Rezension zu »Nach uns die Pinguine: Ein Weltuntergangskrimi« von Hannes Stein

Nach uns die Pinguine: Ein Weltuntergangskrimi

von


Kriminalroman · Galiani · · Gebunden · 208 S. · ISBN 9783869711560
Sprache: de · Herkunft: de

Was von uns Menschen übrig bleibt

Rezension vom 26.09.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Wir befinden uns in gar nicht ferner Zukunft. Die ganze Menschheit ist dahin­gerafft ... Die ganze Mensch­heit? Nein! Ein von unbeug­samen Briten bevölkertes süd­atlanti­sches Eiland hat dank seiner splendid isolation überlebt. Und so halten die dortigen Unter­tanen Ihrer verbliche­nen Majestät die Tugenden der ältes­ten (und einzig über­lebenden) Demo­kratie hoch, disku­tieren im Pub bei lau­warmem Bier über Gott und die Welt, ent­spannen bei scones und tea, essen Fish'n'Chips aus Zeitungs­papier und Steak-and-Kidney Pie, als wäre nichts geschehen.

In letzter Zeit sind zu den dreieinhalbtausend Falkländern (davon ein Drittel Militärs) ein paar Fremde hinzuge­stoßen. Seit dem Exitus der Mensch­heit – »betrüb­liche Ereig­nisse, über die wir nicht gerne reden« – ankert vor der Hauptstadt Stanley die Serendipity (»glücklicher Zufall«), ein US-Kreuz­fahrt­schiff. Als es einst Fort Lauder­dale, Florida, mit dem Ziel Antarktis verließ, herrschte noch Frieden auf Erden. Doch während seiner vergnüg­lichen Reise durch den Atlantik spitzten sich seit Langem gärende Krisen (beklem­mend, wie vertraut sie uns alle aus den täglichen Nach­richten sind) blitz­schnell zu, und ehe die Welt es sich versah, hatte jeder hitz­köpfige Diktator, ver­bohrte Ideologe oder recht­gläubige Religions­führer alles, was sein Arsenal an heißen Spiel­sachen (Viren und Bakte­rien inklu­sive) hergab, über oder mitten in seinem jewei­ligen verhass­ten Nachbar­land freige­setzt. Eine Ketten­reaktion, die eine Region nach der anderen für immer von der Landkarte getilgt und die Existenz der Mensch­heit rasch beendet hatte, als das Schiff die Insel der Glück­seligen erreichte.

Deren Bewohner waren allerdings wenig begeistert von dem Andrang. Schließlich mussten sie alle wert­vollen Ressourcen wie Treib­stoff in aufwän­digen Expedi­tionen vom argentini­schen Festland beschaffen. So durften nur die wenigen, deren Qualifi­kation auf der Insel­gruppe gefragt war, das Schiff verlas­sen und auf Einbürge­rung hoffen.

Einer dieser assimilierten Neu-Insulaner ist Josh Felden­krais, der Ich-Erzähler. Der gebür­tige New Yorker betreibt nun schon seit geraumer Zeit den Radio- und Fernseh­sender (der nichts als erbauliche Kost wie Coronation Street, East Enders und James-Bond-Filme ausstrahlt). Das gemäch­liche, selbstzu­friedene Leben in der einsamen Enklave mensch­lichen Lebens, die mit ihrer Population von einer halben Million Schafen und dreizehn Pinguin-Arten das Zeug zu einer fried­lichen Insel Utopia hätte, könnte getrost so weiter­gehen. Doch dann geschieht ein rätsel­hafter Mord, der Josh Felden­krais' Instinkte als investi­gativer Reporter weckt und eine Krimi­handlung in Gang setzt, die der Idylle den Garaus macht.

Gewiss hat Hannes Stein Spaß am Sammeln und Spielen. Mit Fleiß und Eifer muss er enzyklo­pädi­sche Zettel­kästen zu ver­schiede­nen Kulturen, histori­schen Zusam­menhän­gen und literari­schen Genres vollge­packt haben, und aus diesen Bau­steinen bedient er sich, um originelle Romane zu konzi­pieren. Aber der Autor bildet die Tatsachen nicht einfach ab, sondern verfrem­det sie durch einen »Was wäre, wenn ...?«-Filter. In seinem Erstling »Der Komet« [› Rezension] ersparte er Erz­herzog Franz Ferdi­nand den frühen Tod in Sara­jewo, der Welt die Welt­kriege und den euro­päischen Monar­chien den Unter­gang. Die Handlung spielt in einem k.-u.-k.-seligen Wien, der Haupt­stadt der ruhm­reichen Habs­burger-Großmacht, während unser Planet vom titel­gebenden Himmels­körper bedroht ist. In Steins zweitem Buch hat sich die Mensch­heit bereits selbst elimi­niert, aber ein Häuflein Über­lebender zelebriert unbeein­druckt Britannia mit all ihren liebens­werten und kauzi­gen Eigen­heiten.

Neben solch traditionsreichen Kulturen ist Stein – nach eigenem Bekunden schon seit Kinder­tagen – fasziniert von »closed room mysteries«, Mord­taten in herme­tisch begrenzter, enger Umgebung und mit wenigen Beteilig­ten, von denen im Prinzip jeder durch einige der ande­ren als Täter ausge­schlos­sen wird. Wie konnte der Mörder unbe­merkt in den abgeschlos­senen Raum eindringen und/oder entweichen, wie töten, ohne eine Spur zu hinter­lassen? Dieses Krimi-Element hat der Autor als roten Faden in den globalen Welt­unter­gangs- und den briti­schen Kultur­rahmen einge­woben. Aber der Mord­fall packt den Leser nicht richtig. Zu konstru­iert sind die Umstände, zu unauf­fällig charak­terisiert die Verdäch­tigen, zu verschwur­belt die Auf­klärung (»Irgendwo zwischen oder hinter den zitierten Sätzen steckte die Antwort.«), zu eigen­willig die Lösung, zu gesucht die deus-ex-machina-Schluss­wendung.

Bei distanzierter Betrachtung des Ganzen stellt sich die Frage, ob das Setup aus Genre- und Motiv­bau­steinen einem ›höheren Zweck‹ dient oder bloß den aktuellen Vorlieben des Autors ent­sprungen ist und ebenso gut ganz anders hätte gemixt werden können. Was ist nur Spiel, was hinter­gründiger Ernst, was Ironie, was Philo­sophie, was reine Virtuo­sität? Wie schon in »Der Komet« konnte ich nichts erkennen, was auf ein ›Anliegen‹, eine ›tiefere Bedeutung‹ schließen lässt, habe das freilich auch nicht vermisst. Denn das Lese­vergnügen entsteht erneut aus der gepfleg­ten, eleganten Sprache (selbst Zoten kommen als Limericks geadelt daher), der Viel­zahl intelli­genter Anspie­lungen, Bezüge, Verweise, Zitate (Bibel, Shake­speare, Robert Burns, ...), dem differen­zierten Geschichts­wissen (oft sokra­tisch-dialo­gisch aufbe­reitet) und dem Reichtum an bild­kräfti­gen Szenen, anregen­den, amü­santen Dialogen und witzigen Einfällen der Hand­lungs­führung.

Leider liest sich »Nach uns die Pinguine« nicht so kurz­weilig wie »Der Komet«. Gerade da, wo es dem Autor ernst zu sein scheint, weicht die Leichtig­keit des Tons und der Gedanken. So ist die Persön­lichkeit des Erzähler-Protago­nisten ohne jede interne Not­wendig­keit über­frachtet: Josh Felden­krais ist homo­sexuell, Jude und Mormone, was allerlei Exkurse veran­lasst, deren Toleranz heischende Unter­töne nicht so recht ins Konzept passen.

Eine Leseempfehlung mit einigen Einschränkungen.


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