Rezension zu »Zum Leben verdammt« von Daniel Woodrell

Zum Leben verdammt

von


Der deutschstämmige junge Einwanderer Jake Roedel schließt sich zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs in Missouri einer Gruppe von konföderierten Freiheitskämpfern an, die bald zu blutrünstigen Gewalttätern verkommen. Jake bewährt sich als harter Kämpfer und loyaler Kamerad, bis ihn eine besonders gnadenlose Aktion zur Besinnung bringt.
Historischer Roman · Liebeskind · · 272 S. · ISBN 9783954380947
Sprache: de · Herkunft: us

Im Blutrausch des Civil War

Rezension vom 01.11.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das gelobte Land – Freiheit, Sicherheit und ein wenig Wohlstand – suchte die deutsche Winzerfamilie Rödel, als sie nach Amerika auswanderte. In Missouri fand sie gutes Land und konnte voller Optimismus in die Zukunft schauen. Doch bald überrollt sie die Unerbittlichkeit der Geschichte und bringt Sorgen, Leiden und Tod über sie.

Im Mittelpunkt dieses schonungslos erschütternden Romans – »In solchen Zeiten steht Traurigkeit in voller Blüte.« – steht der achtzehnjährige Sohn Jakob (»Jake«), der in die Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs gerät. Als Ende 1860 mit Abraham Lincoln ein (wenn auch moderater) Gegner der Sklaverei zum Präsidenten gewählt wird, ist für die südlich gelegenen Staaten, darunter Missouri, das Maß der lange schwelenden Unzufriedenheit voll, und die meisten von ihnen (die »Konföderierten«) verlassen umgehend die Union. Im April 1861 beginnen die militärischen Auseinandersetzungen und werden erst vier Jahre später enden.

Die Verbitterung zwischen den verfeindeten Lagern der amerikanischen Bevölkerung ist jedoch so tiefgreifend, dass sich auch Zivilisten zu Freischärlergruppen zusammenschließen, um abseits der Armeen auf eigene Faust für ihre Sache zu kämpfen. Auch Ich-Erzähler Jake, »ein Mann des Südens«, fühlt sich als »Freiheitskämpfer«, als er sich voller Begeisterung den Bushwhackers (»Strauchdiebe«) anschließt, bereit, in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter sein Leben für die »Gerechtigkeit« aufs Spiel zu setzen. Was ihn erwartet, ist ein grausamer Kampf Mann gegen Mann, Auge um Auge. Man attackiert hinterhältig Einheiten der überlegenen Armee der Nordstaaten (»Yankees«), metzelt Gruppen der gegnerischen Guerillakämpfer (»Jayhawkers«) nieder und malträtiert sogar die Zivilbevölkerung.

Jakes Truppe besteht aus einundzwanzig Jungmännern, immer hungrig und oft von billigem Fusel betäubt, manche noch keine siebzehn. Sie sind schaurig-schrecklich kostümiert (»grausige Eleganz«, »Rebellenlocken«) oder tragen yankeeblaue Tarnuniformen, um die versprengt lebenden unionstreuen Farmer in Sicherheit zu wiegen, ehe sie sie massakrieren. Besonders Deutschstämmige gelten als Unionists und sind daher in größter Gefahr. Dann fackelt Black John Ambrose, der Anführer der Gruppe (eine historische Figur), nicht lange. »Zieht ihm den Hals lang … Ein gottverfluchter Deutscher weniger.«

Jake ist bewusst, dass er als »Sauerkrautfresser« nur geduldet ist, und er weiß, warum ihn stets aufmerksame Blicke begleiten. Als man gerade einen deutschen Familienvater aufgeknüpft hat, zieht Jake demonstrativ den Revolver und erschießt hinterrücks den kleinen Sohn des Toten. »Aus Welpen werden Hunde … Und Hunde gibt es schon genug«, kommentiert er seine Tat. Und Black John erklärt dazu feierlich, er sei »ein seltenes Exemplar eines Deutschen«. Doch andere Gefährten rümpfen die Nase, »als sei ich etwas, das die Schweine ausgekotzt haben«. In der eigenen Truppe vielleicht noch stärker gefährdet ist Daniel Holt, ein freigelassener Sklave und Jake in Freundschaft verbundener Schwarzer, der sich fein still hält. Schnell kann der Wind sich drehen, und schon baumelt auch der Nigger am nächsten Ast.

Was diese Draufgänger, egal auf welcher Seite sie stehen, vorantreibt und in Kameradschaft zusammenschmiedet, ist längst nicht mehr der anfängliche Idealismus. Der ist im alltäglichen Blutrausch verflogen. Jetzt ist die pure Lust am Brandschatzen, Plündern, Hängen, Abschlachten und Zerstückeln des Feindes zum einzigen Sinn und Zweck eines ruhelosen Vagabundenlebens geronnen. Dass selbst im Krieg gewisse Regeln gelten, ignorieren die Männer. Ehre, Moral, Toleranz und Menschlichkeit sind ihnen unbekannte Fremdwörter. Langsam überkommen Jake Zweifel an der Richtigkeit seines Weges – und doch fühlt er sich von einer unbekannten inneren Macht mitgerissen: »Wenn das Gefecht begann und mir das Blut in die Gliedmaßen schoss, geschahen Dinge mit mir, und ich gehorchte ihnen.«

Dass sie Unschuldigen ihr Leben rauben, nehmen alle wie selbstverständlich in Kauf, wie auch das hinter jedem Busch lauernde eigene Ende. Der abgebrühte Jake gerät in die Salven der Nordstaatler-Miliz, doch im Kugelhagel verliert er nur den kleinen Finger seiner linken Hand – ein »ziemlich nutzloses Ding«, wie er findet. Harte, tatenlose Winter und gnadenlose, Tod bringende Sommer müssen vergehen, bis Jake zur Besinnung kommt. Als eine Übermacht konföderierter Milizen eine grausame Vergeltungsaktion gegen eine unbewaffnete Stadt führt, gehen ihm endlich die Augen auf, und er begreift, in welch animalischem Wahnsinn er dahinlebt.

Was diesem jugendlichen Desperado in den Kriegswirren widerfährt und was er selbst zu diesem Inferno beiträgt, erzählt der amerikanische Schriftsteller Daniel Woodrell (1953 in Missouri geboren) in einem Stil, der durch seine Lakonie umso kraftvoller erschüttert. Das trifft besonders auf die in ungeschönten Bildern vermittelten Grausamkeiten zu (»Arme hingen in den Bäumen, und überall lagen zerstückelte Rebellen herum« – von Kugeln getroffen »explodierte sein Kopf« – ein abgeschlagener Schädel als »Palast für Würmer« – einer »hatte ein Loch in der Wange, und das Blut floss ihm nur so aus dem Mund«). Dann wiederum löst trockener Humor die aufgewühlte Anspannung des Lesers für kurze Zeit auf (»Manchmal lässt das Universum den Krieg wie einen Flohbiss erscheinen, aber das war ja kein Trost für den, der gebissen wurde.«).

Die großen Themen dieses beeindruckenden Romans sind Freundschaft und blinder Hass, die verheerende Wirkung von Rachsucht, die Entmenschlichung durch rohe Gewalt und die Sinnlosigkeit jedes Krieges als universelle Tragödie. Seinem Protagonisten gönnt Woodrell immerhin einen hoffnungsvollen, geradezu herzerwärmenden Ausgang aus seiner Hölle. Jake übernimmt Verantwortung für eine junge Frau und ihren kleinen Säugling. Gemeinsam mit Holt ziehen sie »durch einen kriegstraurigen Staat« zu einem neuen, lebenswerteren Ort. Für einen Vogel ist das nur eine kurze Strecke, aber »Guter Gott, wie du weißt, habe ich keine Flügel, und über Land ist es ein heißer, harter Ritt.« Was die Zukunft ihnen bringt, bleibt offen.

»Woe to Live On« Daniel Woodrell: »Woe to Live On« bei Amazon erschien 1987, in erster deutscher Ausgabe 1998 bei Rowohlt und jetzt in neuer, gewohnt brillanter, kongenialer Übersetzung von Peter Torberg bei Liebeskind. Schon dieses Frühwerk beweist, welch schriftstellerische Begabung in Daniel Woodrell steckt. Bildstark und drastisch beschreibt er Szenen, Landschaften und Orte, schafft präzise Charaktere und ihre inneren Entwicklungen. Die wechselnden Stimmungen zwischen verstörend, subversiv witzig, tragisch und poetisch ergreifen den Leser und lassen ihn nicht mehr los. Sowohl die überzeugende Gestaltung als auch der mitreißende Plot schrien geradezu nach einer Verfilmung. Regisseur Ang Lee legte sie 1999 vor, und Daniel Woodrell hatte am Drehbuch mitgearbeitet (»Ride With the Devil«, deutsch: »Wer mit dem Teufel reitet« und »Die Teufelsreiter«).

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Herbst 2018 aufgenommen.


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