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Rezension zu »Verflucht sei Dostojewski« von Atiq Rahimi

Verflucht sei Dostojewski

von


Belletristik · Ullstein · · Gebunden · 288 S. · ISBN 9783550088896
Sprache: de · Herkunft: fr

Auf der Suche nach der verlorenen Sühne

Rezension vom 27.02.2013 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Als sein Beil den Schädel der Wucherin zerteilt hat, ist es zu spät für Reue, schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Dem, der den Schlag ausgeführt hat, schießt der Gedanke an das Schicksal Raskolnikows durch den Kopf. Hätte er Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe" nicht gelesen, wäre er zu dieser Tat nie fähig gewesen.

Der Mörder ist 27 Jahre alt und heißt Rassul. Sein Vater, überzeugter Kom­mu­nist, hatte ihn zum Studium in die Sowjetunion nach Sankt Petersburg geschickt. Dort hatte Rassul die russische Literatur kennengelernt, und Dostojewski hatte seine besondere Wertschätzung gewonnen. Nun aber hat sich das Blatt gewendet: "Verflucht sei Dostojewski!"

Der Schauplatz des Romans von Atiq Rahimi ist die Stadt, in der er 1962 geboren wurde: Afghanistans Hauptstadt Kabul. Doch wir sind nicht in unserer Gegenwart, sondern in der nicht minder unruhigen Phase am Ende der achtziger Jahre. 1979/1980 waren sowjetische Truppen einmarschiert, um die kommunistische Regierung zu stärken. Darauf folgten zehn Jahre blutigen Widerstands, der von diversen islamischen Kampftruppen ("Mudschaheddin") angeführt und durch die USA, Saudi-Arabien und weitere Staaten finanziell und durch Waf­fen­lie­ferun­gen unterstützt wurde. Als die Sowjetarmee 1988/1989 abzog, hinterließ sie ein Land ohne funk­tions­fähige Regierung. Im Machtvakuum bekriegten sich nun die riva­lisie­ren­den religiösen Gruppen untereinander. Wir wissen, dass schließlich die funda­men­talisti­schen "Taliban" ihren Gottesstaat durchsetzen werden.

Aber so weit ist es noch nicht. Der Bürgerkrieg tobt; kaum ein Tag vergeht ohne Granatbeschuss, Explosionen, Schwer­ver­letzte und Tote. Verbindliches Recht gibt es nicht; gerichtet wird nach der Scharia.

In diesem Chaos vollzieht sich Rassuls Schicksal, das nicht nur wegen der ähnlich klingenden Namen an Dostojewskis Meisterwerk erinnert: Rassul und Raskolnikow sind verarmte Studenten mit gesell­schaft­lich privilegierter Herkunft; Rassul ist in Suphia verliebt wie Raskolnikow in Sonja. Beide befreien die Geliebte, indem sie einen "gerechten Mord" verüben. Beide übermannt danach tiefe Verzweiflung und die Sehnsucht, von einem Richter verurteilt zu werden. Doch Atiq Rahimi transferiert das berühmte Vorbild und seinen moralischen Konflikt in einen restlos anderen Kulturkreis, wo in einem desolaten Land die Problematik um Verbrechen, "Schuld und Sühne" (wie der Titel früher übersetzt wurde) geradezu absurde Züge annimmt. Hier kann der Suchende keinen Halt, keine Orientierung finden und verliert sich schließlich selbst.

Rassul glaubt, seine Suphia sei in den Händen einer Kupplerin und Wucherin gefangen und werde von ihr zur Prostitution gezwungen; die Alte zu erschlagen ist der Ausweg, den er wählt. Doch statt der erhofften Befreiung erwarten ihn Höllenqualen. Traumatisiert von seiner Tat - der Schock hat ihm die Sprache genommen - schließt er sich in seinem winzigen, karg eingerichteten Zimmer ein. Gesellschaft leisten ihm dort allein seine russischen Lieblingsbücher. Sie verstärken noch seine Isolierung, machen sie ihn doch ebenso wie seine Rus­sisch­kennt­nisse verdächtig, mit den verhassten Invasoren in Verbindung zu stehen.

Grauen­erregen­de Albträume schrecken ihn des Nachts auf. Dann irrt er durch Kabuls von Bomben­trichtern zerwühlte Gassen, kehrt in Teehäuser ein, wo er sich im Haschischrauch benebelt und den mysteriösen Ausführungen des Koranpredigers kaka Sarwar lauscht. Rassul, der weder Moslem noch Ungläubiger ist, erkennt seine innere Leere. Er stellt sich Fragen über Fragen, findet aber trotz kaka Sarwars Hilfestellung keine Antworten. Man philosophiert über Weisheit, die mit der Erkenntnis, dass man nichts weiß, beginnt. Wie steht es um Hochmut, Stolz, Ehre und Würde? Was sind des Moslems Pflichten? Das Blut des Vaters, der Familie wiegt schwerer als alles andere. Ein Sohn muss den Tod des Vaters rächen, er muss die Ver­ant­wor­tung für seine Mutter und Geschwister übernehmen. Doch Rassul hat mit seiner Familie gebrochen; es ist ihm geradezu gleichgültig, dass der Vater, der sich für die Armen eingesetzt hatte, von einem hungernden Gauner für etwas Geld ermordet wurde.

Rassul gehört nirgendwo hin. Er fühlt, dass er wie ein Geisteskranker wirken muss, und seine Umwelt - etwa Cousin Razmodin, der sich um ihn bemüht - versteht ihn nicht mehr.

Und Rassul versteht die Welt nicht mehr. In seinem Land gelten Töten, Stehlen und Vergewaltigen zwar als schlimme Verbrechen, aber sie sind nichts gegen das schwerste aller Verbrechen: den Verrat - an Allah, dem Vaterland, dem Clan, der Familie, den Freunden. Als Rassul sich beim Staatsanwalt stellen will und darum bettelt, verurteilt zu werden, weist ihn der Gerichts­schreiber ab, denn er hat dringlicheren An­ge­legen­hei­ten nachzugehen: "Eine Kupplerin zu töten ist in unserer hochheiligen Justiz kein Ver­brechen." Rassuls kafkaeske Qualen können hier kein Ende finden.

Rahimis Roman will nicht unbedingt ein realitätsnahes Abbild des Alltagslebens in Afghanistan vermitteln, sondern eher die Entwurzelung seiner Bewohner im jahr­zehnte­langen Chaos radikaler Umbrüche. Dazu dient ihm - neben der kühnen literarischen Paralleli­sierung und Kontrastierung mit der Vorlage aus dem 19. Jahrhundert - ein eindringlicher Sprachstil mit ständigem Wechsel zwischen dialogischen Szenen und Passagen innerer Handlung bzw. Monologe, die die hektischen, fast wahnhaften Sehnsüchte des Pro­ta­gonis­ten nach­voll­zieh­bar machen. Die verwirrenden, bisweilen ins Absurde führenden philo­sophi­schen Exkurse regen ebenso zum Rätseln an wie die immer wieder auftauchende Frau im himmelblauen Tschaderi: Ob in Kabuls Gassen oder in Rassuls Träumen - Rassul bekommt sie nicht zu fassen; sie entschwindet, verwandelt sich in Suphia.

Atiq Rahimi lebt schon seit 1984 in Frankreich und schrieb "Maudit soit Dostoïevski" Atiq Rahimi: 'Maudit soit Dostoïevski' bei Amazon (2011) auf Französisch (Lis Künzli hat das Original ins Deutsche übersetzt.). Sein dritter Roman "Stein der Geduld" Atiq Rahimi: 'Stein der Geduld' bei Amazon ("Syngué sabour - Pierre de patience" Atiq Rahimi: 'Syngué sabour - Pierre de patience' bei Amazon ) wurde 2008 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

P.S.: Um dieses Buch mit Genuss zu lesen, braucht man Fjodor Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" überhaupt nicht zu kennen; es gelesen zu haben eröffnet aber tiefere Einblicke. Umgekehrt verlockt vielleicht die Lektüre von Rahimis Roman zum Lesen des russischen Klassikers, in dem die Welt noch klar geordnet war ...


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