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Rezension zu Christoph Ransmayr: »Cox oder Der Lauf der Zeit«

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Cox oder Der Lauf der Zeit

Belletristik · Fischer · · Gebunden · 304 S. · ISBN 9783100829511
Sprache: de · Herkunft: de

Bewertung: 5 Sterne
Herrscher über die Zeit

Rezension vom 11.03.2017 · 9 x als hilfreich bewertet · mit 2 Kommentaren

James Cox war nie in China. Die Manufakturen des umtriebigen Londoner Uhrmachers (1723-1800) pro­du­zierten mecha­nische Meister­werke wie bewegte Vögel und repräsen­tativ verzierte Zeit­messer, die beim europä­ischen Adel gut ankamen. Ganze Schiffs­ladungen seiner Kreationen reisten aber auch an den kaiser­lichen Hof in Běijīng und sind dort noch heute ausgestellt. Der wage­mutige Unter­nehmer mit wechsel­haftem Schicksal inspirierte den öster­reichi­schen Schrift­steller Christoph Ransmayr zu einem packenden Roman, der Abenteuer, Exotik und ein drastisches Bild der chinesischen Gesell­schaft der Zeit mit einer philo­sophisch über­höhten, anregenden Inter­pretation dessen verbindet, was geniale Erfinder wie Cox zu erschaffen vermochten und die Allmachts­fantasien ihrer Auftrag­geber anstachelte.

Cox, bei Ransmayr mit dem Vornamen Alister fiktionalisiert, gebietet wie sein Vorbild James über ein Heer von 900 Fein­mechanikern, Juwe­lieren, Gold- und Silber­schmieden in seinem boomenden Unter­nehmen Cox & Co mit Hauptsitz in London und etlichen Werk­stätten. Schon während der Meister­aus­bildung in Manchester hatte Cox mit der Erschaf­fung einer »Himmels­uhr« sein einzig­artiges Talent bewiesen. Dieses Wunder­werk, eher ein Heilig­tum als ein Mess­instru­ment, lässt die britische Ost­indien­kompanie dem chinesi­schen Kaiser Qiánlóng als Geschenk zukommen, auf dass er den englischen Handels­gesell­schaften in ihrem Bestreben, sich neue Märkte im Fernen Osten zu erschließen, wohlge­sonnen sei.

Das Präsent fällt auf fruchtbaren Boden. Wie seine europä­ischen Kollegen ist Qiánlóng ein leiden­schaft­licher Sammler. Mit einem gewich­tigen Unterschied: Er ist Gottkaiser, »Herr über Himmel und Erde«, dessen Macht und Mittel keine Grenzen kennen; sein Wille ist ehernes Gesetz. Daher erfreuen sich seine Augen an der umfang­reichsten Kollektion pompös verzierter Chrono­meter und ausge­fallener Auto­maten, die mit Nachti­gallen­stimme die Stunden verkünden oder auf silber­nem Wasser zu gleiten scheinen. Der Wunsch des Kaisers, den Schöpfer solcher Wunder­werke an seinen Hof einzu­laden, ihm Zugang in die »Verbotene Stadt« zu gewähren, ist Befehl, ruft aber auch Verwun­derung hervor. Doch derlei Fragen dürfen nicht einmal gedacht werden; ausge­sprochen, würden Tausende offene Ohren den Frevel vernehmen und im gedrun­genen Flüsterton weitergeben. Wird ein solcher Schwätzer entdeckt oder denunziert, erwartet ihn eine uner­schöpf­liche Auswahl an Folter­qualen, von denen ihn erst ein möglichst lange hinaus­gezögerter Tod erlöst. Zuerst wird seine Zunge herausge­schnitten, dann vielleicht flüssiges Eisen in seinen Hals gegossen.

Als kaiserliche Gesandte aus China die Einladung in London über­bringen, ist Alister Cox gerade am Boden zerstört. Eine Krankheit hat ihm das Liebste, seine fünf­jährige Tochter Abigail genommen, seine geliebte, wesentlich jüngere Ehefrau Faye war verstummt, hat sich in ihre eigene Welt zurück­gezogen. Cox erwartet und wünscht nichts mehr im Leben, als er in dieser trost­losen Lage die Worte des Dol­metschers nur von Ferne vernimmt. Hofft »der traurigste Mann der Welt«, indem er die Heraus­forderung annimmt, auf eine Ent­scheidung des Schicksals, das ihn in den schwarzen Tiefen des Ozeans seinen Frieden finden lasse?

Eine Ewigkeit von sieben Monaten ist Cox mit seinen drei fähigsten Mitarbeitern unterwegs. Das Segel­schiff gleicht einer Arche Noah mechanischer Kreaturen aus Silber und Gold, verziert mit Edel­steinen: Spiel­zeuge für den Himmels­sohn.

Was für eine radikal andere Welt als im aufgeklärten Westen die begnadeten Fein­mechaniker erwartet, verdeut­licht ihnen gleich ihre Ankunft in der Bucht von Háng zhōu auf drastische Weise. Kein roter Teppich rollt ihnen entgegen, sondern das rote Blut abge­schlage­ner Steuer­betrüger-Nasen vom Richtplatz. Den Neu­ankömm­lingen wird der Dol­metscher Joseph Kiang zur Seite gestellt, auf dass er ihnen dieses Univer­sum, voll­ständig abhängig von der Willkür des maß­losen Allein­herrschers, erkläre und folgen­schwere Fehltritte erspare. Selbst die Sinnes­wahr­neh­mung der Untertanen regle­mentiert der Aller­höchste. Ihnen soll möglichst alles auf ewig verborgen bleiben, so wie der Kaiser selbst seinem Hofstaat ein »Unsicht­barer« ist. Schon ein Augen­auf­schlag auf etwas »Uner­wartetes« gilt als Sakrileg und muss grausam geahndet werden, indem etwa eine »Gaffer­schere« mitten in beide Augäpfel gestoßen wird.

Cox fröstelt nach diesen ersten Impressionen, und mehr noch, als Joseph Kiang ihm des Kaisers Auftrag erläutert. Er wolle »kein Spielzeug«, sondern »Ihren Kopf«. Er möchte sich Kreativität, Fantasie, Leistungs­fähigkeit und Kunst­fertig­keit der Engländer zu Diensten machen, um sich auch zum absoluten Herrscher über die Zeit aufzu­schwingen. Die Langnasen sollen für ihn »Mühlen für den Lauf der Zeit« erschaffen, Maschinen, die nicht nur das Vergehen der Zeit messen, sondern das Empfinden von Zeit erfassen, etwa die Lebens­zeit eines Kindes, eines Liebenden, eines Ster­benden spürbar machen.

Bei der Planung der Zeituhr eines Kindes kehren Cox' schmerz­volle Erinne­rungen anAbigail zurück. Doch die Vor­stellung dieses »jenseits aller Räume und Zeiten ruhenden Kindes« erhebt Cox beim Bau der Uhr über seinen alles wollenden Auftrag­geber. Da die Zeit eines Kindes wellen­förmig an- und ab­schwellend vergeht, erstellt Cox ein »Silber­schiff«, eine Wind­uhr mit einem Segel als Energie­quelle, eine verspielte Dschunke für seine Tochter.

An die Grenzen seiner Bereitschaft, sich dem kaiserlichen Willen zu unterwerfen, führt Cox dessen nächster Auftrag, eine Uhr zu erfinden, die die Zeit­empfin­dung eines Todge­weihten erfasst, eines Menschen, der seinen Todes­zeitpunkt kennt, in Todes­angst um Gnade bettelt. Dazu müsste Cox die Verur­teilten in ihren stinkenden, düsteren Verliesen aufsuchen, sie befragen und Anschauungs­material sammeln. Cox protestiert, doch Kiang, der auch immer um sein eigenes Leben fürchten muss, lässt keinen Zweifel daran, dass allein der Wille des »Erhabenen« gilt.

Den ultimativen Anspruch, sich über den Lauf der Zeit zu erheben, stellt der Kaiser mit dem Auftrag, eine Uhr für die Ewig­keit, ein Perpetuum mobile zu konstru­ieren. Darin erkennt Cox erstmals eine gewisse Seelen­verwandt­schaft. Und wo sonst als an diesem Ort uner­mess­licher Ressourcen und unbe­grenzter Möglich­keiten könnte ein solches Werk, nach dem alle Uhrmacher, Mechaniker und Physiker der Welt seit Langem streben, Wirklich­keit werden? Anderswo unvor­stellbare »einhundert­neunzig Pfund Queck­silber«, kalkuliert Cox, könnten Luft­druck­schwan­kungen messen und zum ewigen Antrieb einer atmosphä­rischen Uhr nutzen.

Doch der Meister muss auch erkennen, welchen Preis die Hybris fordert. Den Schöpfer eines Werkes, das dauer­hafter als die Zeit selbst ist, kann der Kaiser als »Herr über die Zeit« niemals tolerieren. Joseph Kiang warnt die Engländer mit unge­wohnt leiden­schaft­lichem Nach­druck, dass mit dem letzten Hand­griff, der die zeitlose Uhr voll­endet, ihre letzte Stunde ange­brochen wäre. Cox, wiewohl an seine eigene Endlich­keit erinnert, hat keine andere Wahl, als den kaiser­lichen Auftrag zu erfüllen, kann aber immer­hin Einfluss nehmen, die Zeit beschleu­nigen oder verlang­samen und nach einem Ausweg aus der prekären, tödlichen Sack­gasse suchen.

Christoph Ransmayr ist ein faszinierender, stofflich ausge­fallener, meister­lich erzählter und fein­geisti­ger Roman gelungen, der selbst mit der Präzision eines Uhrwerks tickt – ohne Dialoge, manch­mal als sach­licher Reise­bericht, bisweilen auch voller Poesie und Spiri­tualität. Der mit grau­samer Allmacht herr­schende Kaiser, im »Palast der himm­lischen Harmonie« allen Blicken enthoben, ist gleich­wohl selbst ein Gefan­gener der Rollen und Rituale. Trotz 41 Ehefrauen, 3000 Konkubinen und einer Schar will­fähriger Eunuchen, Schranzen und Berater zu seinen Diensten ist er klein und allein. Hinter seiner unnah­baren Maske verbirgt sich der Mensch Qiánlóng, ein Mann von 42 Jahren, der Gedichte verfasst, mit großem Pinsel vergäng­liche Schrift­zeichen auf heißen Stein kalli­graphiert, Cox' mecha­nische Wunder­werke wie ein spielendes Kind bestaunt. Und auch das Genie Cox ist keine Maschine, sondern ein beseelter Mensch. Aller­dings ist es ausge­rechnet die Kindfrau An, die ihn zu neuem Leben erweckt – des Kaisers liebste Konkubine.


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von Christoph Ransmayr
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Kommentare

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Zu »Cox oder Der Lauf der Zeit« von Christoph Ransmayr wurden 2 Kommentare verfasst:

Christoph schrieb am 01.08.2017:

Ich fand den Einstieg in das Buch sehr anstrengend, weil ich die meist sehr langen und ineinander verschachtelten Sätze stets mehrmals lesen musste, bis ich deren Inhalt verstanden hatte. Letztendlich habe ich mich durchgebissen. Im Schulnotensystem wäre der Historienroman eine glatte 3. In einer bemühten Sprache wird versucht ein Buch von der Klasse eines Medicus als Literatur zu verkaufen. Gerne hätte ich noch viel mehr über den Uhrmacher Cox erfahren, und wenn sich z. B. T.C. Boyle dem gleichen Thema angenommen hätte, wäre dies bestimmt der Fall gewesen. Nicht dass ich ihn für einen großen Literaten halte, aber er schreibt definitiv unterhaltsamer als Ransmayr.

Elisabeth Wagner schrieb am 13.10.2017:

Sehr mühsame Lektüre. Wiederholungen ohne Ende. Ausmalung der Grausamkeiten aber nicht des allgemeinen Lebens in China. Liest sich wie hinter Glas. Soviel Papier für diesen Kaiserhof und seine Perversitäten. Die Bemerkungen und Implikationen über die die Zeit sind banal und höchstens Allgemeinwissen.

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