Rezension zu »Der große Sommer« von Ewald Arenz

Der große Sommer

von


Frieder muss die Sommerferien mit Büffeln für die Nachprüfung verbringen, und das auch noch im Hause des gestrengen Großvaters. Für die Entdeckung der Liebe und anderer Probleme bleibt ihm gerade noch genug Zeit.
Belletristik · Dumont · · 318 S. · ISBN 9783832181536
Sprache: de · Herkunft: de

Was Liebe ist, was Liebe kann, was Liebe tut

Rezension vom 17.06.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die Achtzigerjahre waren eine politisch bewegte Zeit voller Aktivis­mus, Innova­tion, Ängsten und Provoka­tionen des Etablier­ten. Tausende formieren sich, um gegen Atomkraft und gegen die Statio­nierung von Pershing-II-Raketen zu demons­trieren, Umwelt- und Friedens­bewegun­gen werden gegründet, schließ­lich sogar eine neue Partei: die »Grünen«. Im Jahr 1981 erlebt der sechzehn­jährige Friedrich Büchner, genannt Frieder, einen einzig­artigen, einen »unwieder­bring­lichen« Sommer. Die Zeit der Kindheit geht zu Ende. Er findet die Liebe und verliert seine körper­liche Unschuld. Zum ersten Mal wird er mit der Vergan­genheit seiner Familie konfron­tiert, die in die NS-Zeit führt. Das bisher sorglose, leichte Leben erhält ernste Inhalte, fordert gravie­rende Entschei­dungen.

Die Handlung beginnt in einer Latein­stunde am Gymnasium. Der Lehrer hat die fertig korri­gierte Klassen­arbeit dabei. Noch ehe er die Hefte verteilt, schwant Frieder, unserem Ich-Erzähler, dass sich gleich seine schlimms­ten Befürch­tungen bestä­tigen werden. Zum Mathe-Untergang (ein »Marianen­graben«) tritt das »Unge­nügend« in Latein, und das bedeutet »nicht versetzt«, im Fall Frieders, der bereits zuvor eine Klasse wieder­holen musste, jedoch noch Übleres: Er muss das Gymnasium endgültig verlassen. Seine einzige und letzte Chance, dies zu verhin­dern, ist, die bevor­stehen­den sechs Wochen der Sommer­ferien mit Büffeln, Büffeln und Büffeln zu verbrin­gen, um dann hoffent­lich die Nach­prüfung zu bestehen.

Damit hat er eine schwere Zeit der Selbst­disziplin vor sich, denn Fried­richs Familie ist ein turbu­lentes Tollhaus. Zwei sehr unter­schied­lich tickende Eltern­teile, sechs Kinder, zwei Hunde und zwei Katzen bevölkern eine kleine Wohnung. Hier abzu­schalten, seine Ruhe zu finden, »wenn man gerade ein einzelner Mensch sein wollte«, ist unmöglich. Deswegen geht Frieder nach Schul­schluss gern ins Freibad, selbst bei strömen­dem Regen. Dort genießt er das Schwimmen für sich allein und den ent­spannten Bade­meister, mit dem er eine ganz persön­liche Abmachung wegen des Sprung­turms hat. Denn er will in diesem Sommer den Sprung vom »Zehner« wagen. »Dreier« und »Fünfer« hat er schon geschafft, heute ist der »Sieben­einhalber« zu bezwingen, aber er zögert noch. Da brechen in seine Seele unge­kannte Eindrücke ein: ein »flaschen­grüner Bade­anzug, dunkle Haare … extrem hübsch … Beate … grüne Augen«.

Friedrich ist in seinen Gedanken noch ganz vom gerade Erblick­ten und Erlebten erfüllt, da holt ihn die Mutter zu Hause in die harte Realität zurück. Die Eltern fahren mit den vier kleinsten Geschwis­tern in den Urlaub, während Alma, die ein Jahr Ältere, und Frieder zu Hause bleiben. Alma wird ein Praktikum im Altenheim machen und im Schwes­ternheim wohnen, Frieder zum Großvater umquar­tiert. Die Aussicht ist schreck­lich, doch jeglicher Wider­stand sinnlos.

Mutters Stiefvater, der Bakteriologe Professor Dr. Walther Schäfer, ist ein gefühls­kalter, egozentri­scher, jedermann Angst einflö­ßender Tyrann, »den ich siezen musste, bis ich zehn war«. Er beginnt jeden Tag mit einem eiskalten Bad, hat auch jede andere Nuance seines Lebens unter straffer Kontrolle und ist im Übrigen ebenso streng gegen sich wie alle anderen. Was er sich selbst abver­langt, fordert er in gleicher Weise von all denen, die ihn umgeben. So steht fest: Friedrich wird für sechs lange Wochen des Morgens konzen­triert lernen, später im Labor des Groß­vaters gegen Bezahlung weiter­arbeiten.

Da bleibt dem Jungen wenig Zeit, sich mit seiner Schwester Alma, dem Schul­freund Johann und seiner zart auf­flackern­den Lieb­schaft Beate zu treffen. Dann aber geht die Post ab. Das Vier­blättrige Kleeblatt hat den Kopf voller Flausen. Man grüßt sich bei erhobener Faust mit »Rotfront«, raucht, trinkt in Marme­laden­gläsern abge­füllten Whiskey, steigt Nachts ins Schwimm­bad, beschä­digt in einer Sandgrube einen Bagger. Derlei Mutproben können weder unent­deckt noch folgenlos bleiben.

Was Frieders Beziehungen angeht, komplizieren sich die Dinge rasch. Ein Miss­verständ­nis, eine falsche Behaup­tung verletzt Beate, so dass sie sich ver­schließt. Friedrich steckt voller Selbst­zweifel und weiß nicht recht, ob ihm schon die große Liebe begegnet ist, um die er kämpfen sollte, und natürlich fällt es ihm unter diesen Umständen noch schwerer, sich aufs Lernen zu konzen­trieren.

Ein weiterer Fauxpas unter­läuft ihm ausge­rechnet mit seiner geliebten, einfühl­samen und fürsorg­lichen Groß­mutter Nana, die in einer separaten Wohnung im Hause wohnt. Er hat ihre Tage­bücher entdeckt und heimlich gelesen, was Nana schwer verletzt hat. Aus ihren Aufzeich­nungen hat er erfahren, wie sie mit ihrer kleinen Tochter (Fried­richs Mutter) aus Ost­preußen fliehen musste, erkrankte und in einem Lazarett ihrer großen Liebe begegnete – dem Großvater. Die Diskre­panz zwischen der ergrei­fenden fernen Vorge­schichte und der kalten aktuellen Realität, die er erlebt, beschäf­tigt den pubertie­renden Jungen. Wie kann das Leben der Eheleute in getrenn­ten Wohnungen unter einem Dach und mit starrem Reglement auf Liebe fußen? Bis die Groß­mutter die Fragen ihres Enkels zu beant­worten in der Lage ist, braucht sie eine Zeit des Schwei­gens, um ihre Verlet­zung heilen zu lassen.

So wächst der zeitweise recht leicht dahin­plätschern­de Roman einer Jugend in den Achtziger­jahren an seinen ernsten Inhalten. Die kündigt bereits ein Einschub vor dem zweiten Kapitel an. Da sieht sich der erwach­sene Friedrich auf einem Friedhof recht verloren nach einem Grab um, das ein Geheimnis birgt. Der stille Ort löst beim Ich-Erzähler gemischte Gefühle aus: ein bisschen Trauer, ein bisschen Nostalgie, und so setzt im Rückblick seine Erzählung ein.

Das Thema von Ewald Arenz’ Roman ist weit verbrei­tet und immer wieder beliebt. In der Über­gangs­zeit zwischen Kindheit und Erwach­sensein spielen die Gefühle verrückt, das Gehirn weiß die vielfäl­tigen Verände­rungen des Körpers und der Emotionen noch nicht zu verar­beiten. Aller Orten spürt der Prota­gonist, dass die Leichtig­keit des Seins vorbei und er im Ernst des Lebens ange­kommen ist. Um seine Ratlosig­keit zu kaschie­ren, ist er darauf bedacht, nach außen möglichst cool zu wirken, während in seinem Inneren Hoffnung, Verwir­rungen, Enttäu­schung, Liebe, Freund­schaft und Trauer durch­einander wirbeln. All dies begegnet Frieder erstmals und intensiv, routi­nierten Lesern aber hier in eher geläu­figer Form. Leider stoßen dabei auch manch abge­droschene Sätze auf (»Gegen die Liebe kannst Du nichts machen«).

Was den Roman lesenswert macht, ist – neben seinem eingän­gigen, unter­halt­samen Stil –, dass der Autor seinem eher durch­schnitt­lichen bzw. noch unge­formten Ich-Erzähler einige interes­sant profi­lierte Figuren an die Seite stellt. Insbe­sondere enthüllen die außer­gewöhn­lichen Groß­eltern in Frieders Augen erst mit der Zeit die verbor­genen, uner­warte­ten Seiten ihres Wesens. Dass die Phase der Pubertät keines­wegs immer zu einer glück­lichen Reifung führt, zeigt uns das Schicksal Johanns. In Schul­zeiten wusste man nicht so recht, ob man den Jungen aus reichem Banker-Haushalt mit seiner absonder­lichen Suche nach der »längsten Zahl der Welt« für begabt, besonders oder be­scheuert halten sollte. Obwohl er für seinen Vater nie viel übrig hatte, zieht dessen früher Herztod Johann den Boden unter den Füßen weg.


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