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Rezension zu »Sieben Jahre Nacht« von Yu-jeong Jeong

Sieben Jahre Nacht

von


Thriller · Unionsverlag · · Taschenbuch · 528 S. · ISBN 9783293004948
Sprache: de · Herkunft: kr

Stausee des Unheils

Rezension vom 04.11.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Sowon war elf, als sein Vater Hyunsu verhaftet wurde. Die Anklage lautete, er habe das elf­jährige Mäd­chen Seryong erwürgt, dessen Vater und seine eigene Ehefrau Unju (Sowons Mutter) mit einem Holz­ham­mer erschlagen. Außerdem habe er die Schleusen des Stau­damms, für dessen Sicherheit er seit Kurzem verant­wort­lich war, geöffnet, dadurch die gesamte Um­gebung überflutet und zahlreiche Unschul­dige getötet. Hyunsu wehrte sich nicht gegen seine Fest­nahme. Würde ihn das Gericht des Massen­mordes schuldig sprechen, hätte er nur ein Urteil zu erwarten: die Todes­strafe.

Die koreanische Bestsellerautorin Jeong Yu-jeong lässt keinen Raum für Zweifel. Bereits im Prolog und auf den ersten Seiten des Haupt­teils wird deutlich, dass Sowons Vater ganz offen­sicht­lich ein wahn­sinni­ger Psycho­path ist. Wozu also viel Aufwand treiben, um einen anderen Täter ausfindig zu machen? Und doch entsteht das beun­ruhi­gende Gefühl, dass an der Sache etwas faul sein könnte, dass Hyunsus Schuld wo­mög­lich gar nicht so klar ist. Diese Un­sicher­heit beschäftigt auch Sowon. Während der sieben Jahre, durch die wir ihn begleiten, hält er die Hoffnung aufrecht, dass ein anderer ver­ant­wort­lich sei und sein gelieb­ter und ver­ehrter Vater nicht am Strang enden müsse.

Nach dem Verlust von Mutter und Vater erwartet das Kind eine harte Zeit. Erst werden Verwandte mit seiner Betreu­ung beauf­tragt. Doch niemand will den Jungen haben, an dem die Schande der väter­lichen Horror­tat klebt und den die begie­rigen Massen­medien öffent­lich als »Sohn des Stau­see­monsters« stigma­ti­sieren. Im Verlauf seiner Odyssee, in der er Opfer von Anfein­dungen aller Art wird, rastet er irgend­wann selber aus und schlägt einen Mitschüler brutal zusammen.

Dann widerfährt ihm etwas Glück: Seine Jugend­arrest­strafe wird zur Bewäh­rung ausgesetzt, und er trifft einen sym­pathi­schen alten Bekannten wieder. Der über zwanzig Jahre ältere Sunghwan hatte am Stausee bei seiner Familie zur Unter­miete gewohnt, Sowon hatte sein Zimmer mit ihm geteilt, und schon damals hatte er sich als Beschützer hervor­getan. Auch jetzt will sich der Mann, den Sowon liebevoll »Onkel« nennt, seiner an­nehmen.

Doch noch immer sind Journalisten auf der Spur des sen­satio­nellen Falles und folgen den beiden, egal wohin sie fliehen. Nach Jahren finden sie in einem ab­gelege­nen Küsten­ort endlich Ruhe. Sowon, inzwischen achtzehn, erledigt Boten­gänge für eine Apotheke, der »Onkel« begleitet Tou­risten auf ihren Tauch­gängen und versucht sich in seiner Freizeit als Roman­schrift­steller.

Nach einem spektakulären Tauchunglück rücken die Medien an, um über die ge­wagte Bergungs­aktion zu berichten. Aber rasch verlieren sie das Interesse an Mut und Selbst­losig­keit der Rettungs­taucher, als sie dahinter­kommen, um wen es sich da handelt. Erneut schießen sie sich auf Sowon und seinen Monster-Vater ein, der noch immer im Gefängnis auf seine Hinrich­tung wartet. Überdies verschwindet Sunghwan spurlos. Seine Hinter­lassen­schaften: ein paar persönliche Gegen­stände, darunter ein Notizbuch, ein USB-Stick und viele, viele Seiten be­schrie­benen Papiers ...

Mit wenigen Figuren, aber häufigen Zeitsprüngen und aus ständig wech­seln­der Per­spektive entwickelt Jeong Yu-jeong einen span­nen­den Roman (den Kyong-Hae Flügel ins Deutsche über­setzt hat). Sunghwan, der »Onkel«, ist der außen­stehende Beob­achter zweier Eltern­paare und ihrer gleich­altrigen Kinder Sowon und Seryong, die das Schicksal für kurze Zeit am Stausee des Unheils zu­sam­men­führt. Rück­blenden geben Aufschluss über aller Vorleben und eröffnen uns die dunklen Seiten ihrer schwie­rigen Charaktere. Erfolgs­streben und Versagen, Macht­wille und Kontroll­wahn, Gerechtig­keits­wille und Rach­sucht be­durf­ten nur eines Funkens, um eine Katastrophe auszu­lösen und »sieben Jahre Nacht« nach sich zu ziehen.

Gut fünfhundert Seiten umfasst dieser komplexe, psycho­logisch dichte Roman mit zuneh­mender Ex­plosions­kraft. Ziemlich früh ahnt man, wer der grauen­hafte Draht­zieher sein könnte. Wie er vorgeht, welch perfides Spiel er spielt, das ent­wickelt die Autorin in kleinen, sehr beun­ruhigen­den Schritten.

Überraschend wenig erfahren wir hingegen von Koreas Kultur und der Atmosphäre des fernen Landes. Ein paar Seiten erzählen von mystischen Bräuchen, Aber­glauben und den Beschwö­rungen eines Schamanen, im Übrigen könnte sich die Handlung ebenso­gut in Europa oder sonstwo in der Welt zutragen. Die Autorin hatte beim Schreiben offen­kundig nicht den Export nach Übersee im Sinn. Vielleicht ändert sich das, sollte sie hier Erfolge feiern.


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