Rezension zu »Am Ende einer Welt« von Dennis Lehane

Am Ende einer Welt

von


Kriminalroman · Diogenes · · Gebunden · 400 S. · ISBN 9783257069440
Sprache: de · Herkunft: us

Der gute Mensch von Tampa

Rezension vom 01.12.2015 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Sonntags geht Joe Coughlin mit seinem neun­jähri­gen Sohn Tomas zum Gottes­dienst. Der Junge soll ein ehr­licher, gottes­fürch­tiger Mensch werden. Für sein irdi­sches Wohl­er­gehen ist ge­sorgt. Er wird von der über­aus ein­träg­lichen Karriere pro­fi­tie­ren, die sein Vater hinter sich hat. Nach dem Tod seiner Frau Graciela, einer Kuba­nerin, hat er sich aus dem Geschäft zurück­gezogen, um sich der Erzie­hung seines Kindes zu wid­men, ein ehr­bares Leben zu führen und Buße zu tun. Denn sein Gewerbe ist an­rüchig gewe­sen, und er möchte nicht in die Hölle kom­men, von der Pater Ruttle pre­digt: »Allein­sein ist die schlimm­ste aller Bestra­fungen der Hölle.«

So tut Joe Coughlin nur noch Gutes. Zwischen Boston und Ha­vanna hat er un­ge­zählte öffent­liche Projekte zum Nutzen der Bürger unter­stützt und groß­zügig gespen­det, damit der Staat die immen­sen Kosten des Krieges gegen die Nazis und die Japaner stemmen kann. Gerade erst, im Dezember 1942, hat er eine wei­tere Wohl­tätig­keits­veran­stal­tung organi­siert, ein rau­schen­des Fest, bei dem die Haute­volee von Tampa ganz unge­zwun­gen mit den Größen der Unter­welt plau­derte, als sei man sich nie zuvor begeg­net. Der Erlös des Abends: wieder einmal eine astro­nomi­sche Summe.

Joe Coughlins Selbstbild vom »guten Men­schen« hat einen Haken: Es stellt das Gegen­teil der Wahr­heit zur Schau. Hinter der Fassade von An­stand, Be­schei­den­heit, Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein und Nächsten­liebe agiert ein eitler, arro­ganter Groß­krimi­neller. Joe Coughlin ist ein Boss des organi­sierten Verbre­chens, und zwar einer von den ganz großen, und ein eis­kalter Mörder oben­drein. Er begann seine Lauf­bahn als Hand­langer des Syn­dikats in Boston und er­oberte während der Prohi­bition die Schmuggel­pfade von Kuba in den Süden der USA. Besonders ver­ehrt und respek­tiert man ihn in seinen Kreisen, seit er seinen Freun­den in den Drei­ßi­gern einen voraus­schauen­den Tipp gab, der erst müde belächelt wurde, nach Amerikas Kriegs­eintritt aber plötz­lich Gold wert war: Auch Indus­trie­alko­hol ist ein loh­nen­des In­vest­ment. Destil­lerien, eine Phos­phat­mine, Zucker – ein Ge­schäfts­zweig kam zum ande­ren, so dass Joe Coughlin jetzt in sei­nen sau­be­ren Händen alle Fäden eines schmut­zigen Ge­schäfts­impe­riums bei­sam­men­hält. In einem schönen Joint Venture mit seinem Freund Meyer Lansky in Havanna kon­trolliert er lücken­los die Rausch­gift-Route von Süd­ame­rika bis hin­auf nach Maine.

Alle schätzen den seriösen Ge­schäfts­mann, der als »con­sigliere« den Mittels­mann für das gesamte Ver­bre­cher­syn­dikat Flori­das spielt. In Tampa ist er »die Brücke zwischen dem, was an die Öffent­lich­keit kam, und der Art, wie es unter vier Augen er­reicht wurde«. Auf sein diplo­mati­sches Ge­schick ist er be­son­ders stolz, und ohne­hin ist er über­zeugt, »noch nie einem Men­schen be­geg­net zu sein, der so klug war wie er selbst«. Und sollte es einmal eng wer­den, könnte er ohne Weite­res auf so mäch­tige Freunde wie El Presi­dente, den kuba­nischen Dikta­tor Ful­gencio Batista zäh­len.

Doch woher sollte schon Ge­fahr dro­hen? Zwar nimmt der ameri­kani­sche Ge­heim­dienst Joe seine Legende, sich »zurück­ge­zogen« zu haben, nicht ab. Aber man rückt ihm auch nicht ernst­lich auf die Pelle. Mit der klei­nen Akte nach­weis­ba­rer Verbre­chen könnte man Joe allen­falls ein wenig schi­ka­nie­ren. Selbst dar­auf würde man ge­gebe­nen­falls ver­zich­ten, wenn er mit Uncle Sam koope­rieren und ihm bei­spiels­weise ver­ra­ten würde, was er über japa­ni­sche und Nazi-Sabo­teure im Ha­fen­viertel weiß. Dafür wären ihm sogar Dank und An­er­ken­nung der ganzen Nation sicher. Aber Joe braucht das nicht.

Ein gelunge­nes Leben, ein Mann im Einklang mit sich selbst und im Glanze all­ge­mei­ner Be­wun­de­rung. Da kommt ihm das Ge­rücht zu Ohren, dass ein Auftrags­mörder auf ihn ange­setzt sei. Wenn­gleich kein Sinn da­hinter zu er­ken­nen ist, warum irgend je­mand einen Wohl­täter wie ihn be­sei­ti­gen wollte (»Wer schlach­tet schon eine gol­dene Gans?«), raubt die Unge­wiss­heit Joe den Schlaf. Vi­sio­nen aus der Ver­gan­gen­heit ver­fol­gen ihn, und der kleine Junge darin – »Knicker­bocker, Golf­mütze« – ist er selbst.

Auch Joe Coughlin kann sich nicht länger seinen Illu­sio­nen hin­geben. Die Reali­tät ist: In der »ehren­wer­ten Gesell­schaft« gibt es kei­nen Sitten­kodex, keine Prin­zipien. Selbst wenn einer den Ein­druck er­weckt, er handle zum »Wohl der Fa­milie«, so steht doch immer nur sein Eigen­inter­esse – die Meh­rung von Macht und Vermö­gen – an vor­ders­ter Stelle. Was so einer ab­gibt, um die Freunde bei Laune zu halten, sind bloß Bro­sa­men, die vom Tisch des Herrn hinunter kullern. Des­halb kann niemand auf Ver­scho­nung zählen, jeder kann jeder­zeit und aus einem belie­bigen Grund kalt­ge­stellt werden. Joe hat das selbst oft genug praktiziert.

Joe Coughlins Suche nach dem Auftrag­geber seines eigenen Mörders ist der zentrale Plot dieses groß­arti­gen Krimi­nal­romans bes­ter ameri­ka­ni­scher Schule. Warum will man ihn be­sei­tigen? Stören sich Mafiosi an seiner iri­schen Her­kunft? Giert jemand nach seinem Im­pe­rium? Will je­mand sei­nen Platz einneh­men? Joe wird jeden in Frage kom­men­den Löwen in seiner Höhle stellen müs­sen, und da­für bleiben ihm nur we­nige Tage. Denn am Ascher­mitt­woch ist alles vorbei: Dann wird der Killer zuschla­gen ...

Der Schlimmste von allen ist Lucius Brozjuola. 1923 tauchte er von irgend­woher im östli­chen Europa auf, baute sich mit skrupel­losen Helfern (»Dieben, Heh­lern, Brand­stif­tern und Auf­trags­mördern«) ein eigenes Reich zu­sam­men, wilderte hem­mungs­los in den Revie­ren der Fami­lien­clans. Umso aris­to­krati­scher gab er sich per­sön­lich, pflegte sein äußeres Er­schei­nungs­bild, krönte sich zum »King Lucius«. In­zwi­schen muss er voll­ständig durch­ge­knallt sein. Er lebt auf einem Haus­boot, wo ihn eine zwan­zig­köpfige Palast­wache schützt. Man er­zählt sich, er töte »einfach so, aus Spaß« und lasse Menschen bei leben­di­gem Leib den Haien zum Fraß vor­wer­fen. Was die Fische übrig las­sen, ver­tilg­ten seine Wächter ...

Dem Autor muss der Schalk im Nacken ge­sessen haben, als er diese »Es war einmal«-Paral­lel­welt des orga­ni­sierten Ver­brechens er­schuf. Wir ler­nen einen Zirkel ganz beson­derer Charak­ter­köpfe ken­nen, die ihren ›Beruf‹ lieben und »für alle Zeiten ihren Seelen­frie­den opfern, um Männer wie wir zu sein«. Keiner von ihnen ist hohl, alle ar­tiku­lieren sich so, dass man sie ernst nehmen kann. Joes wich­tigs­ter Ge­sprächs­partner ist freilich sein kluger, früh­rei­fer Sohn Tomas, sein Ein und Alles und sein Korrek­tiv.

Auch in der zweiten Reihe sind die Cha­rak­tere bemer­kens­wert, wie etwa The­resa del Frisco, die, weil im Knast, das kleine Ver­mö­gen nicht ein­treiben kann, das ihr einer der großen Fische für eine Gefäl­lig­keit schul­det, und des­halb auf raf­fi­nierte Weise einen Mittels­mann einspannt, oder der le­gen­däre Me­di­ziner Dr. Ned Lenox, der nur in einer Epi­sode auftritt, obwohl seine Vita genug Ma­te­rial für einen eigen­ständi­gen Krimi böte: du­bio­ser Kunst­fehler in St. Louis – Entzug der Arzt­lizenz – Neu­beginn in Tampa als Vete­rinär – Aufstieg zum Ver­trauens­arzt aller »Freunde der Unter­welt« ...

Indem wir den guten Joe Coughlin von einem üblen Ga­no­ven zum nächsten be­gleiten – eine Spur blutiger Gemetzel hinter­lassend – und seine ver­blei­ben­den Tage ab­haken, wer­den wir süchtig nach dieser Lek­türe mit trocken-schmuck­losem Er­zähl­ton und poin­tierten Dia­logen: eine dichte Folge denk­würdiger Im­pressio­nen, ohne jeden Leer­lauf in der Span­nung, ohne jede Lücke im logi­schen Gefüge.

Immer wie­der prickelt es reiz­voll, wenn Dennis Lehane mit seinen Leit­motiven spielt – »die alten Zei­ten«, Sein und Schein, Söhne, die ohne Väter auf­wachsen, die Hölle des Allein­seins. Wie Joe möchte auch The­resa ihren kleinen Sohn ver­sorgt wissen und geht da­für krumme Wege; auch Doc Lenox suchen die Geis­ter der Ver­gan­gen­heit heim; und der ge­niale Schluss führt all diese Motive zu­sam­men.

Der Vorgän­ger­roman »Live by Night« Dennis Lehane: »Live by Night« bei Amazon (2012, »In der Nacht« Dennis Lehane: »In der Nacht« bei Amazon, über­setzt von Sky Nonhoff) wurde mit dem Edgar Allan Poe Award 2013 aus­ge­zeich­net. Er er­zählt die frü­hen Jahre des Joe Coughlin, damals noch »der Blonde mit den blauen Augen«. In »World Gone By« Dennis Lehane: »World Gone By« bei Amazon (2014, über­setzt von Steffen Jacobs) ist er jetzt »eher der Graue« und doch erst 37 Jahre alt. Sein Schöp­fer Dennis Lehane, 1965 in Boston ge­bo­ren, ist nach Best­sellern wie »Mystic River« Dennis Lehane: »Mystic River« bei Amazon (2001, über­setzt von Sky Non­hoff Dennis Lehane: »Mystic River« bei Amazon ) und »Shutter Island« Dennis Lehane: »Shutter Island« bei Amazon (2009, so­eben von Steffen Jacobs neu über­setzt Dennis Lehane: »Shutter Island« bei Amazon ) schon lange kein Geheim­tipp mehr, aber im­mer noch ein Autor, der zu­ver­läs­sig Best­leis­tung bietet.


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