Rezension zu »Banditenliebe« von Massimo Carlotto

Banditenliebe

von


Kriminalroman · Tropen · · Gebunden · 187 S. · ISBN 9783608502091
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Norditalien

Osteuropäische Mafiaclans erobern Italien

Rezension vom 11.07.2011 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wahre Liebe ist das Leitmotiv, das den neuesten Roman des erfolgsverwöhnten italienischen Krimiautors Massimo Carlotto durchzieht.

Im Oktober 2006 wird Sylvie, die Freundin des Ex-Knackis Beniamino Rossini, direkt von der Straße weg, aber ohne Aufsehen zu erregen, in einen Lieferwagen verfrachtet und entführt. In ihrem Auto findet man unter dem Fahrersitz einen dicken Siegelring.

Zwei Jahre zuvor verschwanden aus dem Rechtsmedizinischen Institut mehrere Kilo Heroin und andere Betäubungsmittel. Alles war in einem Raum gelagert, der nur mit Code und Sicherheitskarte zugänglich war. Da die Tür nicht gewaltsam geöffnet wurde, mussten die Täter also mit einem Insider zusammengearbeitet haben. Man munkelte, die Drogen seien schnell ins Ausland geschafft worden. Verdächtige Kosovaren waren nur kurz in Haft, und die Akten wurden schnell geschlossen.

Marco Buratti, der Ich-Erzähler, und sein Kumpel Max la Memoria kennen sich aus langen gemeinsamen Jahren im Gefängnis. Nun sind sie um die fünfzig, betreiben ein kleines Szenelokal und nehmen schon mal Gefälligkeitsjobs als Privatermittler an, auch wenn ihnen die Lizenz dazu fehlt.

Einen Monat nach dem spektakulären Drogenraub betritt ein unbekannter Mann mit fettem Siegelring das Lokal und fragt nach dem "Alligator", Marco Buratti. Er hat einen Top-Auftrag für ihn: Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Rauschgiftraub. Marco will mit Drogen nichts zu tun haben und lehnt kategorisch ab. Doch der Fremde lässt sich nicht so leicht abwimmeln, legt Dynamit vor die Eingangstür, fackelt Marcos geliebte Felicia, seinen Skoda, ab, und nachdem er zum dritten Mal mit weiteren Geldbündeln auftaucht, reicht es Marco. Er schlägt ein, sie vereinbaren ein Treffen außerhalb von Mestre, und dort macht der Dritte im Team, Rossini, kurzen Prozess mit dem Typen: Er knallt ihn ab, sie verscharren ihn und hinterlassen seinen Siegelring im Auto als klare Todesbotschaft für die Hintermänner. Damit haben die drei einen folgenschweren Fehler begangen, für den nun Sylvie Unvorstellbares erleiden muss.

Unterstützt von seinen Freunden muss Rossini nun seine Liebste wiederfinden und aus den Klauen der Entführer befreien. Ein tödlicher Rachefeldzug beginnt.

Nach einem starken, emotions- und spannungsgeladenen Anfang hat der Roman nach der Hälfte seinen Höhepunkt erreicht, und der Bogen läuft nun gleichmäßig bis zum Ende aus. Über Spitzel, korrupte Polizisten und Anwälte erhalten Marco & Co. - natürlich immer nur mit Gegenleistung - Tipps mit Namen und Adressen, geraten an die osteuropäische Mafia, die Nordostitalien fest in ihrer Hand hält. Die Beschreibung der Strukturen, der Machtkämpfe, der kriminellen Taten sind erschütternd. Massimo Carlotto hat seinem fiktionalen Text bewusst einen kräftigen gesellschaftskritischen Anstrich gegeben, denn seit Europa barrierefrei ist, vernetzen sich die von Osten kommenden Banden immer enger, um ihre lukrativen Geschäfte mit Immobilien, Drogen, Müllentsorgung, Geldwäsche, Korruption u.a. systematisch auf- und auszubauen.

Dass die Handlung manch logische Schwäche aufweist, dass das Motiv der Entführung recht primitiv ist und dass die drei Pseudoermittler richtige Anfängerfehler machen, sollte man dem Autor nicht zu negativ ankreiden. Denn Ausgleich findet man in dem oft humorvollen, ironischen, lockeren Sprachstil des Autors. Das sympathische Trio hat das Herz am rechten Fleck - nicht nur, wenn es um die Liebe zum weiblichen Geschlecht geht; sie überzeugen mit ihrer durch nichts zu erschütternden Freundschaft, in der jeder den Kopf für den anderen hinhalten würde.

Mit manchen Abstrichen ist "Banditenliebe" (Originaltitel: "L'Amore del Bandito") eine dennoch lohnende Lektüre.

P.S.: Massimo Carlotto, 1956 in Padua geboren, wurde als Sympathisant der extremen Linken 1970 zu Unrecht wegen Mordes verurteilt. Nach 5-jähriger Flucht und einer 6-jährigen Gefängnisstrafe wurde er 1993 begnadigt. In seinen Krimis um den "Alligator" Marco Buratti findet sich manch Autobiografisches aus den bitteren Lebensjahren seiner Vergangenheit.


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