Rezension zu »Die Liebe an miesen Tagen« von Ewald Arenz

Die Liebe an miesen Tagen

von


Clara, Fotografin, verwitwet, sorgt sich um ihre alternden Eltern und ihr eigenes Altern. Elias, Schauspieler, liiert, ist sich seiner Rollen im Leben nicht mehr sicher. Zufällig begegnen sich die beiden und verlieben sich schlagartig ineinander. Aber mitten im Leben, so müssen sie feststellen, sind sie nicht mehr so unbelastet wie Teenager.
Liebesroman · Dumont · · 384 S. · ISBN 9783832182045
Sprache: de · Herkunft: de

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Hauptsache anders leben

Rezension vom 25.06.2023 · 7 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Nach »Alte Sorten« (2019) hat Ewald Arenz mit seinem neuesten Roman »Die Liebe an miesen Tagen« schon den zweiten Titel in der Spiegel-Best­seller­liste unterge­bracht. Dazwi­schen wurde »Der große Sommer« 2021 zum »Lieb­lings­buch der Unab­hängi­gen« (d.h. der unab­hängi­gen Buch­hand­lungen) gekürt. So unter­schied­lich die drei Bücher in ihrer Thematik sind, so waren doch alle erfolg­reich und haben das Renommee des 1965 in Nürnberg geborenen, viel­seiti­gen Autors gefestigt.

»Die Liebe an miesen Tagen« wird wohl viel als »Romanze« gelesen und gepriesen. Das Konzept einer zeitge­mäßen Zufalls­begeg­nung zweier Erwach­sener, die nicht mehr mit »Schmet­terlin­gen im Bauch« gerechnet haben und sie nun doch über­raschend verspüren, ist ja auch attraktiv, und man mag sich gerne davon anrühren lassen. Die Ge­schich­te ent­wickelt sich unter­halt­sam, wenn auch – ganz im Sinne des ernüch­tern­den Titels – über viele Seiten gleich­förmig und ohne auf­rüt­telnde Lese­momente. Erst später, wenn der Autor die wahrhaft »miesen Tage« folgen lässt, über­stürzen sich die Ereig­nisse, exis­ten­tielle Fragen müssen bespro­chen, folgen­schwere Ent­schei­dungen getroffen werden. Dennoch ist meine Haltung zu dem Buch gespalten. Das liegt an der Gestal­tung der Protago­nisten, am Plot und am Erzähl­stil – all dies weist Brüche auf.

Clara und Elias, die beiden Haupt­figuren, sind keine Roman­tiker, auch wenn sie es gerne wären (viel­leicht so wie früher einmal). Ernüch­tert gehen sie durch ihren Alltag, und sie finden, sie haben’s schwer. Oder machen sie sich’s schwerer als nötig? Oder ver­zwei­feln sie an den hohen Maßstäben, die unsere Zeit an Menschen in der Mitte des Lebens stellt? Perfekt muss sein, drunter geht gar nichts, scheint es bisweilen.

Fotografin Clara, Ende vierzig, hat mit Pauls Tod ihren Lebens­sinn verloren. Jetzt wird ihr klar, dass sie ihr Glück mit ihm nicht bewusst genug genossen hat (»aufgesogen … bis sie von diesem Glück satt war … so erfüllt, dass sie müde wurde und ihr weich die Lider zufielen vor Glück«), und sie sieht Raum für Selbst­optimie­rung: »Das würde nicht noch einmal passieren.« Vorerst verar­beitet sie aber noch die Ver­gangen­heit, nimmt stim­mungs­volle Fotos auf, insbe­sondere aus dem »Museum meiner Liebe«, ihrem verwun­schenen Häuschen mit blau ge­striche­nen Klapp­läden, Hecken­rose am Zaun, altem Weinstock an der Fassade und verwil­dertem Garten. So etwas gibt man nur not­ge­drun­gen ab.

Dabei ist Clara kein emotio­naler Luftikus. Abgeklärt steht sie mitten im Leben, weiß, was sie will, schätzt ihre Berufs­tätig­keit, hält sich am­bitio­niert fit. Grund zur Sorge geben ihr ihre Eltern. Die Mutter ist deutlich dement, der Vater über­fordert von ihrer Betreuung und dem Haushalt. Da stehen Aufgaben an, denen sie und ihr Bruder Jan (ein Arzt) womöglich nicht gewachsen sind. Ausge­rechnet in dieser Ge­menge­lage verliert Clara auch noch ihren Job.

Die Krise, in der sich Elias befindet, ist anderer Natur. Er ist erst Ende dreißig und Schau­spieler am Stadt­theater. Ihm hängt noch die eruptive Liebe nach, die er einst mit Mona erlebte und die dann im Alltag aus­einander­stob. Geblieben ist davon die gemein­same Tochter Jule, 18, und die Er­kennt­nis: »Liebe war wie ein weiches Metall. Sie musste erst im Alltag gehärtet werden.« Aller­dings klappt das auch mit Vera nicht recht, mit der er seit einiger Zeit zu­sam­men­lebt. Bei ihr hat er in­zwi­schen das Empfinden, am falschen Ort, »im falschen Zug« zu sein. Jetzt inte­res­siert sie sich gar für eine Immo­bilie. Drohen ihm endgültig die Fesseln der Bür­ger­lich­keit? Ein Unding für eine sensible Künst­ler­natur wie ihn. Am Stadt­theater steht bald die Premiere des Stückes an, in dem er die Haupt­rolle spielt: »Tod eines Hand­lungs­reisen­den«, aber natürlich nicht das Original, sondern experi­mentell, mit nur zwei Rollen. Es geht »um ein eigentlich gelungenes Leben, das daran scheitert, dass man lieber ein anderes leben will«.

Der Fortgang der Handlung über­rascht nicht. Vera und Elias besich­tigen Claras schnucke­liges Domizil, und nach einem schick­sal­haften Stolperer liegt Elias der Verkäu­ferin nicht nur symbo­lisch zu Füßen (»Das hatte ich lange nicht mehr«). Am Nach­mittag vor der Premiere zieht es ihn auf dem Radl noch einmal zu den Mira­bellen­blüten in Claras Garten der Wunder, während der Vorstel­lung sucht Clara Blick­kontakt zu ihm, und er spielt sich in ihre Gefühle. In der Nach­bespre­chung mit Zu­schauern gibt er sich sehr persön­lich, und jeder ahnt den »Zauber des Anfangs«, der sich bis weit nach Mitter­nacht in der Theater­kneipe, bei Tanz und Gelächter, während einer Tour durch stille Stadt­straßen bis zur Stern­warte entfaltet.

Zu Ewald Arenz’ literarischen Premium­kompe­tenzen gehören die über­zeu­gende Gestal­tung außer­ge­wöhn­licher Charak­tere, passender Hand­lungs­orte und rele­vanter Themen. In seinem neuen Roman bekommen, dem Sujet ent­spre­chend, Gefühle, Romantik und Poesie viel Raum und sind gekonnt kreativ gestaltet, wirken aber bisweilen arg gewollt, wie zur Schau gestellt für ein Selfie, das nach Likes heischt (Nach dem »fast getanzten« Abend steht Clara »plötzlich an der Küste einer unbekannten See. Umkehren oder in ein Boot steigen?«). Das ratscht dann nicht selten an Rühr­selig­keit und Kitsch entlang (»er leuchtete wie von innen …, und wie er sie ansah, das war, als würde er sie mit den Blicken streicheln«), selbst wenn klassische Verse von Shake­speare dazu zitiert werden.

Im weiteren Handlungs­verlauf werden die beiden Liebenden aller­dings noch ganz anders gefordert. Als genüge es dem Autor nicht, zu gestalten, wie seine Haupt­figuren ihre durchaus komplexen Gefühle und Befind­lich­keiten analy­sieren und mit ihnen umgehen, lässt er im letzten Drittel so richtig das Schicksal zu­schla­gen. Reden reicht nicht mehr, so melo­drama­tisch wird es: Jetzt sind Taten gefragt.

Insgesamt sind mir beide Prota­gonisten fremd geblieben. Womöglich sollen sie das Lebens­gefühl der ›Millen­nials‹ spiegeln; jeden­falls sind sie dezidiert zeit­genössi­sche Menschen, bewegt von den Schwin­gungen und Problemen unserer Gesell­schaft. Viel­leicht gehört dazu, dass sie ihr äußeres Er­schei­nungs­bild so wichtig nehmen. Dass Elias, der Schau­spieler, sein Aussehen als »Arbeits­mittel. Mein Werkzeug« be­trach­tet, leuchtet mir noch ein, wenn es nicht gerade um Willy Loman geht. Aber auch Clara will sich nicht auf ihre inneren Werte allein verlassen. Noch keine fünfzig Jahre alt, macht sie sich Sorgen, ihre Attrak­tivität könne kurz­fristig verfallen. Wird sie in zwei Jahren für Elias, der sie als »herbe Schönheit« be­schreibt, zu alt für die Liebe sein? Solche Priori­täten sind nach­voll­zieh­bar und gängig, dennoch finde ich sie bei gereiften Erwach­senen ober­fläch­lich.

Insbesondere Elias kreist hauptsächlich um sich selbst. Er ist fixiert auf die Vorstel­lung, nicht nur auf der Bühne zu spielen, sondern auch im Alltag nur Rollen auszu­leben, die seinen Mit­men­schen und selbst seinen Partne­rinnen Persön­lich­keiten vorgau­keln, die gar nicht seine sind. Die ständigen Ge­danken­gänge, Selbst­befra­gun­gen und Dialoge zu diesem Themen­kreis nerven und lähmen den Hand­lungs­ablauf. Ist solche Ego­zentrik der Preis, den der Drang nach Selbst­ver­wirk­lichung fordert? Sind das Themen, die das Bild der ›Millen­nials‹ re­prä­sen­tieren?

Als sympathischere, natürlichere Charaktere sind mir die Figuren aus der zweiten Reihe näher.
Da ist die acht­zehn­jährige Jule, die als Gesprächs­partnerin ihres Vaters mit Vernunft und Ernst­haftig­keit erwach­sener auftritt als dieser.
Da ist Claras Bruder Jan, der als über­zeugen­der Ver­trauter für Elias immer größere Bedeutung gewinnt.
Da ist Vera, die im roman­tischen Plot die mieseste Karte gezogen hat und gar nicht weiß, wie ihr geschieht. »Sie mag Ehrlich­keit« und würde gern mit ihrem abgän­gigen Partner »reden«, aber wie, wenn der sich nicht einmal vor­stellen kann, was es zu bereden gibt? Offenbar hatte er nicht deutlich genug kom­muni­ziert, dass er seine Beziehung zu ihr wohl nur als »irgendwas Unver­bindli­ches« betrach­tet hatte. Dass sie sich ver­schau­kelt fühlt und ange­sichts seiner Unauf­richtig­keit, Ober­fläch­lich­keit und Ich­bezogen­heit Wut empfindet, ist nach­voll­ziehbar.
Auch Claras Eltern, die im Alter nicht mehr ohne die Hilfe anderer auskommen, sorgen für Erdung des Ge­sche­hens durch lebens­nahe, ernste, auch skurrile Momente, wie sie der Autor in ähnlicher Form schon in seinen Kurz­ge­schich­ten gestaltet hat.


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Kommentare

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Zu »Die Liebe an miesen Tagen« von Ewald Arenz wurden 1 Kommentare verfasst:

Hubert Rieping schrieb am 30.01.2024:

Gut rezensiert - von wem eigentlich? - die Innenansichten der Protagonisten in diesem Umfang und Details sind für mich gewöhnungsbedürftig, künstlich und konstruiert aber auch interessant (sicher auch wegen eigener Defizite)! Es hat sich aber auch bei mir oft ein Eindruck von Oberflächlichkeit bei der „Liebe“ in den Beziehungen aufgedrängt. Oder bin ich da nur zu altmodisch mit 81? Ach, ja, die Bemühungen des Authors, diesen kritischen Eindrücken gleich entgegen zu wirken, habe ich fast vergessen.. hr

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