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Rezension zu »Eine Frage der Höflichkeit« von Amor Towles

Eine Frage der Höflichkeit

von


Belletristik · Graf · · Gebunden · 416 S. · ISBN 9783862200108
Sprache: de · Herkunft: us

New York in den Dreißiger Jahren: Risse im Glamour

Rezension vom 03.04.2011 · 9 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

1966 besucht Kate mit ihrem Ehemann Val eine Fotoausstellung im Museum of Modern Art – ein event der Superlative. Zu sehen sind Porträts, die Walker Evans in den späten Dreißiger Jahren mit versteckter Kamera gemacht hat. Kurz bevor sie die Ausstellung verlassen wollen, entdeckt Kate zwei Fotos eines guten Freundes: Tinker Grey. Sie haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Jetzt drehen sich die Erinnerungen in ihrem Kopf wie ein buntes Kaleidoskop.

Rückblende: Tinker, attraktiv und wohlsituiert, wohnt in einer edlen Suite mit Art-Déco-Interieur. Kate und Freundin Eve lernen ihn auf einer Sylvesterfeier 1937 kennen, und es beginnt ein lockeres Dreiecksverhältnis. Tinker führt sie in die schönsten, teuersten Bars, Clubs und Restaurants. Gemeinsam genießen sie ein dekadent luxuriöses Leben. Geld spielt keine Rolle – es fließt dahin für teure Autos, kostbaren Schmuck und Abendgarderoben.

Ein schwerer Schicksalsschlag gibt der Handlung eine Wendung. Während Tinker und Eve eine Zeit lang durch Europa reisen, erkämpft sich Kate ihr Leben in der Metropole. Sie nutzt alle Möglichkeiten und Beziehungen, um sich den Einstieg in die High Society zu ermöglichen. Ihren Job als einfache Tipse kann sie kündigen, denn bald arbeitet sie in einer Zeitungsredaktion.

Der Roman ist reich an Figuren, deren Leben zu Beginn leicht dahinzuschweben scheint. Doch diese Fassade wird brüchig, je mehr uns der Autor mit unerwarteten Schicksalsschlägen und Wendungen überrascht. Nicht alles strahlt tatsächlich so hell, wie es auf den ersten Blick scheint.

Tinkers Leben in Saus und Braus und maßgeschneiderter Kleidung ist mühselig erarbeitet. Er richtete sein Leben an den 110 Höflichkeitsregeln des George Washington aus (die einem jesuitischen Erziehungsbuch des 16. Jahrhunderts entstammen). Diese Maxime – dass alles eine Frage der Höflichkeit sei – wurde für ihn zum Zwang, zu einer beengenden Umklammerung. Schließlich bricht er aus, entscheidet sich bewusst für einen neuen Weg. Nun erst verstehen wir das Porträt aus der Evans-Ausstellung: Obwohl Tinker darin abgemagert, schmutzig und ärmlich aussieht, erkennt Kate, dass ein Lächeln seinen Mund umspielt ...

Mag die anfänglich ausgebreitete Schilderung eines glamourösen American Way of Life zunächst oberflächlich wirken, nimmt der Roman nun einen ernsthaften Charakter an – und erreicht seine eigentliche literarische Klasse.

Amor Towles hat einen faszinierenden Gesellschaftsroman geschaffen, der uns das feeling der aufregenden Dreißiger Jahre in der außergewöhnlichen Millionenstadt New York vermittelt. Hier leben Arme und Reiche, Menschen aller Rassen, Einwanderer aus allen Ecken Europas. In allen Schattierungen von Grau gekleidet, mit identischen Hüten auf identischen Haarschnitten tauchen viele in der Konformität unter. Was treibt die Tausende den Broadway hinauf und hinunter?

Schon damals war die skyline von Manhattan atemberaubend. Feuerleitern und die Netze oberirdisch gespannter Telefondrähte vergittern den Blick auf den Himmel. Auf haushohen Stelzen rattern die Hochbahnen über das infernalische Treiben auf den Straßen. Towles beschreibt alles so detailliert, so atmosphärisch dicht, dass wir uns nicht entziehen können, nicht entziehen wollen.

Und übrigens: Sie werden staunen, wie viele der fünfhundert Jahre alten Benimmregeln nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt haben.


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