amtlichen Angelegenheiten und übernimmt die Fahndung nach dem Unfallflüchtigen. Doch we­der von ihm noch von dem auffälligen Auto gibt es irgendwelche Anhaltspunkte.

Als Blum in Marks Arbeitszimmer seine persönlichen Dinge entsorgt, erwartet sie eine Überraschung. Auf seinem Diktiergerät lauscht sie seiner Stimme, um sie für immer in sich aufzunehmen, doch sie spricht ganz beruhigend, ja geradezu liebevoll zu einer andern Frau: Dunja heißt sie ...

Hin- und hergeworfen zwischen Eifersucht, Schock und Wut über das, was sie da in zwanzig Dateien ge­speichert findet, wird Blum in ein unfasslich grausames Ver­bre­chen um Men­schen­raub, Miss­brauch, Ver­ge­wal­ti­gung und Tod hin­ein­ge­zo­gen. War Mark einer gefährlichen Sache auf der Spur? Musste er deshalb sterben? Blum nimmt die Sache in die eigenen Hände und wird den Mörder ihres geliebten Mannes aus­fin­dig ma­chen.

So entwickelt sich Blum zum Racheengel ohne Gnade. Nach und nach spürt sie systematisch einen Böse­wicht nach dem andern auf, liquidiert sie alle skru­pel­los und entsorgt sie anschließend fachgerecht.

Wer Bernhard Aichners Krimi-Reihe um Max Broll kennt, wird bei seinem neuesten Thriller »Totenfrau« zwar nicht den Pro­ta­go­nis­ten, wohl aber den markanten Sprachstil wiedererkennen. Erzählende Passagen und Dialoge sind strikt getrennt. Ein Staccato aus kurzen, einfach gebauten Sätzen, oft nur elliptischen Frag­men­ten, erhöht an manchen Stellen das Tempo und bindet uns nah ans brutale Geschehen, an an­de­ren lässt uns der Autor zur Ruhe kommen, verweilt lange, schafft eindringliche Szenen, und das mit wenigen Wor­ten. Indem Aichner in den meisten Sätzen auf adverbiale Ergänzungen verzichtet, bleibt viel an at­mos­phä­risch relevanten ›Aus­stat­tungs­de­tails‹ unbestimmt; der Leser füllt diese Lücken dann mit seiner ei­ge­nen Vor­stel­lungs­kraft, was für ein be­ein­dru­ckend intensives Leseerlebnis sorgt. Insbesondere die Dia­lo­ge – Satzfetzen zwischen den Ge­sprächs­part­nern, ohne Spre­cher­an­ga­ben und Ein­lei­tun­gen an­ein­an­der­ge­reiht – wirken unmittelbar wie Dreh­buch­aus­zü­ge bzw. Film­mit­schnit­te.

Ein anderes Merkmal der Max-Broll-Reihe hat Aichner bei der »Totenfrau« zurückgedrängt: die ironische Schiene aus schwarzem Humor, Skurrilitäten und trügerischer Dorfidylle. Zwar verdienen sowohl Max Broll (der To­ten­grä­ber) als auch Brünhilde Blum (die Bestatterin) ihren Le­bens­un­ter­halt an morbiden, stark emo­tions­be­haf­te­ten Orten und mit als makaber emp­fun­de­nen, ge­sell­schaft­lich ta­bui­sier­ten Tätigkei­ten, doch im Gegensatz zum wackeren, kauzigen Ex-Journalisten Broll in der Provinz ist die groß­städti­sche Un­ter­neh­me­rin Blum eine wahrlich furchterregende Psychopathin, ein Monster. Wenn sie eiskalt mordend ihrer Mission folgt, strebt sie nach nichts Geringerem als Per­fektion, und fast erreicht sie sie ...

Fazit: Berhard Aichners »Totenfrau« ist ein Krimi ganz eigenwilligen Stils, der den Leser von Anbeginn auf eine rasante, le­bens­ge­fähr­li­che Fahrt mitnimmt, die uns kaum Muße zum Durchatmen lässt: Wir bleiben dran, und unsere Nerven bleiben angespannt, bis endlich die letzten Dia­log­zei­len alles auflösen ...


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