Rezension zu »Der Komet« von Hannes Stein

Der Komet

von


Belletristik · Galiani · · Gebunden · 272 S. · ISBN 9783869710679
Sprache: de · Herkunft: de

Symphonie ›Aus der Alten Welt‹

Rezension vom 23.02.2014 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Alles, was im 20. Jahrhundert schief lief, repariert Hannes Stein mit einem win­zi­gen Federstrich. Nachdem eine Bom­benexplosion den Erzherzog Franz Fer­di­nand in seinem Automobil knapp verfehlt hat, fährt er nicht etwa weiter, hält eine Rede und kehrt auf dem­sel­ben Weg zurück (wo sein Attentäter wartet), son­dern verlässt Sarajewo stante pede: »I bin doch ned deppat, i fohr wieder z'haus.« Folglich wird er nicht erschos­sen, der 1. Weltkrieg zün­det nicht, all seine ver­hee­renden Nach- und Nebenwirkungen entfallen.

Wie unsere Welt heute aussehen könnte, wenn die folgenreichen Schüsse von Sarajewo nicht gefallen wä­ren, das malt der Autor in seinem klugen und charmanten Roman »Der Komet« kenntnisreich, phantasie­voll, amüsant und an­schaulich aus. Plots, wie sie andere Utopien erzählen (soziale Bewegungen, rivalisie­rende Anschauungen, Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwischen ihren Repräsentanten), fehlen; Steins Augenmerk gilt der generellen Staatsphilosophie und Befindlichkeit der Gesellschaft.

Europas Monarchien haben überlebt, Faschismus und Kommunismus bleiben wunderliche ideologische Rand­er­schei­nun­gen. Den Unsinn kriegerischer Auseinandersetzungen hat man längst erkannt, Städte und Landschaften blü­hen un­zer­stört.

Die politisch und kulturell führende Nation ist das Kaiserreich Österreich-Ungarn, ein Weltmodell im Klei­nen. Zwi­schen Bodensee und Ukraine, Böhmen und Herzegowina eint die Treue zum Doppeladler der Habs­bur­ger eine Viel­zahl unterschiedlichster Ethnien, Temperamente und Sprachen. Nicht E pluribus unum fordert sie zu­sam­men­zu­ste­hen, sondern Suum cuique ist ihnen zugesichert. Auch das deutsche Kaiser­reich (»vulgo: Preußen«, de facto eben­falls ein Vielvölkerstaat aus Bayern, Hessen, Sachsen, Schwaben, Preußen ...) belässt heiklen Regionen wie dem Elsass großzügige Autonomie.

Auf einem Fundament aus Aufklärung, Bibel und bürgerlichen Tugenden hat sich die Gesellschaft maßvoll wei­ter­ent­wickelt, tolerant und auf sozialen Ausgleich bedacht. Nichts könnte das besser illustrieren als das Völker- und Spra­chen­ge­misch in Wien. Deutlich ist schon im Straßenbild zu erkennen, dass das Judentum in Wirtschaft und Kul­tur die Führungsrolle spielt. Im übrigen sind die Juden gerade in Deutschland »seit Jahrhunderten in der Provinz ver­wur­zelt ... ganz normale Durchschnittsleute und bei den Gojim in ihrer Um­ge­bung hoch angesehen«. Das Verhältnis zwischen Juden, Christen, Moslems und Andersgläubigen ist so un­ver­krampft, dass man sich mit Antisemitismus ebenso unaufgeregt auseinandersetzt wie mit Nörglern und Quer­trei­bern.

Seit 1871 »weitgehend verschont« von Kriegen, ist das christliche Abendland der kulturelle und moralische Nabel der Welt. Filme aus den Rosenhügelstudios bei Wien, von und mit Georgy Lukasz, Szczepan Szpil­berg, Arnold Schwarzenegger und Christoph Waltz, feiern weltweite Erfolge; Almdudler ist rund um den Globus das Kultgetränk; die Weltsprache ist Deutsch. Die wirtschaftlich-technologische Führungsmacht, nicht geliebt, aber respektiert, ist Deutsch­land mit seinen innovativen, teuren Spitzenerzeugnissen. Beim Wettkampf um überseeische Besitzungen einst ebenso leer ausgegangen wie die Österreicher, konnten die Deutschen dank ihres Vorsprungs durch Technik in­zwi­schen die Antarktis und seit 1944 den Mond kolo­nia­li­sie­ren. Technik wird übrigens nur für edle Zwecke fort­ent­wickelt: Zwar kann man von mehreren euro­päi­schen Flughäfen per Linienflug zum Mond reisen, aber dass Men­schen aus Flugzeugen Bomben abwer­fen – »wie sollte das technisch gehen?«

So ist Österreich-Ungarn ein Land, das man allemal »gut bewohnen konnte ... das aus Regeln, Herkunft und ein biss­chen Fortschritt gemacht war ... Reaktionär, fortschrittlich und human«.

Andere Weltregionen und -kulturen können nicht mithalten. Kopfschüttelnd nimmt das blühende Europa zur Kennt­nis, wie die Japaner (»Barbaren«) ihre chinesischen Nachbarn grausam unterdrücken. Den Rus­sen und Amerikanern entging die Gelegenheit, sich als Supermächte zu profilieren; beide dümpeln im Mittelfeld; die provinziellen USA üben »strikte Neutralität«.

Steins Welt scheint zur Ruhe gekommen. Das idyllische Retro-Utopia ist so in Vernunft gefestigt, dass Ge­fahr nur von außen drohen kann. Und in der Tat nähert sich aus dem All ein gewaltiger Komet. Sein Ein­schlag, so hat man weit im voraus berechnet, wird am 11. September 2001 um 9.03 Uhr »ein bisschen westlich von Wien« stattfinden und die Apokalypse bringen. Ist die Menschheit noch zu retten? David (»Dudu«) Gottlieb, kaiserlicher Hofastronom aus Wien, wird in die deutsche Forschungsstation auf den Mond berufen.

Indessen gibt sich seine Frau Barbara zu Hause den Wonnen einer Liebesaffäre hin. Der feinsinnige, noch gänzlich un­be­leckte Student Alexej von Repin aus her­unter­ge­kom­me­ner russischer Adelsfamilie verliebt sich in die gereifte Schön­heit (»warme Mittelmeeraugen ... griechische Nase ... sanft gewölbter Frauen­bauch«) und wird von ihr in man­cher­lei Geheimnisse eingeführt.

Doch die beiden Handlungsstränge schreiten gemächlich voran, tauchen überhaupt nur gelegentlich an der Ober­fläche auf. Dazwischen füllen zahlreiche lose verknüpfte Episoden die Kapitel (Kardinal, Rabbiner und Psychiater beim Tarock im Kaffeehaus; der Kaiser in seinem Büro; der anarchistische »Fernseh­philo­soph« beim Räsonnieren über Zufall und Gewalt ...), und jede bietet Ausgangspunkte für Gespräche und ara­bes­ke Reflexionen, die die Zu­stän­de und ihre für uns neue Entwicklungsgeschichte erklären.

Die Kontrastierung dessen, was hätte sein können, mit dem, was leider war, treibt der Autor gern dadurch auf die Spitze, dass er das Datum eines realen Tiefpunktes zu einem Triumphereignis ›seiner‹ Historie um­wid­met. Die erste Mond­landung etwa gelang den Deutschen am 27. März 1944; wie schön wär's ge­wesen! Stattdessen schlugen an jenem Tag V2-Raketen in London ein. Solche Details erfährt man aus dem Glos­sar, dessen Erläuterungen, Bio­graphien und realhistorische Abrisse nicht selten einen bitteren Ge­schmack bekommen.

Dass eine Historie aus Vergeblichkeit, Absurdität und Dummheit nicht unrealistisch ist, beunruhigt indes nur wenige: Den Ingenieur August Biehlolawek etwa quälen Albträume, »von der Alten Welt sei nicht einmal mehr eine Er­in­ne­rung übrig geblieben«, nachdem ein oder zwei Kriege sie mit Panzern, Bomben und millionenfacher Grausamkeit ver­nich­tet haben. Die Psychoanalyse ist ratlos angesichts des irrwitzigen Todestriebes des Patienten ...

Dies alles porträtiert ein fein gebildeter Erzähler, ein lächelnder, diskret-offenherziger Plauderer, der uns mit zahl­losen Schmankerln bei Laune hält. Seine Sprache ist gepflegt wie die Atmosphäre, die sie be­schreibt, mit Sinn für Be­deu­tung und Ästhetik, für Rhythmus und Maß. Bei der Lektüre stellt sich eine no­stalgisch-zuversichtliche Stim­mung ein, wie sie beim Lesen von Jules-Verne-Romanen oder beim Blättern in ver­gilb­ten Konversationslexika auf­kommt. Sie wird gestützt von Archaismen (»Bureau«, »Caveat«), un­gewohnten termini technici (»Klapprechner«, »Düsen­zug«, »Elektropost«), Beschreibungen (in Fraktur be­schriftete Hinweisschilder auf dem Mond) und herzigen Austriazismen (»Zwetschgenröster«, »um viertel auf sieben«, »Tschapperlwasser«, »owidraht«).

Hannes Stein ist ein wunderbares Buch gelungen, das rundum überzeugt, auch wenn er natürlich viele Kom­po­nen­ten, die Geschichte machen, einfach wegblendet. Eine aufregendere Handlung wäre leicht möglich gewesen, aber darum ging es dem Autor nicht. Er wollte nur mit der Geschichte spielen.


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