Rezension zu »1981« von Eloísa Díaz

1981

von


Ein argentinischer Polizeiinspektor möchte nichts mit den Machenschaften der Diktatur zu schaffen haben. Ist das möglich?
Kriminalroman · Hoffmann und Campe · · 320 S. · ISBN 9783455010947
Sprache: de · Herkunft: gb

Mit Pragmatismus den Terror überleben

Rezension vom 02.09.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Joaquín Alzada fühlt sich ausgebrannt und müde. Er ist über sechzig Jahre alt und würde jetzt gern in den Ruhestand gehen, aber die Staats­finanzen sind zerrüttet, die staat­lichen Pensions­kassen ausge­raubt. Fernando de la Rúa, der Präsident der Militär-Regierung, hat radikale Sparmaß­nahmen verordnet, die den Bürgern sogar verbieten, auf ihre Spar­konten zuzu­greifen. Auf den Straßen von Buenos Aires demons­trieren Menschen­massen. So bahnt er sich und seinem Auto eher wider­willig und lustlos den Weg durch das »Schlacht­feld« der über­füllten Innen­stadt zur »Kathe­drale des Todes«, dem Leichen­schau­haus, wohin ihn der Gerichts­mediziner Dr. Petacchi zu kommen gebeten hatte, um ein Mord­opfer persön­lich in Augen­schein zu nehmen. Man begrüßt einander über­schwäng­lich, tauscht sich ein wenig über die Familien aus, begrüßt den hinzuge­tretenen Hilfs­inspektor, jung, dienstbe­flissen, »gerad­linig und gesittet«, und studiert dann die Leiche mit ihren Einschüs­sen in den Hinter­kopf. Man hatte sie im Müll­container hinter dem Leichen­schau­haus gefunden. Alzada wird es beim Anblick des bereits ausge­nommenen, nun wieder zuge­nähten Körpers übel. Es ist das Jahr 2001, und zuletzt war der Inspektor zwanzig Jahre zuvor hier – »als wüsste ich das Datum nicht auf den Tag genau«, wie er sich bedeutsam erinnert.

Als Inspektor Alzada in sein Büro bei der Policía Federal Argentina zurück­kehrt, erwartet ihn schon ein fein geklei­detes Ehepaar aus bester Familie – »einer der bekann­testen Großgrund­besitzer Argen­tiniens«. Die Frau möchte ihre Schwester Norma als vermisst melden. Die Universitäts­absol­ventin mit über­schäumen­dem Tempera­ment hatte sich schon öfter in brenzlige Situa­tionen manöv­riert, auch vorbei an ihren Leib­wächtern. Aber für ernste Sorgen, versucht Alzada zu beruhigen, sei es noch zu früh, solange sich Normas Abwesen­heit nicht als frei­willige Eskapade einer lebens­lustigen jungen Frau erweist. Doch beim ersten Blick auf das kleine Foto, das die Eheleute mitge­bracht haben, schießt ihm eine Ähnlich­keit Normas mit der soeben begut­achteten Leiche durch den Kopf.

Damit sind zwei Fälle eröffnet, die bald zu einem werden und Polizei­arbeit wie Plot voran­treiben. So viel darf man ruhig spoilern, denn die eigent­liche Kriminal­ermitt­lung tritt im Verlauf der anfangs leicht dahin­fließenden Erzählung immer weiter in den Hinter­grund. Statt ihrer gewinnt die Charakter­studie des Protago­nisten Joaquín Alzada im Zusammen­hang mit den politi­schen Ereig­nissen seit dem Jahr 1981 an Bedeutung, und mit ihnen zieht langsam wahres Grauen auf. Die Schil­derung der Mittel, die die diktatori­schen Macht­haber eiskalt aus­spielen, um Menschen und Gesell­schaft ihres Landes nach ihrem Willen zu formen, kann das Blut in unseren Adern gefrieren lassen.

Schon 1976 hat eine Militärjunta die Macht in Argentinien an sich gerissen. General Jorge Rafael Videla und seine Schergen terrori­sieren das Volk. Auch Inspektor Joaquín Alzada, der 1981 im Polizei­dienst steht, nimmt unweiger­lich wahr, wie die Milizen ihre Opfer aufs Polizei­revier bringen, vorüber­gehend inhaf­tieren, dann auf ihrem »Weg in die Hölle« weiter­transpor­tieren. Aber dabeisein will er nicht, mitmachen schon gleich nicht. Mit seiner Frau, die aus reichem Eltern­haus stammt, lebt er materiell unab­hängig und ohne Kinder in Buenos Aires, kann sich, wenn es unange­nehm wird, davon­stehlen und den Nach­mittag lieber im »cafecito« verbrin­gen. So versucht er sich einiger­maßen unbe­helligt durchzu­mauscheln, nicht instru­mentali­sieren zu lassen, und mit Vorsicht und einer Portion Glück wird er nicht selber als Staats­feind denun­ziert und ver­schleppt.

Doch als eines Nachts sein eigener Bruder Jorge abgeholt wird, ist es um Joaquíns Ruhe geschehen. Er hatte das freiheit­liche Engage­ment des sechs Jahre Jüngeren für naiv gehalten und ihm vorge­worfen, dass er seine politi­schen Anliegen wichtiger nehme als das Wohl­ergehen seiner kleinen Familie. Jorge hatte Joaquín entgegnet, dass es »nicht nur um das [geht], was man tut, sondern auch um das, was man nicht tut.« Um das Schlimmste für seinen Bruder und seine Schwä­gerin zu verhin­dern, spielt der Polizei­inspektor all seine Bezie­hungen aus, wagt sich bis zum Polizei­präsiden­ten vor, wird suspen­diert, muss »bis in alle Ewig­keiten Schreib­tisch­arbeiten verrich­ten« und kann doch nichts gegen die brutale Staats­macht aus­richten.

Bei Jorges Gefangennahme blieb dessen drei­jähriger Sohn Sorolla zufällig unent­deckt. Joaquín und seine Frau nehmen den Neffen zu sich und ziehen ihn groß. Über ihn wird sich ein Kreis schließen, als er 2001 in dem Alter angelangt ist, in dem sein Vater abgeholt wurde, und er auf die Straße drängt, um an den Demon­stratio­nen mitzu­wirken. Da holt die Vergan­genheit Joaquín Alzada ein.

Lebhaft schildert die Autorin die brodelnde politi­sche Atmos­phäre in der Zeit der Militär­diktatur und spart deren Schrecken nicht aus. Wer die Jahre miterlebt hat, erinnert sich an die langen Listen der Ver­missten, die gesun­genen Anklagen der »Madres de Plaza de Mayo«, die geraubten und zur Adoption freigege­benen Kinder, die brutalen Folter­methoden in den Gefäng­nissen, über die auch in Europa berichtet wurde. Dennoch ist Eloísa Díaz’ Roman­debüt »Repentance« in der Über­setzung von Mayela Gerhardt erstaun­lich unbe­schwert zu lesen.

Dafür sorgt der Protagonist selbst, dessen spontane Gedanken während diffiziler Situa­tionen seiner beruf­lichen Arbeit und privaten Erleb­nisse direkt wieder­gegeben sind und uns seine Anschau­ungen und Strate­gien erkennen lassen. Mit nüch­terner Zweck­mäßigkeit hat er längst kalku­liert, dass Aufmüp­figkeit und Kritik unwägbare Risiken für Leib und Leben brächten, kluge Anpassung und pragma­tisches Handeln ihn aber davor bewahren können, Schuld an den Ver­brechen, die ihn umgeben, auf sich zu laden. So bleibt der geradezu perfekte Über­lebens­künstler Teil eines Regimes, bei dem er nicht mitmachen will. Nur um seinem schmerzge­quälten Bruder zu helfen, über­schreitet er den Rubikon und dringt bis ins Innerste der Gewalt­herr­schaft, in die Todes­zellen vor.

Neben der Ironie, mit der Joaquín Alzadas innere Kommen­tare die Erzählung würzen, trägt zur vermeint­lichen Unbe­kümmert­heit der Atmos­phäre ein hinter­sinniger Sprach­stil von nicht immer auf den ersten Blick erkenn­baren Sarkasmen, Euphe­mismen (»freund­lich foltern«) und vorgeb­lichen Verharm­losungen bei (Häftlinge werden in dunklen Keller­löchern festge­halten, niemals in Oberge­schossen, denn »man will ihnen ja nicht die Möglich­keit bieten, der Sache durch einen Sprung in die Tiefe ein schnelles Ende zu bereiten.«).

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Sommer 2021 aufgenommen.


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