Rezension zu Caterina Emili: »Il volo dell'eremita«

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Il volo dell'eremita

Belletristik · Edizioni e/o · · Taschenbuch · 158 S. · ISBN 9788866328216
Sprache: it · Herkunft: it

Bewertung: 4 Sterne
The fool on the hill

Rezension vom 07.03.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Vittore Guerrieri muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Vor zehn Jahren hat er sich in Ceglie Messapica (Provinz Brindisi) nieder­gelassen, und das lebhafte apulische Städtchen ist ihm mit seinen liebens­werten Einwohnern und dem reiz­vollen Umland zur geliebten Heimat geworden. Seinen Lebens­unterhalt verdient der allein­stehende Fünfzig­jährige, indem er das hervor­ragende Olivenöl der Gegend europa­weit vermarktet und ausliefert. Reich ist er davon nicht geworden, aber das Wenige, das er sich wünscht, um sein Leben zu genießen, kann er sich gönnen: eine kleine Wohnung mit Terrasse an der Piazza, leckeres Essen, viel Zeit mit den Freunden in der Bar.

Nicht immer war Vittores Leben so sorglos. Seine Mutter zog ihn in Morcella, einem Dorf in Umbrien, unter beschei­denen Bedingungen ohne Vater groß, mit sechzehn verließ er die Region für immer und schlug sich alleine durch. In seiner fins­ters­ten Phase verfiel er dem Glücks­spiel, doch er überwand sie, ernüch­terte, besann sich, suchte sich eine neue Umgebung, wo er Wurzeln schlagen könnte. Ceglie nahm ihn mit offenen Armen auf. Morcella und Umbrien verschwanden spurlos aus seinem Bewusst­sein.

Bis ihn eines Tages ein Telefonat von dort erreicht. Eine Maklerin hat ihn aus­findig gemacht, um ihn zu infor­mieren, dass jemand la sua casa in Morcella kaufen wolle. Die Ausländer böten einen guten Preis. Vittore, dem Geld nicht viel bedeutet, bleibt gelassen. Nicht aber sein bester Freund Mario, »bravo amico e protettore della mia pigra genero­sità, [...] che lui proprio non riesce a capire«. Als die Sache ungewollt in der Bar publik wird, schwillt Vittores Status gewaltig an – mit einer Immobilie im Rücken und einem Vermögen in Aussicht nimmt der sym­pathi­sche, aber von Irgendwo Zuge­zogene auf einmal kon­kretere Gestalt an und wird zum Objekt uner­sätt­licher Neugier. Die kann er selbst jedoch nicht besser als die anderen befriedigen, denn an das bescheidene Häuschen seiner Kindheit erinnert er sich kaum und weiß schon gleich nichts über seinen heutigen Zustand und Wert. Mario über­nimmt spontan das Ruder, verkündet publikums­wirksam, Vittore ins unbe­kannte Umbrien (für Apulier eine Hinter­wäldler­gegend) begleiten und dafür sorgen zu wollen, dass der etwas welt­fremde Freund sich nicht über den Tisch ziehen lässt, und alle Kumpane in der Bar sind begeistert und voller Vorfreude, was sie anschließend an abend­füllenden spannenden Erzählungen erwarten wird.

So startet man bald gen Nordwest, drei Männer in einem alten Liefer­wagen: »Io, Vittore, girovago alla ricerca di un'eredità. Mario, sarto panta­lonaio, assatanato di slot machine«, und, zu aller Über­raschung, »il Professore, insegnante in pensione, che per la prima volta in vita sua varca i confini della regione.« Schon während der Fahrt schafft die Kon­stella­tion konträrer Persön­lich­keiten amüsante Episoden, wenn der »professore«, eine wan­delnde Enzyklo­pädie der Kulturen und Künste, dem prag­matischen, ver­fresse­nen, unge­duldi­gen, ruppigen Mario mit detail­verliebten Vorträgen auf den Keks geht oder letzterer sich im Autogrill den Magen vollschlagen will, während der spindel­dürre, geizige Rentner genügsam im Auto bleibt oder sich allenfalls mit minestrina in brodo oder pasta in bianco bescheidet.

Wie zu erwarten gestaltet sich die Immobilien­transaktion kompliziert und erfordert noch weitere Fahrten zwischen Ceglie und dem rustikalen umbrischen Hinter­land. Wie Vittore nach und nach erfährt, steht ein Anteil am mütter­lichen Häuschen einem zwie­lichti­gen Onkel zu. Der wurde jedoch brutal ermordet, wodurch sein Erbteil – zusam­men mit einem statt­lichen, wenn auch kitschig aus­staffier­ten Villen­anwesen – auf seinen Sohn Volendo überging. Um das Erbe wie auch immer nutzbar zu machen, muss Vittore sich mit Volendo arran­gieren. Doch der hat sich schon vor einigen Jahren aus dem sündigen Welt­treiben verab­schiedet, um ein Gott gefälliges Leben als Eremit in der Wildnis der umbri­schen Berg­wälder zu führen. Als Vittore ihn endlich aufspürt, trifft er auf »una specie di uccello umano in camiciotto azzurro: braccia lunghissime, sterno carenato come quello d'un pollo, due occhi tondi e arrossati, un naso sottile e adunco« – ein Fool on the Hill, mit dessen schrägen Ansichten sich der nüchterne Prag­matiker nun intensiv herum­schlagen muss.

Mit zio Silvano, Volendo und Don Antonio Noica, einem Priester aus Amelia, der die ver­streuten Ein­siedler betreut, bereichert die Autorin ihr Personen­kabinett um weitere originelle Exemplare, deren Kauzig­keit und Rätsel­haftig­keit bestens unter­halten. Silvanos krimi­nelle Ver­gangen­heit, die Umtriebe rumä­nischer Banden und diverse Verdachts­momente, wie dieser und jener darin verwickelt sein könnte, machen Lust zum Mitraten und sorgen für (milde) Spannung.

Was mir größtes (und durchgehend anhaltendes!) Vergnügen beim Lesen bereitete, ist Caterina Emilis Art zu erzählen: der warm­herzige Ton, der gefällige, aber keines­wegs triviale Stil, die zahl­reichen Erläu­terun­gen zu Land­schaft, Geschichte, Kultur, Sehens­würdig­keiten und leckeren Gerichten der Schau­plätze in Apulien und Umbrien. Aus ihnen spricht nicht nur die Liebe der Autorin für diese Gegenden, sondern sie können den Leser tat­säch­lich zu gezielten Aus­flügen reizen und begleiten.

So ist dieses Buch eine ideale, uneinge­schränkt empfehlens­werte Urlaubs­lektüre sowohl für eine Reise an die Küsten im südlichen Apulien als auch in die uralte Kultur- und Naturlandschaft des südlichsten Umbrien.


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»Il volo dell'eremita«
von Caterina Emili
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