Rezension zu »Der Tod ist ein Wiener – Die Drei vom Naschmarkt ermitteln« von Edith Kneifl

Der Tod ist ein Wiener – Die Drei vom Naschmarkt ermitteln

von


Nicht am Naschmarkt, sondern aus einer feinen alten Villa heraus suchen die drei Wiener Hobbyermittlerinnen nach dem Kind einer Künstlerin, die Jahrzehnte zuvor ihr Leben ließ – in den Abgründen einer psychiatrischen Anstalt.
Kriminalroman · Haymon · · 288 S. · ISBN 9783709979013
Sprache: de · Herkunft: at

Unmenschliche Medizin

Rezension vom 16.06.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Dass der Tod ein Wiener sei, behauptete schon der Zyniker Georg Kreisler. In seinem Lied »Der Tod, das muss ein Wiener sein« zeichnet er den Sensenmann als gemütlich-charmanten, etwas melancholischen Gevatter, der »das Gspür dafür« hat, wie man seine Kandidaten »pünktlich zur Himmelstür« bringt und dabei »den richtigen Ton« trifft – »a Weaner« halt.

Da schwebt Edith Kneifl wohl eine erheblich giftigere Spielart des Wieners vor als dem nur ausnahmsweise besinnlich gestimmten Verfasser garstiger Provokationen (»Geh’n ma Tauben vergiften im Park«). Denn sie erinnert an ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Psychiatrie, des Faches, das sie selbst studiert hat und in Wien praktiziert.

Dass geistig beeinträchtigte und seelisch kranke Patienten während der NS-Zeit als »unwertes Leben« bezeichnet und für medizinische Experimente missbraucht und getötet wurden, ist hinlänglich bekannt. Dass es aber bis weit in die Siebzigerjahre Anstalten gab, in denen psychisch Kranke ihres eigenen Willens beraubt, entmündigt, inhumanen Behandlungen und willkürlichen Maßnahmen von Pflegern und Ärzten unterworfen wurden, hat das allgemeine Bewusstsein kaum erreicht. Der Deckmantel der Weiterentwicklung medizinischer Heilverfahren legitimierte jedes Vorgehen, und obwohl manches unsägliche Leid nicht verborgen blieb, bevorzugte die Öffentlichkeit, nicht näher hinzuschauen. Bis heute hält sich das Interesse des Publikums in Grenzen, Juristen und Journalisten können mit dem tristen Thema keine Coups landen und wollen sich nicht für Jahrzehnte alte Missstände engagieren. Und die Opfer von damals haben längst keine Kraft mehr, um sich Gehör zu verschaffen.

Edith Kneifl erinnert in einer wichtigen Nebenfigur ihres neuen Krimis drastisch an die Leiden derer, die damals in die Maschinerie psychiatrischer Behandlungsmethoden gerieten und keine Chance hatten, ihr je wieder zu entkommen. Das ist ein löbliches Unterfangen, will aber nicht so recht passen zum harmlos-vergnügten Konzept der Reihe über »die Drei vom Naschmarkt«, ein amüsantes Wiener Damen-Trio, das aus lauter Spaß an der Freud’ recherchiert. Tatsächlich schneidet Edith Kneifl gleich noch weitere Themen aus der dunklen Vergangenheit an: Nazi-Terror, Judenverfolgung, Raubkunst, Desertion und die Art und Weise, wie damit nach dem Krieg umgegangen wurde. Man kann den Eindruck bekommen, dass die Autorin ihr aufrichtiges Anliegen der Aufklärung in einen unterhaltsamen, etwas trivialen Krimiplot verpackt habe, damit der Leser bloß nicht zu trist gestimmt und womöglich durch allzu viel Nachdenklichkeit verprellt werde. Oder dass dem unterhaltungssüchtigen Publikum nebenbei einmal ein ernstes Thema nahegebracht werden soll.

Der zentrale Handlungsstrang setzt in der Gegenwart ein. Auf einer Anhöhe im Wienerwald, wo der Ausblick auf Wien am schönsten ist, bewohnt Adele Artner eine Villa, entworfen vom Jugendstilarchitekten Otto Wagner. Wie es dem Wiener Großbürgertum gebührt, erledigen eine Haushaltshilfe, ein Gärtner und ein Chauffeurdie niederen Arbeiten im und um das Haus. Die Sechsundachtzigjährige ist nicht mehr so beweglich, aber geistig fit und aus Prinzip misstrauisch.

Dazu hat sie guten Grund. In ihrem Keller lagern an die hundert Gemälde, darunter etliche von Künstlern der ersten Garde. Adeles Vater hatte die meisten vor dem Krieg erworben, und Adele stellte sie später in ihrer Galerie aus. Dort präsentierte sie auch Bilder der Russin Larissa Lepinska, einer jungen Künstlerin, die sie persönlich kennen und lieben gelernt hatte. In den Siebzigerjahren zog sie in Adeles Villa ein und konnte dort in einem Atelier frei schaffen. Aber bald veränderte sich Larissas Psyche massiv. Heute würde man bei ihr eine bipolare Störung diagnostizieren und sie in einer Fachklinik behandeln können. Larissa aber wird in die psychiatrische Anstalt am Steinhof zwangseingewiesen.

Die Autorin schreibt Larissa einen besonders perfiden Leidensweg in den Krimi, den Rückblenden in der Ich-Perspektive schildern. Nach der Ankunft darf sie erst einmal auf einen guten Ausgang hoffen, als sie erfährt, dass der Primararzt der Einrichtung ein Cousin Adeles ist, der ihr in der Jugend sogar nachstellte. Doch leider erweist er sich als hinterhältiges Monster. So nimmt ihr Schicksal seinen ungehinderten Lauf. Sie wird vergewaltigt, bringt ein Kind zur Welt, springt wenige Monate später verzweifelt in den befreienden Tod (oder hat jemand nachgeholfen?). Ihr Baby, Tanja, wird von einer unbekannten Familie adoptiert.

Vier Jahrzehnte später sieht Adele ihrem nahenden Ende entgegen. Wem soll sie ihren beträchtlichen Besitz vermachen? Bestimmt nicht den Erbschleichern ihrer Verwandtschaft. Tanja fühlt sie sich enger verbunden, zumal sie wegen Larissas Tod ein schlechtes Gewissen plagt. Um sie als Haupterbin einsetzen zu können, muss sie sie freilich erst finden.

Und damit kommen Edith Kneifls originelle Hobbyermittlerinnen ins Spiel. Sofia und Elvira hat es aus amourösen Gründen auf Adeles Anwesen gelockt, wo sie sich als Bibliothekarin bzw. Kosmetikerin verdingt und das Vertrauen der Hausherrin erworben haben. Über die beiden lernt Adele Magdalena, die Dritte im Bunde, kennen und beauftragt die Privatdetektivin mit der Suche. Dass auf einmal jemand Larissas Tochter aus der Versenkung holen und ihnen als Haupterbin vor die Nase setzen sollen, kann dem Artner-Clan nicht gefallen. Der Streit ums Erbe nimmt konkrete und kriminelle Züge an, als Adele verstirbt (hat jemand nachgeholfen?) und einige Top-Kunstwerke verschwinden. Das Frauenteam schliddert mitten hinein in die Machenschaften der Sippe.

Wie sich die Dinge in und um Wien entwickeln, erzählt Edith Kneifl in vorwiegend dialogischen Szenen, mit viel Lokalkolorit und in heiterem Originalton. Wer die Schauplätze selber schon mal betreten hat, kann sich zu Hause fühlen, während sich mancher »Piefke«, der Fünfe nicht grade sein lassen mag, für Wiener Spezialitäten wie »Gschrappen«, »Hutschpferd«, »Ungustl« oder »Trafikanten« ein Glossar wünschen mag.

Die eigentliche Handlung um Adele und ihre Erbschaft unterhält problemfrei, ist aber recht schlicht, beschaulich und durchschaubar konstruiert. Dass üble Gestalten ebenso wie die Guten und Hilfreichen bis kurz vor Torschluss ihr Wesen bewahren, bis sie sich plötzlich ins Gegenteil entpuppen, gehört sich halt so, wenn man Krimi-Geheimnisse hüten will, aber etwas differenziertere Charakterisierungen sind doch befriedigender.

Das Damen-Trio ist aus dem ersten Band der Serie bekannt (»Tot bist du mir lieber. Die Drei vom Naschmarkt ermitteln«, 2016 Edith Kneifl: »Tot bist du mir lieber. Die Drei vom Naschmarkt ermitteln« bei Amazon). Die Drei sind eher ein Zweckverband von ganz unterschiedlichen egozentrischen Individualistinnen als eine verschworene Freundinnen-Clique – Sofia Schanda, attraktives neu-emanzipiertes Ex-Heimchen-am-Herd mit Ehestress, Elvira Smejkal, lebenslustige und bauernschlaue Wohnungslose, und Magdalena Musil (die Ich-Erzählerin), die als Privatdetektivin reüssieren möchte. Da letztere diesmal die Hauptarbeit alleine erledigt, hat es den Anschein, als seien ihre beiden Partnerinnen nur zur Dekoration in die Handlung hineinkonstruiert, damit der bewährte hübsche Titel seine Berechtigung behält.

Was bleibt in Erinnerung? Vor allem das Leid in der Psychiatrie. Und das gemütliche Geplänkel der »Drei aus der Villa«? Obwohl Edith Kneifl ein wunderbares »Gspür dafür« hat und »den richtigen Ton« trifft, kommt halt bald der Sensenmann des Vergessens und bringt alles »pünktlich zur Himmelstür«.


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