Rezension zu »Die Lady im Lieferwagen« von Alan Bennett

Die Lady im Lieferwagen

von


Belletristik · Wagenbach · · Taschenbuch · 90 S. · ISBN 9783803126214
Sprache: de · Herkunft: gb

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Jeder ist seines Glückes Schmied

Rezension vom 24.01.2010 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Das Bändchen "Die Lady im Lieferwagen" von Alan Bennett enthält vier Kurzgeschichten, von denen die Titelgebende etwa doppelt so umfangreich ist wie die anderen. Alle schildern Erlebnisse des Autors mit seiner Familie während und nach dem zweiten Weltkrieg:

Bücher: Sie sind der wahre Schatz des Lebens. Sie sind der Schlüssel für Bildung und Weiterentwicklung.

Die Straßenbahnen von Leeds: Ihre Verkehrsführung, ihr Aussehen mit einer eisernen Wendeltreppe, einem Kabäuschen für den Schaffner, Sitze, die man drehen kann und so zur Geselligkeit beitragen.

Onkel Clarence: Er liegt auf einem Friedhof in Flandern begraben. Mit zwanzig Jahren ist er im 1. Weltkrieg gefallen.

Die Lady im Lieferwagen: Ahnungslos hilft der Erzähler (und Autor) einer alten Dame, die schon bald zum festen Bestandteil seines Lebens gehören wird. Miss Shepherd ist etwa 60 Jahre alt und lebt in einem Lieferwagen, den sie vor einem Zweifamilienhaus in Camden Town geparkt hat. Mit der kleinen Sozialhilfe kommt sie bestens aus. Gekleidet ist sie wie eine "Vogelscheuche": Sie trägt einen schmuddeligen Regenmantel, einen orangefarbenen Rock, Pantoffeln und Golfmütze.

Wenn sie nicht in ihrem Wagen sitzt, findet man sie vor einem Geldinstitut. Dort verkauft sie Bleistifte, verteilt Pamphlete oder schreibt mit Kreide Botschaften auf den Bürgersteig, wie z.B. "Der heilige Franziskus hat das GELD VON SICH geschleudert." Der Weg in die Bank führt dann zwangsläufig über diese Weisheit.

Eine gerichtliche Verfügung wegen Verkehrsbehinderung verbietet ihr das Standrecht vor Hausnummer 63. Nun muss ihr Wagen um fünf Meter verschoben werden, um "ein nettes Plätzchen" vor Hausnummer 62 einzunehmen.

Dass dieser Standort auf Dauer auch keine Lösung sein wird, ahnt der Leser schon, und da der Erzähler nicht "Nein" sagen kann, landet der Lieferwagen samt Miss Shepherd in seinem Garten – und bleibt da für die nächsten 20 Jahre. In seinen Tagebucheinträgen (Oktober 1969 – 17. Juni 1989) schildert der Erzähler seine Erlebnisse, seine "Scharmützel mit ihr, die er alle verliert". Sie überrascht ihn ständig mit neuen Ideen. Manchmal sperrt er sich, zaudert – und lässt sie dann gewähren. Über seine Wohltaten wundert er sich selber, denn die Nutznießerin ist undankbar, zänkisch und ruppig – in einem Ausmaß, dass den Wohltäter bisweilen der Wunsch überkommt, er sollte ihr besser "den Hals umdrehen".

Am 28. April 1989 stirbt Miss Shepherd in ihrem Lieferwagen. Der Erzähler möchte mehr über ihr Leben erfahren. Dokumente oder Unterlagen – wenn überhaupt vorhanden – können nur im Wagen liegen. Mit einem Taschentuch vor Mund und Nase bekämpft er seinen Ekel gegen den bestialischen Geruch nach Fäkalien, vergammeltem Essen und angehäuftem Müll. Sie hatte gelebt wie ein Landstreicher, alles gesammelt, sich von nichts trennen können: Ein idealer Lebensraum für Maden und anderes Ungeziefer. Der Erzähler findet Namen und Telefonnummer von Miss Shepherds Bruder, und dieser erzählt Bennett vom Leben seiner ungewöhnlichen Schwester.

Hinreißend ist dies Portrait einer einzigartigen Person, die sich am Rande der Gesellschaft einen eigenen Kosmos geschaffen hat. Unbedingt lesen!!!


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