Rezension zu »Wir sind die Könige von Colorado« von David E. Hilton

Wir sind die Könige von Colorado

von


Belletristik · Arche · · Gebunden · 392 S. · ISBN 9783716026472
Sprache: de · Herkunft: us

Ein Inferno der Gewalt in rechtsfreiem Raum

Rezension vom 02.03.2011 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Seit Jahren leiden der 13-jährige William und seine Mutter unter dem prügelnden, alkoholsüchtigen Vater. Bei einer besonders aggressiven Attacke gegen seine Mom packt Will ein Messer und sticht zu. Der Vater überlebt schwer verletzt. Seine Mutter küsst ihrem Mann die Stirn – und statt Anerkennung erntet Will nun einen Blick voller Abscheu.

Will wird zu einem zweijährigen Zwangsaufenthalt auf einer abgelegenen Erziehungsranch hoch in den Bergen von Colorado verurteilt. Weit ab von der Zivilisation schuften 79 Jugendliche unter Aufsicht weniger Wärter bei jedem Wetter in freier Natur. Die Arbeit ist knochenhart. Neben Stall ausmisten und Koppeln herrichten will Direktor Barrows, dass sie unzähmbare Mustangs abrichten, denn damit lässt sich gut Geld verdienen. Will lernt schnell, sich besonders vor Frank Kroft, einem Aufseher, in Acht zu nehmen. Für den sind Jugendliche wertloser Abschaum, die er gern prügelt oder für ein paar Tage in den Bunker sperrt – einen winzigen Raum ohne Licht und Sanitäranlagen. Indem er sie dort missbraucht, nimmt er ihnen das letzte bisschen Würde.

Jeder Neuling muss sich in einem Initiationsritus bewähren, d.h. in einer grausamen Prügelei gegen den letzten Neuzugang antreten. Ein Boxkampf, bei dem man Kasse machen kann, wenn man vorher auf den richtigen Mann gesetzt hatte. So wird Will von Eddie außer Gefecht gesetzt und krankenhausreif geschlagen. Miss Little, die Krankenschwester, päppelt ihn liebevoll auf.

Höchstes Ansehen genießen die Jugendlichen, die mit den Pferden arbeiten. Reaper, eine Stute, ist gemeingefährlich und verletzt Benny lebensgefährlich am Kopf. Will fühlt sich schuldig, denn er hatte einen Eimer in der Box vergessen. Wenn er es schafft, Reaper abzurichten, kann er Benny ein bisschen zurückzahlen. Jede Nacht geht er, gedeckt von einem gutherzigen Aufseher, heimlich in den Stall.

David E. Hiltons Roman ist Williams Lebensbericht, niedergeschrieben für die, die er einmal Freunde nannte. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine Gruppe Jugendlicher, die zufällig aufeinandertreffen und die unterschiedlichsten Vorgeschichten haben. Die ganze Bandbreite unterschiedlichster Charaktere ist vorhanden. Sie sind sich immer selbst überlassen und entwickeln Strukturen, die von den Wärtern gern gesehen sind, denn so regelt sich manches von allein. Die Mächtigen und die Bösen beherrschen die anderen auf sadistische, demütigende Weise; die Guten und die Sensiblen verlieren schmerzlich ihre Unschuld. Zwar schmieden Freundschaften sie zusammen ("Wir sind die Könige von Colorado.") , aber das reicht nicht, um sich gegen all die Gemeinheiten zu wehren. Trost finden sie bei Miss Little. Mancher kann sich ein Zuhause nur noch auf der Ranch vorstellen. Welch entsetzliche Aussichtslosigkeit!

Wie skrupellos die Jugendlichen agieren, bestimmt den fulminanten, Atem raubenden Schluss des Romans. Natürlich hatte jemand mit Absicht die Koppel zerstört, und acht Mustangs können entfliehen. Direktor Barrow schickt einen Trupp unter Leitung von Kroft los, um alle Tiere wieder einzufangen. Falls Kroft ohne Pferde zurückkehre, riskiere er seinen Posten als Aufseher – und die Jungen riskierten ihr Leben, falls sie türmten. Was Kroft den Jugendlichen zuvor angetan hatte, entlädt sich jetzt in höchster Potenz – in einem Hurrikan von Gewalt, der ihrer aller Leben bedrohen wird. Nichts gibt es mehr, was den Wahn der Tötenden aufhalten könnte.

Dies ist nicht etwa ein Roman, der die unerbittliche Härte amerikanischer boot camps in Frage stellen will. Auf dem rückwärtigen Cover behauptet W. Lavender: "Hier ist er: Der Erbe von William Goldings,Herr der Fliegen'". Diese Parabel über eine Gruppe unschuldiger Schuljungen, die auf einer isolierten Insel stranden und an der selbstgestellten Aufgabe scheitern, sich als zivilisierte, rationale Gemeinschaft zu organisieren, ist eine der Schullektüren, die in mir bis heute nachwirken. An diese Studie, die ein ganzes Menschenbild in Frage zu stellen in der Lage ist, reicht Hiltons Roman freilich bei weitem nicht heran. Vergleichbar sind die beiden Büchern bei allem Respekt nur recht oberflächlich, nämlich insofern, als sie darstellen, wie Gewalt entsteht und eskaliert.


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