Rezension zu »Opferzahl« von Arne Dahl

Opferzahl

von


Kriminalroman · Piper · · Gebunden · 439 S. · ISBN 9783492049689
Sprache: de · Herkunft: se

»Unergründlich sind die Wege des Teufels«

Rezension vom 10.07.2011 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der 1963 geborene schwedische Autor Jan Arnald ist den meisten Lesern unter seinem Pseudonym Arne Dahl bekannt. 1999 begann er seine Paul-Hjelm/A-Team-Reihe mit seinem ersten Krimi "Misterioso"; 2006 erschien der neunte Band "Eftersklav", der nun 2011 bei Piper unter dem Titel "Opferzahl" herausgegeben wurde. Der lange Zeitraum bis zur deutschen Übersetzung geht zu Lasten der Brisanz der Terrorismus-Thematik, die nach den Anschlägen am 7. Juli 2005 in London hochaktuell war, inzwischen aber literarisch etwas abgenutzt oder angestaubt wirkt. Überholt ist sie nicht: Die realen Gefahren sind derweil weltweit gewachsen, und der Terrorismus agiert noch immer allen Sicherheitssystemen stets einen Schritt voraus.

Ganz Stockholm ist entsetzt über den größten Anschlag seiner Geschichte. Kurz nach Mitternacht explodierte in der U-Bahn eine Bombe. Neun Menschen starben, zwei konnten schwer verletzt geborgen werden. In einer Kolumne der Abendzeitung gibt die Journalistin einen moralinsauren, zynischen Kommentar dazu ab: "Die altersgeile abendländische Gesellschaft verdient es, in die Luft gesprengt zu werden" (S. 12). Nach dem U-Bahn-Unglück in London ist man sich sicher, dass Schweden nicht außen vor bleiben werde und dass der Terrorismus nun auch hier angekommen sei. Nun gilt die höchste Alarmstufe, und man bringt sämtliche Polizeiabteilungen Stockholms an einen Tisch: die der Sicherheit, der Reichskriminalität, das A-Team. Der erfahrene Jan-Olof Hultin, mittlerweile Ruheständler, wird gebeten, als unabhängige Instanz die Koordination zu übernehmen. Kurzzeitig hatte man sogar erwogen, das Militär zu involvieren.

Das überragende zehnköpfige A-Team unter Leitung von Kerstin Holm beginnt mit den ersten Untersuchungen: Identifikation der Leichen, Suche nach Zeugen und erste Befragungen, Analyse der Zerstörungen des Waggons, Lage des Sprengstofffundes, Sitzordnung der Gäste, Gründe für ihre Fahrt und so fort. Leider bestätigt sich der Anfangsverdacht, der auf einem Anruf bei der Stadtteilpolizei Stockholm aufbaut: Eine bis dahin unbekannte islamistische Gruppe, "Die Heiligen Reiter von Siffin", bekannte sich darin in gepflegtem Englisch zur Tat und klagte den moralischen Werteverfall Schwedens, den Verlust des christlichen Glaubens und die Hurerei der Frauen an. Doch welche Bedeutung mag der Schlusssatz haben: "Senke den Blick. Das schärft das Bewusstsein und schenkt dem Herzen mehr Frieden" (S. 170)?

Bis ungefähr hierher hat Arne Dahl erst einmal den "Tisch gedeckt" und in Gemütsruhe eine ganze Reihe interessanter Personen vorgestellt. Neben dem A-Team ist da etwa ein Mann, der nach der Einnahme von rosa "Kill-Pills" zur Tötungsmaschine wurde – ein weiterer, der geklaute, unregistrierte Handys nur an Ganoven weiterverkaufte – eine Frau, die sich trotz schwerer Verletzungen und geschlossener Türen mit einer Harke befreien konnte – eine wichtige Augenzeugin, die leider unauffindbar ist – ein ehemaliger Astronaut, der als Obdachloser lebt und, vom Alkohol verwirrt, dunkle Wolken über den Köpfen der Menschen kreisen sieht; in jener Nacht hat er einen Mann beobachtet, der zur U-Bahn lief, dann aber doch nicht einstieg ...

Und dann serviert Dahl uns die einzelnen Gänge eines immer schärfer werdenden Menüs. In ruhigem, aber beständig ansteigendem Maße dreht er am Spannungsrad, steigert die Zahl der getöteten Opfer, gibt der Handlung Wendungen, verfolgt neue akribisch feine Spuren und Verdächtigungen und fesselt den Leser bis auf die letzten Seiten.

Im Nachhinein zahlt sich der vielleicht langatmig anmutende Anfang für den Gesamtverlauf der Handlung aus, ja ist geradezu unabdingbar. In all ihrer Komplexität werden die einzelnen Handlungsfäden, die in anderen Krimis zu einem Strang zusammenlaufen und einander ergänzen, bei Dahl erst einmal auseinander gezutzelt, und das kann nur deshalb so logisch überzeugend gelingen, weil Dahl jeden Mini-Schritt der Ermittler Dezimeter für Dezimeter pingeligst nachvollzieht.

Neben der gründlichen, mühseligen Polizeiarbeit lässt Dahl viel Privates aus der Truppe einfließen. Ein ehemaliger Polizist liegt seit einem Jahr im Koma, ein anderer ist homosexuell, ein weiterer an Krebs erkrankt, und natürlich gibt es ein Pärchen unter den Kollegen, die nach einer Krise am Schluss des Romans einen Neuanfang starten.

Lassen Sie sich auf jedes Detail dieses perfekt konstruierten Krimis von Anfang an ein – ich bin mir sicher, Sie werden mir am Schluss zustimmen: "Opferzahl" ist Arne Dahls bisher bester Roman.

P.S.: Arne Dahl erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. zweimal den Deutschen Krimipreis und den Dänischen Krimipreis.


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