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Rezension zu »Interview mit einem Mörder« von Bernhard Aichner

Interview mit einem Mörder

von


Kriminalroman · Haymon · · Gebunden · 288 S. · ISBN 9783709971338
Sprache: de · Herkunft: at

Augenzeuge oder Psychopath?

Rezension vom 01.11.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Ein abgehalfterter Fußballstar, ein verhinderter Klavier­virtuose, ein fideler Priester und ein besinn­licher Toten­gräber in der zweiten Generation sind die vier Haupt­personen im vierten Band der beliebten Max-Broll-Reihe des Inns­brucker Autors Bernhard Aichner. Obwohl mehrere Personen gezielt ins Reich der Toten befördert werden, knistert auch in dieser Folge nicht in erster Linie die kriminalistische Spannung, sondern es prickeln die psycho­logischen Kammer­spielchen zwischen den Mit­gliedern des Quartetts im öster­reichi­schen Dorf­ambiente »am Ende der Welt« und darüber hinaus.

Im Mittelpunkt steht Max Broll, 25, Aichners Serien­held mit dem geruh­samen Wesen und dem beschau­li­chen Lebens­wandel. Als vor ein paar Jahren sein Vater starb, beschloss er, in dessen Fuß­stapfen zu treten und seine Fried­hofs­wärter­stelle zu über­nehmen. Dass er dafür seinen ursprüng­lichen Berufs­wunsch (Jour­nalist) und das hierzu dienliche Studium in Wien hin­geben musste, fiel ihm nicht schwer, lockte doch ein Dienst­häus­chen, von dessen Dach­terrasse ein herr­licher Ausblick über den Gottes­acker und in die weite Natur zu genießen ist, gern von ein, zwei Bierchen gerahmt. Was an Pflichten ansteht, hält sich in ebenso über­schau­baren Grenzen: zwei Dutzend Begräb­nisse pro anno, Grab- und Wege­pflege und der­gleichen. Es verbleibt also genügend Frei­raum für Träumen, Tratschen, Trinken und die gleich neben den Grab­reihen frisch angelegte Sauna mit Schwimm­teich, um sich die böse Welt da draußen vom Leibe zu halten.

Einer wie Max, schon gleich wenn er auch noch Toten­gräber ist, hat und braucht nicht viele Menschen nahe bei sich. Tilda, die Witwe seines Vaters, bekocht und versorgt ihn mit Zunei­gung. Mit Johann Baroni, dem heim­ge­kehr­ten Ex-Fuß­ball­star, verbindet ihn eine Bluts­brüder­schaft. Gemeinsam haben sie manche Schlacht geschlagen, können sich blind aufein­ander verlassen. Noch frisch in der Runde ist Akofa, der neue Pfarrer aus Afrika, der entgegen allen Unken­rufen (»ein Neger, ein wasch­echter Bimbo«) keines­wegs das Übel, sondern Froh­sinn in die Gemeinde gebracht hat. Der dunkel­häutige Natur­bursche mit dem son­nigen Gemüt hat einen grünen Daumen und lässt, begünstigt von der Frucht­barkeit des hiesigen Bodens und Brenn­nessel­wasser, kilo­weise Gras sprießen. Zum Ernte­dank kann er mit Max erhei­ternde Selbst­ge­drehte genießen.

Max am nächsten stand Hanni Polzer. Sie betrieb den Würstel­stand – eine Art Litfaß­säule, Umschlag­platz für Nach­richten und eine feste Insti­tution im Dorf. Beinahe wären die beiden die Ehe einge­gangen, da musste sie eines unnatür­lichen Todes sterben. Davon erzählt der zweite Band, und Aichner sorgt für Konti­nuität. Jetzt will Johann Baroni das Lädchen über­nehmen und mit »Baronis Würst­chen« den Grund­stock für ein ganzes Impe­rium legen. So ein Erfolg tut Not, denn Baroni ist gründlich pleite. Einst, als »öster­rei­chi­sche Fuß­ball­legende«, hatte er Geld wie Heu. Doch dann hat er sein gesamtes Vermögen inklu­sive Wiener Immo­bilien verzockt.

Die feierliche Geschäftseröffnung nimmt ihren Lauf mit dem Humtata der Blas­musik, dem Auf­marsch der Schützen und Akofas kirch­lichem Segen. Als der Salut­schuss donnert, fällt Baroni um. Einfach so. Zwar sieht Max alles doppelt (in Folge von Akofas Grün­zeug), doch so benebelt er auch ist, weiß er, was er gesehen hat: Ein Fremder in Leder­hosen und karier­tem Hemd hat aus dem Getüm­mel auf Baroni geschos­sen.

Während der schwerverletzte Freund im Koma auf der Intensiv­station versorgt wird, identi­fiziert Max den Schützen: Konrad Maria Fink, Tourist aus Wup­per­tal, zu Gast in der Pension »Seerose«. Doch Max mag behaupten, was er will – glauben will ihm niemand, zumal er zum Tat­zeit­punkt nicht alle Sinne bei­sam­men hatte. Bei Fink, einem ehe­maligen Musiker, ist schließ­lich keiner­lei Motiv erkenn­bar, warum er ausge­rech­net Baroni hätte umlegen wollen.

Die ausbleibende Unterstützung macht Max zum Waden­beißer. Im Allein­gang kon­frontiert er den Mann mit seinem Verdacht, wird hand­greif­lich und immer wütender, indes der ältere Herr alle Vorwürfe ganz non­chalant an sich abpral­len lässt. Gelassen eröffnet er seinem An­greifer, dass er bald nach Italien weiter­reisen werde, und lädt ihn gar ein, ihn zu begleiten.

Damit beginnt eine Reise zum und übers Mittelmeer, die sich zum Psycho­trip ent­wickelt. Je mani­scher sich Max in die Vor­stel­lung versteigt, Fink sei ein gefähr­licher Mörder, ein »Teufel mit vier Fingern« (denn einst hat ihm ein Rott­weiler den Daumen abge­bissen und damit seine Karriere als Pianist beendet, ehe sie be­gonnen hatte), desto raffi­nierter wendet dieser seine perfiden Mani­pula­tions­tech­niken gegen den mit­rei­sen­den Toten­gräber. Nach einigen Leichen entlang ihres gemein­samen Weges steht am Ende zu befürch­ten, dass Max als mor­dender Psycho­path in eine Psychia­trie abge­schoben wird.

Wie in den Vorgängerbänden pflegt der Autor einen markanten, aufs Not­wen­digste redu­zierten Stil. Die oft extrem kurzen Sätze oder Satz­frag­mente ent­falten dank präziser Wort­wahl eine starke evo­kative Wirkung; die zwischen den erzäh­lenden Passagen einge­schobe­nen reinen Dialog­szenen ohne Anfüh­rungs­zeichen und Rede­ein­lei­tun­gen schaffen eine sprach­liche (nicht aber atmosphä­rische) Un­mittel­barkeit wie im Film. Anderer­seits hinter­lässt der Stil – wie auch die Typen – einen Eindruck von spröder Künst­lichkeit und Distanz. Das puris­tische Konzept fasziniert bei der ersten Begegnung, doch die Extra­vaganz nutzt sich irgend­wann ab. Wer weiß – vielleicht nach dem vierten, fünften Band?


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