Rezension zu »Nikolausi« von Gerhard Polt

Nikolausi

von


Fünfundzwanzig bissig-amüsante Plädoyers gegen Zwangssentimentalisierung und Christfestheuchelei
Weihnachtliches · Teil der Serie »Weihnachtliches« · Kein & Aber · · 128 S. · ISBN 9783036959856
Sprache: de · Herkunft: de

Adventsgrant und Weihnachtsgrollen

Rezension vom 05.11.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein Weihnachtsfeierlichkeitsbuch ist das nicht. Ob sein Autor etwas dagegen hat, die Geburt Jesu zu feiern, darf bezweifelt werden. Fest steht, dass er das, was die Menschen aus diesem Geburts­tagsfest gemacht haben, verabscheut. Seit Gerhard Polt vor über vierzig Jahren als Kabarettist reüssierte, hat er mindestens die fünfund­zwanzig in diesem Büchlein versam­melten Texte zum Thema verfasst (Erzählungen und Satiren, ein Gedicht, Sketches und Mini-Theater­stücke, einige in Kooperation mit Hanns Christian Müller entstanden und leider alle ohne Quellen- und/oder Jahres­angaben). Viele von ihnen werden dem Polt-Fan geläufig sein, wie etwa der den Titel gebende Sketch, in dem ein Kleinkind den Osterhasi für den Nikolaus hält und den an der Richtig­stellung des Irrtums ver­zweifeln­den Vater bis in Grauzonen des rationalen Diskurses und des pädagogisch Zumutbaren treibt (»Rotzbub frecher … gleich schmier ich dir eine«).

Die Texte halten, was man sich verspricht, wenn man den bärbeißigen Kult-Zyniker, -Satiriker, -Spötter, -Schau­spieler, -Sänger und -Bayer kennt. Erst täuschen sie Harm­losig­keit oder Idylle an, dann klappt die Falltür auf, und Ab­sonder­liches starrt uns entgegen: gut­bürger­liche Schein­heilig­keit, die Tricks der Konsum­industrie, eine unerbitt­liche Bürokratie, unter dem Druck fröhlicher Verpflich­tungen vereiste menschliche Beziehungen, Gedanken­losig­keit, Unver­ständ­nis, Egoismus und Gier zwischen ringsum tönenden Phrasen von Freude, Besinn­lich­keit, Nächsten­liebe und Wohl­tätig­keit.

In mehreren Varianten spielt Polt das Miet­nikolaus­wesen durch. Die (meist stu­denti­schen) Taglöhner sind einerseits der Knickrig­keit ihrer des­interes­sierten erwachsenen Kundschaft und jeder Willkür ihres dreisten kindlichen Publikums ausge­liefert, anderer­seits sind sie gebeutelte Akkord­arbeiter. In diesem Dreieck ist viel Raum für Situa­tions­komik, Sarkasmus und Revolution. Der Autor gibt zum Besten, wie er selbst als Neun­jähri­ger als Zeuge eines kindlichen Umsturz­versuches im erz­katholi­schen Altötting seine Angst vor Nikolaus und Krampus verlor.

Das Personal der Geschichten ist auf wieder­kehrende Typen beschränkt: am Rande ihres Potenzials strampelnde Arbeit­nehmer, be­ängsti­gend gemütliche Normal­bürger, funk­tionie­rende Amts­per­sonen, durch­triebene Kindlein, verzweifelt besoffene Kleinbürger, erfolg­reiche, charakter­lich und geistig verarmte Manager, entseelte, schamlos mate­rialisti­sche Ehefrauen (großartig naiv, dass sich einem der Magen umdreht: die Gattin eines Waffen­produ­zenten, die übers Geschäft fabuliert).

All das führt Polt im bekannt giftigen Ton vor, der die Komik der Charaktere, Situationen, Verhaltens­weisen und Dialoge zu bissiger Kritik gerinnen lässt. Wie in der Realität kann das weih­nacht­liche Thema auch derbe Vulgar­itäten und exzessiven Alko­holzu­spruch nicht verhindern.

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Ihre volle Wirkung entfalten Polts Satiren durch die büh­nener­probte Gestaltung der Figuren durch ihre Sprechweise. Während der auf­gebla­sene Phrasen­drescher seine ge­schwol­lenen Floskeln auf Hochdeutsch abspult (wie bei Ludwig Thoma, aber hier ist er nicht unbedingt a Preiß’), tappen die Underdogs unbeholfen durchs Idiom, ringen vergeblich um das treffende Wort, ihre Syntax läuft ins Leere, bis sie resigniert aufgeben (was an Karl Valentin erinnert). Hinter sinnfrei gelallten oder hilflos gestam­melten Dialogen erkennt man Leere oder Verformung der Gestalten.

In der Verschriftung verschmilzt Polts Bayrisch automatisch mit dem Kabaret­tisten – beim Lesen hört man die gequetschte Näselstimme, sieht die Gesten der kräftigen Hände, die Grimassen, die heim­tückisch blitzenden Augen.

Wenn Sie gut aufmerken, finden Sie zwischen den Satire­spitzen manchmal goldne Lichtlein blitzen – feinste Spuren ver­schütte­ter Festfreude, Besinn­lich­keit und Menschen­liebe, wie Polt sie vielleicht erleben durfte, bis der Altöttinger Kinder­auf­stand ihm alle Illusionen raubte.


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