Rezension zu »Deathbook« von Andreas Winkelmann

Deathbook

von


Thriller · Wunderlich · · Taschenbuch · 448 S. · ISBN 9783805250641
Sprache: de · Herkunft: de

FB is out - DB is in!

Rezension vom 12.04.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der Fall ist klar und wird schnell zu den Akten gelegt. Kathi Winkelmann wollte Selbstmord begehen und hat sich dazu auf die Bahngleise gelegt. Aber die El­tern der Sechzehnjährigen sehen das anders als die Po­lizei. Warum in aller Welt sollte ihre Tochter sich ihr sorgloses und behütetes Leben genommen haben?

Auch Kathis Onkel zweifelt an der behördlichen Interpretation. Er unterhielt stets ein gutes Vertrauensver­hältnis zu dem lebensfrohen und unternehmungslustigen Mädchen. Sie muss Opfer eines Verbrechens ge­worden sein.

Nun ist dieser Onkel niemand anders als Andreas Winkelmann, in Personalunion Autor, fiktionale Figur (in der 3. Person betrachtet) und Ich-Erzähler seines Thrillers. Er schildert in »Deathbook«, wie er in Sa­chen seiner Nichte auf sehr unkonventionelle Weise ermittelt und einen unglaublichen Verbrechenskom­plex auf­deckt, der aus dem Internet todbringend auf unsere reale Welt zugreift.

Ein perverser Serienkiller mordet nicht nur brutal, sondern filmt seine Taten und stellt die Videos online. Über eine App kann sie jeder Interessent herunterladen – es genügt, einen QR-Code einzuscannen. Natür­lich glaubt der arglose Betrachter, das pure Entsetzen auf seinem Screen sei eine perfekt gemachte Show. Doch ehe er sich's versieht, steckt der Voyeur selbst ganz tief in einem tödlichen Sumpf, im Netz des Kil­lers, dem er nicht entkommen kann. Denn mit dem Download der Horrorfilmchen wird er ungefragt in ei­nen Kreis ähnlich gestrickter Leute aufgenommen, die alle für diesen besonderen Kick anfällig waren, selbst wenn, wie in Kathis Fall, nur ein wenig Neugier dahinter steckte. Ob man will oder nicht: Nun ist man Mitglied des »Deathbook« und muss einen eigenen filmischen Beitrag abliefern. Der soll alles bisher Gezeigte über­tref­fen und das anspruchsvolle Publikum begeistern. Erfüllt der Film nicht die Erwartungen, wird sein Er­stel­ler selbst zum Opfer bestimmt und wird, natürlich in HD dokumentiert, schreckliche Schmerzstationen durch­lei­den müssen, bis er endlich erlöst ist.

Klar, dass auch Andreas (der Onkel) mit fortschreitender Recherche immer stärker in den Focus des Psy­chopathen gerät ...

Mit diesem Buch hat Andreas Winkelmann (der Autor) etwas Neues und Zeitgemäßes kreiert. Die techni­sche Basis ist breit und aktuell wie die Fachterminologie der Chatter und Surfer (»Tod 3.0«), das Personal kommuniziert über alle möglichen technischen Kanäle und Geräte, und dazu passend sind die erzähleri­schen Perspektiven gebrochen und variiert. Bis ins Layout reicht das Bestreben um Modernität: Emails, Postings und Chat-Beiträge ahmen im Druck das Styling von Facebook und Konsorten inklusive User-Icon nach. Ganzseitige Fotos bzw. -montagen bringen weitere optische Reize, doch gerade da stößt ein Ta­schen­buch an seine Grenzen: Wie alt sieht so ein Graustufendruck aus, wo doch jedes Billig-Handy einen Farbscreen hat ...

Die Kehrseite der angestrebten Zeitnähe ist die Zeitgebundenheit: Facebook ist bei der Jugend schon wie­der sowas von uncool, und in ein paar Jahren wird man über QR-Codes so mitleidig lächeln wie heute in der Rückschau über »Handy-Knochen«, Gameboy oder Graustufenpixel. Doch dieses Buch soll heute sei­nen Markt finden und hat mit Langzeitwirkung nichts im Sinn.

Betrachten wir also die Unterhaltungsqualitäten von »Deathbook«. Strukturiert in zehn »Episoden«, gibt es die Ereignisse von achtzehn aufeinanderfolgenden Tagen wieder. Die allermeisten Textpassagen sind her­kömmlich erzählt, so dass unterm Strich ein leicht verständlicher, tempo- und abwechslungsreicher, span­nender Krimi mit modernen Zutaten nicht nur für Technik-Freaks herausgekommen ist. Dass das Konzept des Kettenbrief-Mordens einer Kompatibilitätsprüfung mit der Realität nicht recht standhalten würde, sei mit der gelungenen Thrillerspannung verrrechnet.

Interessant ist Winkelmanns Figurenzeichnung. Die Leute, die im »Deathbook« enden, sind jung und hip; virtuos klimpern sie auf ihren Tablets und Laptops und surfen durch Software und Internet wie Fische im Wasser. Aber gleichzeitig sind sie oberflächlich, leichtgläubig, kopflos, teils fehlt ihnen das Gefühl von Ver­ant­wor­tung für ihr eigenes Tun. Darin ähneln sie leider vielen realen Kollegen, die – allen Daten­miss­brauchs­skan­da­len und Bedrohungen durch Spam, Trojaner, Phishing und Spyware zum Trotz – sich auf sozialen Netzwerken eifrig outen und bedenkenlos klicken, wo ein Voucher, Joke oder Thrill lockt. Dem­gegenüber erweist sich der nach allen Regeln der Kunst zu einem HiTech-Fanatiker aufgebaute Killer-Per­fektionist am Ende des Romans literarisch ganz konventionell als arme Seele.

Fazit: Wirklich innovativ ist dieser Roman gar nicht. Er bietet gute Unterhaltung nach bewährtem Thriller-Rezept und serviert sie lediglich mit modischem Dekor. Ironischerweise könnte man nach uralter Parabel-Konvention eine Moral an sein Ende stellen: Streckt der kesse Hase seine Lauscher zu weit aus dem Grase, dann freut sich der Jäger ...


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