Rezension zu »Die Überlebenden« von Alex Schulman

Die Überlebenden

von


Drei Brüder treffen sich als Erwachsene im Elternhaus am See wieder, wo sie eine schwierige Kindheit verbrachten: So gebrochen wie Vater und Mutter es waren, sind auch sie disparate, belastete Persönlichkeiten.
Belletristik · dtv · · 304 S. · ISBN 9783423282932
Sprache: de · Herkunft: se

Anti-Idylle am See

Rezension vom 02.10.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Ort am See scheint eine Idylle. Einsam liegt das Sommer­haus mit Sauna, Stall und Bootshaus auf einer Land­zunge. Aber der Verfall des Anwesens ist unüber­sehbar und straft den ersten Eindruck Lügen. Obendrein verwan­delt in dieser Nacht das Blaulicht eines Polizei­wagens das Haus mitsamt den Bergen, den hohen Fichten und dem See in eine unwirk­liche, kalte Gespenster­szene.

Was der per Notruf herbeigeholte Polizist kurz vor Mitter­nacht vorfindet, macht ihn »ratlos«. Drei Männer in Anzug und Krawatte sitzen weinend vor der Haustür auf der Stein­treppe und halten einander im Arm, neben ihnen im Gras eine Urne. Zuvor haben sie sich so blutig geprügelt, dass ein Kranken­wagen kommen wird.

Wir sind hier am Anfang eines Romans und am Endpunkt einer Familien­geschichte. Die drei Männer sind Brüder, in der Urne ist die Asche ihrer Mutter, aber ihre Tränen gelten weniger der Verstor­benen als ihrer eigenen verletz­ten Gefühls­welt – ohne Empathie, aber voller Eifer­sucht, Hass und Einsam­keit. Die explosive Mischung entlud sich in Gewalt.

Die Kindheit dieser drei Jungen hatte durchaus auch idyl­lische Züge. Eine Szene im zweiten Kapitel malt uns den letzten Sommer der Familie an diesem so einzig­artigen Ort aus. Nils ist vierzehn, Benjamin neun und Pierre sieben Jahre alt. Wie jeden Abend steht der sensible Benjamin im flachen Wasser des Sees und beob­achtet und horcht, was er wahrnimmt. Etwas oberhalb sitzen die Eltern auf weißen Plastik­stühlen und betrach­ten den Sonnen­unter­gang. Auf dem schiefen Holz­tisch­chen neben ihnen schimmern »die fleckigen Bier­gläser in der Abend­sonne«, »im Gras zwischen ihnen eine Kühl­tasche, die den Wodka kalt­hielt«.

Schwerlich vereinbare Wider­sprüche, unüber­brück­bare Klüfte und unvor­herseh­bare, abrupte Wendungen kenn­zeichnen den familiä­ren Alltag. Das idealisie­rende Selbst­bild der Eltern, sie ließen ihren Söhnen in einem bildungs­bürger­lich gut ausge­statteten Haushalt eine akade­mische Erziehung ange­deihen, ist reines Wunsch­denken. Sie selber reali­sieren ihr Projekt nur halb­herzig, es fehlt ihnen an persön­licher Stärke und an Geld.

Vater und Mutter – beide Alkoholiker, beide unstet in ihren Stimmun­gen – lieben einander und streiten dennoch heftig. In ihren schwan­kenden Gemüts­verfassun­gen sind sie für die drei Söhne unbe­rechen­bar. Mal treibt der Vater Schaber­nack mit ihnen, mal ist er streng (In diesen Ferien, ordnet er an, wird es kein Fernsehen geben, er zieht den Stecker »wie bei einer öffent­lichen Hinrich­tung, bei der man die Leiche zur Abschre­ckung hängen lässt.«). Glücks­momente erleben die intelli­genten Kinder, wenn die Augen des Vaters funkeln und er seine feier­liche Stimme erhebt, um todernst einen Wettkampf auszu­loben. Dann sind strenge Regeln einzu­halten, und immer geht es darum, »wer von ihnen der Beste« ist.

Bei der Mutter kann man sich Zärtlich­keiten abholen. Die drei genießen es, auf ihrem Schoß zu kuscheln, sie krault ihnen den Rücken, fährt ihnen, während sie aus Klassi­kern vorliest, durchs Haar. Dann bilden sie »einen einzigen Körper«, und »man wusste nicht, wo ein Kind aufhörte und das nächste begann«. Abgesehen davon, dass Mama schon in der nächsten Sekunde plötzlich sehr ärgerlich und grob sein kann (»dummes Gesocks«), müssen die Jungen die mütter­liche Zuneigung mit einer kleinen Hündin teilen. Molly ist »nervös, empfind­lich und schreck­haft«, Mamas Liebe zu ihr »intensiv, aber perio­disch«. Eifer­süchtig auf das kleine Wesen, das der Mutter soviel mehr bedeutet, und selbst begierig auf ihre Liebe, versuchen die Söhne sich gegen­seitig auszu­stechen. Was den Hund betrifft, demons­trieren Nils und Pierre »Desinter­esse« und halten sich fern, während Benjamin in aller Heimlich­keit die Nähe des Tieres sucht – zwei Vertraute, die »einander Gesell­schaft« leisten.

Mit dem unsicheren Terrain ihres Heims muss jeder der Jungen auf seine Weise fertig werden. Obwohl der Vater ihnen beständig einredet, ihre Stärke erwachse aus ihrer Gemein­schaft, ist diese Einheit reine Illusion. Jeder konkur­riert mit den anderen um Liebe, Aufmerk­samkeit und Anerken­nung. Pierre, der Jüngste, liegt gern im Gras, liest Comics. Nils, der Älteste, hält sich für den Klügsten und seine Brüder für »Idioten«. Unver­mittelt lodern seine Wutan­fälle auf (»Was für ein Irrenhaus«), lässt er seinen Aggres­sionen freien Lauf, wird von »Rast­losig­keit« getrieben, doch dann gelingt es ihm einiger­maßen, sich wieder zu beherr­schen, indem er in die laute Musik seines Walkman abtaucht.

Benjamin, aus dessen Perspek­tive die Geschichte erzählt wird, ersehnt nichts weiter, als dass alle in liebe­voller Eintracht zusammen­leben. Er hat ein feines Gespür, wenn sich Krisen anbahnen, sucht immer den Ausgleich, scheitert aber oft damit und erntet selbst dafür bisweilen grausame Strafen. Kein Wunder, dass Ängste ihn gefangen halten: Angst im kalten Erdkeller, Angst, in den Wald zu gehen, Angst vor den Fischen mit »nadel­spitzen, kleinen Fang­zähnen« im dunklen Wasser, Angst um seine Brüder, die während eines Wett­schwim­mens weit hinaus zur Boje selbst Todes­ängste ausstehen. Am meisten hat er Angst vor Vater, einem Phantom, das jeden Fehler bemerkt – es »war ihm, als brenne dessen Blick in seinem Nacken«.

Die erzählte Handlung spielt auf zwei unterschied­lichen Zeit­ebenen: einer­seits der der Kindheits­jahre, anderer­seits an dem einen Tag, an dem die drei Brüder die Asche ihrer Mutter ver­streuen wollen. Die beiden Ebenen werden in einer geschick­ten Konstruk­tion aus zwei gegen­läufigen Strängen ver­schränkt, wobei die Ereig­nisse am Tag in der Gegen­wart, im Stunden­takt geglie­dert, die Ver­gangen­heit auf­rollen. Eine Schlüssel­szene liefert hierzu eine eindring­liche Illustra­tion:

Ein traumatisches Erlebnis verarbeitend sitzt Benja­min am Seeufer und hält das Hündchen in seinen beschüt­zenden Armen. »Die Welt hatte sich verändert«, bemerkt er. »Er sah die Ringe auf dem Wasser und stellte fest, dass sie sich nicht nach außen bewegten, sondern nach innen. Die Ringe krochen zur Mitte und verschwan­den spurlos in ihrem eigenen Kräuseln. Er blickte zur Bucht hinüber und sah dasselbe Phänomen. Die Ringe auf dem See strebten ihrer eigenen Mitte zu, als würde jemand einen Film rückwärts abspielen … [Die Zeit] lief rückwärts.« Die unge­wöhn­liche Beobach­tung lässt uns inne­halten, schärft das Bewusst­sein, verstärkt das anfäng­liche Unwohl­sein, das uns immer tiefer in die klaustro­phobische Atmos­phäre des Romans hinein­saugt wie ein unge­heurer Strudel und uns mit unschein­baren Andeu­tungen weiter­zieht, bis der letzte Satz gelesen ist.

Erst am Ende kristallisiert sich heraus, dass eine Katas­trophe von psycholo­gischer und symbo­lischer Tiefe, ein dunkles, rätsel­haftes Verhäng­nis seit jenem Sommer der Kindheit auf jedem der Brüder lastet. Nie wird offen darüber gespro­chen, nie wird es aufge­arbeitet und schwelt doch im Unter­grund fort. Das Trauma hinter­lässt bei allen Mitglie­dern dieser unglück­lichen Familie dauer­hafte Spuren und bewirkt befremd­liche Verhaltens­weisen wie etwa Ausbrüche unge­hemmter Gewalt. In der Rückschau auf das, was sie durch­lebten, erklärt sich im letzten Satz der Titel: »Die Reise, die sie zum Einschlag­punkt zurück­bringen wird, rückwärts in ihrer Geschichte, Schritt für Schritt, um ein letztes Mal zu überleben«. (»Över­levarna« wurde von Hanna Granz ins Deutsche über­setzt.)

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Herbst 2021 aufgenommen.


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